Eine Familie bricht auseinander

«Hier bin ich»: Der neue Roman von Jonathan Safran Foer erzählt von einem Ehepaar, das sich unter der Last der alltäglichen Besorgungen abhandenkommt. Am Montag liest der US-Autor in Zürich.

Jonathan Safran Foer trifft ins Zentrum der Lebenswirklichkeit eines überforderten Paars. Foto: Natan Dvir (Polaris, Laif)

Jonathan Safran Foer trifft ins Zentrum der Lebenswirklichkeit eines überforderten Paars. Foto: Natan Dvir (Polaris, Laif)

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«Hier bin ich» von Jonathan Safran Foer schildert mit schonungsloser Präzision den fortschreitenden Zerfall einer Ehe. In Zeitlupe sehen wir, wie ein Spiegel in tausend Einzelteile zerbricht und wie alle Versuche, den Schaden zu beheben, vergeblich sind. Als ob ein ehernes Gesetz oder eine unsichtbare Macht im Spiel wäre, reduziert sich das Miteinander auf ein Minimum. Die Dialoge sind so schnell und atemlos, dass den Figuren kein Raum für Empathie bleibt. Als sich Jacob und Julia Bloch wieder einmal streiten, ermahnt er sie, doch Rücksicht auf Argus, den Hund, zu nehmen:

«Er versteht, was du sagst.»
«Aber du nicht. Dein Hund . . .»
«Unser Hund.»
«. . . ist intelligenter als mein Mann.»

Auch zwischen den Eltern und ihren drei Söhnen Sam, Max und Benjy steht es nicht zum Besten. Als es einmal an die Türe des 13-jährigen Sam klopft, antwortet er:

«Verpiss dich, du Arsch.»
«Wie bitte?», sagte seine Mom, öffnete und trat ein.
«Entschuldige», sagte Sam und drehte schnell das iPad um. «Ich dachte, es wäre Max.»
«Und du findest es richtig, so mit ­deinem Bruder zu reden?»
«Nein.»
«Oder mit wem auch immer?»
«Nein.»
«Warum tust du es dann?»
«Keine Ahnung.»
«Du solltest kurz darüber nachdenken.»

Derartige Dialoge, die keine eigentlichen Gespräche sind, prägen den filmisch verfassten Roman. Immer wieder kommt es zu regelrechten Verbalschlachten, deren Wucht auch die Ironie nicht mehr zu bremsen vermag. Die Auseinandersetzungen kulminieren in dem Ausruf Jacobs: «Du bist meine Erzfeindin!» Diesen Satz verzeiht Julia Jacob ebenso wenig wie er ihr das Lesen seiner SMS auf seinem zweiten Handy. Sie hat das Gerät auf der Toilette entdeckt und geknackt mithilfe Sams, der dauernd vor dem Computer sitzt und «Other-Life» spielt.

Pornografische SMS

Während Jacob sich über den Vertrauensverlust beklagt, wirft sie ihm den pornografischen Inhalt vor: «Du schreibst einer Frau, die nicht die Mutter deiner Kinder ist, dass du dein Sperma aus ihrem Arsch lecken willst.» Dass es bei den SMS geblieben sei, mag sie ihm mit seinen «mühsam erreichten Wackelpudding-Erektionen» glauben. «Du bevorzugst deine staubtrockene, blowjoblose Existenz, weil sie dir das Zittern um deine Erektion erspart.»

Die gegenseitigen Verletzungen, die Jonathan Safran Foer wie Spritzen setzt, treiben Jacob und Julia nach sechzehn Ehejahren auseinander. Sie ziehen sich auf ihr Selbst zurück und schotten sich ab. Aus Anwesenheit wird Abwesenheit, und ihrem Innenleben widmen sie sich nunmehr getrennt voneinander. «Jacob brachte den Kindern den Unterschied zwischen ‹das Gleiche› und ‹dasselbe› bei, wusste aber nicht mehr mit seiner Frau zu sprechen.»

