Eine Stadtschreiberin mit calvinistischem Arbeitseifer

Die junge Georgierin Tamta Melaschwili, preisgekrönt für ihren Erstling «Abzählen», ist derzeit Writer-in-Residence in Zürich. Hier arbeitet sie an einem neuen Roman. Morgen Abend tritt sie im Literaturhaus Zürich auf.

Preisgekrönte Schriftstellerin: Tamta Melaschwili. Foto: Doris Fanconi

Preisgekrönte Schriftstellerin: Tamta Melaschwili. Foto: Doris Fanconi

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Der Zauberberg. Er fasziniert. Und führt bei Tamta Melaschwili zu aufgeregten Bewegungen mit dem Oberkörper, einem breiten Lachen und strahlenden Augen. Sie zeigt ihre Freude wie ein kleines Kind. «Einmal Thomas Manns Aura einatmen – das ist doch toll!» Bei unserem Treffen im Café Bellavista erzählt sie als Erstes von ihrer geplanten Reise nach Davos. Als Zweites entschuldigt sie sich für ihr «nicht so gutes» Englisch. Unterhalten kann man sich aber trotzdem wunderbar mit ihr.

Die 35-Jährige ist die neunte Gastschreiberin des Zürcher Literaturhauses und nutzt die sechs Monate in der Schweiz, um ihr zweites Buch zu schreiben. Ihr Debütroman «Abzählen» erschien 2012 in deutscher Übersetzung beim Zürcher Unionsverlag. Melaschwilis Blick auf den Krieg durch Kinder­augen und ihre direkte Sprache überzeugten; sie erhielt den Deutschen Jugend­literaturpreis in der Kategorie Junge Erwachsene. «Meine Mama hat sich noch wegen der vielen Schimpf­wörter im Buch beschwert. Als aus dem Buch dann so ein Erfolg wurde, hat sie nichts mehr davon gesagt.»

Seit Dezember lebt und schreibt Tamta Melaschwili in einer Wohnung nahe dem Klusplatz. Die räumliche ­Distanz und der mentale Abstand zu ­Georgien – und der Hauptstadt Tiflis, wo sie sonst lebt – tue ihr gut, sagt sie. In ­ihrer Heimat arbeitet sie über Frauenrechte und Fragen der Identität und Gender. Ausserdem unterrichtet sie an der Universität.

Der Druck ist weg

Hier in Zürich aber ist der Kopf frei für die Literatur und der Arbeitseifer fast schon calvinistisch. Jeden Morgen steht sie um sieben Uhr auf und arbeitet bis Mittags durch. Einziges Hilfsmittel: unglaublich viel Kaffee. An die Aussicht musste sie sich zuerst gewöhnen. «Von der Wohnung aus kann ich den See ­sehen. Und die Berge.» Ihr Erstlingswerk hat sie in einer verlassenen Wohnung eines Bekannten geschrieben. Ohne Klimaanlage und ohne fliessendes Wasser. «Für diese Geschichte war das genau der richtige Ort. Dort konnte ich auf meine Art meine Wut über den Krieg ausdrücken.» Heute, sagt sie, sei ihr Schreibstil ein ganz anderer: «Viel bewusster. Viel geplanter.» Bei der Handlung, in der Sprache «versuche ich ganz stark, das erste Buch zu vermeiden.» In Zürich ist auch der Druck von ihr ab­gefallen, der nach dem fulminanten Debüt auf ihr lastete. «Wobei Druck noch untertrieben ist. Ich war umgeben von Angst. Ich habe mich gefragt: Vielleicht war das alles bloss Glück?»

Über ihr neues Thema ist Melaschwili regelrecht gestolpert, in dunklen Räumen mit staubigen Papieren. «Früher waren Archive für mich das Langweiligste, was es gibt.» Sie lacht. «Dumm von mir.» Im Rahmen eines Forschungsprojekts beschäftigte sie sich mit der ­georgischen Dichterin Elene Dariani, der Geliebten des berühmten Dichters Paolo Iashvili, der 1937 unter der ­stalinistischen Repression Selbstmord beging.

