Eine Qual

Wie konnte Frank Schätzings neuer Roman «Die Tyrannei des Schmetterlings» nur so misslingen?

Autor Frank Schätzing.

Autor Frank Schätzing. Bild: Paul Schmitz

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Auf Seite 20 kühlt es «schlagartig ab». Danach, Seite 70, heisst es: «Der Wind hat aufgefrischt.» Wobei auch die Sonne eine Rolle spielt, die auf Seite 129 aussieht «wie rote Pappe hinter Wasserdampf». Gut, denkt man, denn nun, auf Seite 266, «haben sich die letzten Zirruswolken verzogen», vermutlich, um auf Seite 333 den Himmel, «jetzt saphirblau, voller Sterne», auf grandiose Weise in die Nacht zu entlassen, während «tief im Westen ein Streifen Abendrot dahinschmilzt».

Das tut der Streifen Abendrot dem wetterfühligen Kritiker gleich, der an dieser Stelle, es ist die Seite 405 von Frank Schätzings neuem Thriller «Die Tyrannei des Schmetterlings», hofft, dass sich die bedrohlich tyrannisch werdende Wetterkunde nicht auch noch auf die nächsten 331 Seiten erstreckt. Schon am Anfang, im ersten ganzen, also nicht lediglich dahergeraunten Satz ist zu erfahren: «Von April bis Oktober verflüssigt sich die Luft. Wie schwarzblaue Planeten hängen die Regenfronten dann über den Bergen ...» Irgendwann in diesem Buch besucht man erneut die Widmung vorne, weil man vermutet, das Buch müsste doch eigentlich dem Fernseh-Wetterfrosch Sven Plöger oder seiner Kollegin Claudia Kleinert gewidmet sein. Ist es aber nicht, es ist wie immer (was man sehr sympathisch findet) Sabina gewidmet: «Mein Schwarm. Mein Schmetterling. Mein Alles.» Schön ist das.

So schmilzt man also dahin wie ein Streifen Abendrot, wobei von den sehr vielen, ja üppig wuchernden Landschaftsbeschreibungen in diesem Sci-Fi-Roman noch gar keine Rede war. Gegen Ende, auf Seite 656, durchsetzen jedenfalls Riesenfarne «die puritanische Ordnung der Tannen, Hänge entflammen unter Orchideenfeldern» - und «grosse Fluginsekten stehen über dem Wasser, an dessen Grund das Sonnenlicht auf vielfarbigen Kieseln tanzt ...» Ach, auch schön, doch, tanzendes Sonnenlicht und so - aber, hey: Hat das wirklich Frank Schätzing geschrieben?

Superintelligentes Algorithmusmonster

Vielleicht ist es gut, wenn man sich an dieser Stelle als nicht so grosser Freund poetisierender Meteorologie und relativ sinnarmer, dafür adipös veranlagter Fauna-Flora-und-Topografie-Prosa outet; allerdings ist man tatsächlich ein grosser Frank-Schätzing-Fan. Neben Manns «Zauberberg» und Pynchons «Die Versteigerung von No. 49» hat man im Leben nur noch ein Buch mehrmals gelesen. Und zwar den im Frühjahr 2004 erschienenen, tausendseitigen Ozeanologie-Thriller «Der Schwarm», der mittlerweile eine Gesamtauflage von mehreren Millionen Exemplaren erreicht hat und weltweit in Dutzende Sprachen übersetzt wurde.

Absolut zu Recht. Frank Schätzing ist ein wortgewaltiger, (fast) niemals langweilender, raffiniert und elegant konstruierender Dramaturg, der wie kein anderer deutscher Autor in der Lage ist, U und E, Wissenschaft und Thrill, Krimi und Roman, Suspense und Information zu höchst lesenswerten, mit ungewöhnlichen Charakteren angereicherten, zugleich spannenden und hintergründig erkenntnisstiftenden Büchern zu verdichten. Er ist Michael Crichton und Dan Brown in einem. Das hat er auch mit «Limit» (2009) und «Breaking News» (2014) gezeigt. Aber wer zur Hölle hat dann «Die Tyrannei des Schmetterlings» verfasst?

Einmal sass man mit Schätzing, der klug und charmant ist, in einem Kölner Café, dort, wo er sich jahrelang am «Schwarm» abmühte. Man fragte ihn, den Bestsellergaranten, nach der Bestsellerformel. «Gibt es nicht», sagte er, «wenn Sie beim Schreiben in Formeln, Standards und Erwartungen denken, haben Sie schon verloren.» Man müsse schreiben, was man will, nicht, was man soll - das sei die Kunst. Wenn das so ist, dann ist die formelhafte und durchstandardisierte Schmetterlingstyrannei kein Werk der Kunst, sondern eher eines der künstlichen Intelligenz. Das ist, abgesehen vom Wetter und von der Landschaft, das eigentliche Thema des Thrillers, der verblüffenderweise dies ist: langatmig, redundant, ungenau, widersprüchlich, banal und auf wortreich raunende Weise einfach etwas surreal.

Durch dieses Buch kann man sich quälen, doch lieber läse man im «Schwarm» noch mal 60 Seiten über Plankton, als Luther Opoku noch weiter durch die Durchgeknalltheit diverser Paralleluniversen zu folgen - im Kampf gegen ein superintelligentes Algorithmusmonster, das die Erde beschützen will. Zunächst. Denn daraus, aus der Erde, soll eine «andere Welt» werden. «Gesund. Blühend. Reich an Arten.» Also die intakte Ökosphäre. Die ist leider nur dann intakt, wenn sie frei vom Schädling Mensch ist. Und, so Schätzing, so vollziehe es sich.

Dabei könnte man den Plot kurz und bündig so zusammenfassen: Der Held, Undersheriff Luther Opoku, der seltsam undeutlich und als Charakter vage bleibt (wie viele andere Figuren auch, bis hin zum klischeehaft karikierten IT-Guru Elmar Nordvisk), klärt einen Leichenfund in Sierra County auf, wobei er - diverse Paralleluniversen sowie Vergangenheit und Zukunft bereisend - ein dunkles Silicon-Valley-Geheimnis enthüllt, nämlich die zum Amok und zur Apokalypse neigende KI namens Ares (das ist der titelgebende Schmetterling), welche die Menschheit erst in die Irre führt und dann auslöscht, relativ erfolgreich. Nebenher geht es um das Internet der Dinge, Nanobots, genmanipulierte Insekten, Biowaffenschmuggel und Sex-Roboter, die mithilfe von delirierendem Sex morden. Es gibt Schurken, Nerds und schöne Frauen. So vollzieht es sich.

Es ist, als hätte eine erst halbvollendete KI wahllos alle Wikipedia-Artikel zum Thema KI verdaut, um daraus im 3-D-Drucker ein Buch als Sammelsurium sattsam abgenudelter, aus Film und Literatur längst bekannter Technik-Dystopien zu machen. Schätzing kann das nicht geschrieben haben. Nicht in diesem Universum.

Frank Schätzing: «Die Tyrannei des Schmetterlings». Kiepenheuer & Witsch, 2018. 736 Seiten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.04.2018, 12:15 Uhr

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