Die Entfremdung findet nicht nur zwischen Jacob, dem Drehbuchautor, und Julia, der Architektin, statt, sondern auch in ihnen selbst. Jacob spürt zunehmend, wie er den inneren Monolog mit sich verliert und nicht mehr weiss, was ihn selbst ausmacht. Der Zugang zur eigenen Stimme, diesem Quell der Kreativität und Sitz des Gewissens, wird durch den Lärm des Alltags versperrt. Es gibt so viel Leben rundherum, dass das eigene untergeht.

So wie Jacob Bloch die Beziehung zur Gegenwart unter dem Andrang der alltäglichen Herausforderungen abhanden kommt, so verliert er – darum geht es im zweiten Teil des Buches – auch sein Verhältnis zur Vergangenheit, insbesondere zur Religion. Das wird ihm schmerzlich bewusst, als sein Cousin Tamir aus Israel anreist. Dieser wirft Jacob vor, sich ­weder für den Staat noch für das Schicksal der Juden zu engagieren. Die Kluft zwischen den amerikanischen und den israelischen Juden sei so gross, dass von einem «Wir» keine Rede sein könne. ­Israel, so Tamir, sei Jacob nicht so wichtig, denn «ihr würdet auch ohne überleben». Anstatt zu handeln und zu kämpfen – nach einem Erdbeben ist Israel von einem Angriff der Araber bedroht –, «gibst du nur Geräusche von dir».

Während Tamir versuchte, «nicht getötet zu werden, hatte Jacob versucht, nicht an Langeweile zu sterben». So wie Sam mit der «Other-Life»-Identität (die sein Vater einmal auslöscht) vom realen Leben entfernt ist, so entfremdet ist Jacob Bloch der israelischen Realität. Im Unterschied zu den lebensbedrohlichen Problemen sind seine banal: «Meine Kinder starren den ganzen Tag auf Bildschirme. Mein Hund ist inkontinent. Ich habe eine unersättliche Gier auf Pornos, kann aber nicht unbedingt mit einer Erektion rechnen, wenn ich eine analoge Möse vor der Nase habe.»

Obwohl er genauso wenig an Gott glaubt wie an den Sinn der Frage nach dessen Existenz, wünscht sich Jacob, Benjy, der Jüngste, möge gläubig sein. Dieser Widerspruch passt zu der auch religiös entwurzelten Familie. Die Eltern wollen, dass Benjy nicht so wird wie Sam, den der «jüdische Scheiss» kaltlässt und der «nullkommanull Interesse an der Tora» zeigt.

Eine Synagoge aus Worten

Auch wenn Jacob Atheist ist, erkennt er Jüdisches in seinem Leben. «Meine Synagoge besteht aus Worten» – ganz im Sinne des Rabbi, der an der Beerdigung des Grossvaters Isaac sagte: «Der Judaismus hat ein besonderes Verhältnis zu Worten. Wenn man etwas mit einem Wort bezeichnet, erweckt man es zum Leben.» Ähnlich wie Tamir hält ihm Julia vor, dass er immer nur rede und seine Worte nichts bedeuteten.

«Hier bin ich» – so Abrahams Worte an Gott, als er seinen Sohn töten soll – ist eine temporeiche, intimste Details aushorchende Beschreibung des Seelen­lebens einer säkularen jüdischen Familie in Washington. Jonathan Safran Foer trifft ins Zentrum der Lebenswirklichkeit eines vom komplexen Alltag und den eigenen Ansprüchen überforderten jungen Paars, das zudem den Bezug zur Überlieferung verloren hat: ein ungemein zeitgenössisches Buch. Ausserdem schreibt sich Foer nach der Scheidung von der bekannten Autorin Nicole Krauss den Frust vom Leibe, der mit der Entzauberung eines geliebten Menschen einhergeht. Dass das Buch zu lang und zu überbordend ist, nimmt man gerne in Kauf angesichts der Energie und Kraft, die es verströmt. Denn wenn es bergab geht, spürt man den Wind in den Haaren – und das Leben in den Knochen.

Jonathan Safran Foer: Hier bin ich. Roman. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. 683 S., ca. 37 Fr.

Lesung Montag, 30. Januar, um 20 Uhr im Zürcher Kaufleuten. Wenige Restkarten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2017, 18:33 Uhr

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