Macht Migration stark?

Der «Dariani-Zyklus» – 14 in Georgien sehr bekannte Gedichte – wurde Iashvili zugeschrieben. «Das kann nicht sein», sagt Tamta Melaschwili. «Wenn man die Gedichte liest, dann merkt man, dass die kein Mann geschrieben haben kann. Unmöglich!» Sie setzt sich im Sessel zurecht. Auf die Forscherarbeit folgt nun ein Roman. Darin will sie vor allem eine Frage beantworten: «Warum hat Elene nie gesagt, dass sie selbst diese Gedichte verfasst hat? Warum hat diese Frau nie ihre Stimme erhoben?»

Da ist Tamta Melaschwili, die Feministin. Die 2008 in Budapest einen Master in Genderstudien gemacht hat. Die in einer ihrer Publikationen georgische ­Migrantinnen in Deutschland untersucht hat. «Empowerment through ­Migration?», fragt der Untertitel.

In Georgien tue sich etwas in Sachen Gleichberechtigung, erklärt sie. Aber sehr langsam. «Der Feminismus in Georgien hinkt hundert Jahre hinterher.» Wieder setzt sich Melaschwili im Sessel zurecht. Die Wangen sind gerötet. Wenn sie Texte und Artikel von 1920 lese, die sich mit dem Thema Feminismus auseinandersetzen, und sie mit heutigen Texten vergleiche, seien die Inhalte – die Missstände, die Forderungen – sehr ähnlich. «Hundert Jahre sind vergangen, und nichts hat sich verändert!»

«Die zweite Welle des Feminismus, die im Westen sehr stark war, verpassten die Frauen in Georgien komplett.» Und als dann die dritte Welle einsetzte, Anfang der 90er-Jahre, da brach die Sowjetunion zusammen. «Wir kämpften damals um unser Überleben. An Feminismus war nicht zu denken.»

Es gebe noch heute in Georgien eine Stigmatisierung von Frauen, die öffentlich ihre Meinung sagen. Das Patriarchat und die Macht der Kirche präge die Gesellschaft. Häusliche Gewalt, sagt Melaschwili, sei ein grosses Problem. Aber die Frauen trauen sich allmählich, ihre Stimme zu erheben. Mittlerweile setzt sich Melaschwili alle drei Minuten neu hin. Sie ist in ihrem Element. «Wir hatten riesige Demonstrationen. Es gingen wirklich viele Frauen auf die Strasse. Langsam geht was.»

Und noch etwas macht Melaschwili Hoffnung. «Meine Studentinnen sind eine Inspiration für mich.» Eine andere Generation, mit feministischem Bewusstsein. «Ich sage meinen Studenten immer, sie sollen Fragen stellen. Fragen stellen ist wichtig, auch wenn es nicht immer eine eindeutige Antwort darauf gibt.» Eindeutige Antworten wird auch ihr neuer Roman nicht geben. Erst einmal ist wichtig, dass er fertig wird. Daran arbeitet sie. Immer von sieben Uhr früh bis mittags.

Am 5. Februar, 19.30 Uhr, liest Tamta Melaschwili im Literaturhaus Zürich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.02.2015, 19:08 Uhr

Writer-in-Residence

Projekt des Literaturhauses

Seit 2011 hat auch Zürich seinen Stadt­schreiber, neudeutsch Writer-in-Residence. Jeweils ein halbes Jahr wohnt ein Autor in einer von der Stiftung PWG finanzierten Wohnung, erhält monatlich 2200 Franken plus Krankenkasse und präsentiert sich und sein Schreibprojekt im Literaturhaus.

Tamta Melaschwili ist die neunte, ihr ­vorangegangen sind unter anderen Kiran Nagarkar, Asli Erdogan, Angela ­Pradelli, Girgis Shoukry, Noémi Kiss und Teju Cole.(TA)

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