Ein wütender Mann

Der deutsch-serbische Schriftsteller Saša Stanišic ist entsetzt darüber, dass Peter Handke den Nobelpreis bekommen hat.

«Ich hatte das Glück, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt», sagt Saša Stanišic. Foto: Jan Woitas (Keystone)

«Ich hatte das Glück, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt», sagt Saša Stanišic. Foto: Jan Woitas (Keystone)

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Dass Saša Stanišic wütend ist, wusste man schon vor seiner Dankesrede. Der Hamburger Schriftsteller, der in diesem Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, twittert seit Donnerstag seine Fassungslosigkeit wegen des Nobelpreises an Peter Handke in die Welt, zitiert Sätze aus Handkes Werk und kommentiert sie ironisch oder auch völlig unironisch: Handke sei ein Autor, der sich «hinter der Freiheit, alles erzählen zu dürfen, weil alles Poesie und alles Ambivalenz und alles Autor sein darf, feigst versteckt»; er bleibe aber «ein kitschiger Möchtegern».

So klingt Saša Stanišic, wenn er wütend ist. Wobei man ihn sich eigentlich nicht als wütenden Zeitgenossen vorstellen sollte. Im Gegenteil: Stanišic mag die meisten Menschen, das merkt man im Gespräch mit ihm und auch, wenn man seine Bücher liest. Dabei schreibt er über Krieg, Gewalt, Demütigung – ohne jedoch zum Voyeur zu werden. Stanišic ist als Mensch wie als Autor überaus höflich. Sogar vor seiner Rede beim Buchpreis hatte er sich erst einmal entschuldigt: «Ich bitte Sie um Nachsicht, wenn ich diese kurze Öffentlichkeit dafür nutze, mich kurz zu echauffieren.»

Saša Stanišic ist vom Nobelpreis für Handke doppelt getroffen: einmal als Schriftsteller, der eine eitle, ästhetizistische Literatur ablehnt, und dann als Autor, der sich in seinem Schreiben intensiv mit seiner Herkunft auseinandergesetzt hat. «Herkunft», so lautet auch der Titel seines aktuellen Romans, den die Jury in Frankfurt zum besten Buch des Jahres gewählt hat. Der 41-Jährige erzählt darin die Geschichte seiner Familie, seiner bosnischen Mutter und seines serbischen Vaters, die 1992 mit ihrem 14 Jahre alten Sohn aus Visegrad nach Heidelberg geflohen sind. «Ich hatte das Glück, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt», sagt er in Frankfurt.

Verlust als Lebensthema

Zur Literatur kam Stanišic in Heidelberg, wo er Deutsch als Fremdsprache und Slawistik studierte und dann einer Sachbearbeiterin, die bereits die Papiere für seine Ausweisung vorbereitete, klarzumachen versuchte, dass Schriftsteller ein Beruf sei, der sich aus dieser Fächerkombination ergebe. Nicht nur seiner Überzeugungskraft, sondern auch Beamten, die einmal nicht Dienst nach Vorschrift machten, verdankt er, dass er danach am Leipziger Literaturinstitut studieren konnte.

In all seinen Werken, am stärksten in «Herkunft», wird klar, dass das Abschweifen in die Fantasie für sein Schreiben zentral ist. Stanišic, der mittlerweile fast 26'000 Tweets abgesetzt hat, manche witzig, manche wütend, weiss, wovon er spricht, wenn er von Abschweifung spricht. Tatsächlich entstehen Teile seiner Texte oft zuerst in 280-Zeichen-Nachrichten. Twitter ist ihm Zeitvertreib, vor allem aber Medium der Zeitgenossenschaft.

Der Krieg, in dem der Nobelpreisträger Partei ergriff, indem er sich «exklusiv an die Seite der Mörder und Milosevic-Freunde» stellte, nahm Saša Stanišic Familienmitglieder, Freunde und seine Heimat. Dieser Verlust ist so etwas wie ein Lebensthema, dem er mit seinem Schreiben begegnet: die schwierige Suche nach jenem Ort, an dem man zufällig geboren wurde, an dem man aber nicht mehr sein kann. Saša Stanišic hat sich vorgenommen, diesen Ort zu erfinden.

Erstellt: 16.10.2019, 20:32 Uhr

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