Eine Welt aus Schmerz – und Liebe

Der Australier Richard Flanagan gewann den Booker Prize mit einem Kriegs- und Liebesroman, der Schönes und Grässliches in eine Balance bringt.

Wer ist Gott in seinem Roman «Der schmale Pfad durchs Hinterland»? Der Leser, antwortet Richard Flanagan nett, aber bestimmt. Foto: Anna Huix (Contour, Getty Images)

Wer ist Gott in seinem Roman «Der schmale Pfad durchs Hinterland»? Der Leser, antwortet Richard Flanagan nett, aber bestimmt. Foto: Anna Huix (Contour, Getty Images)

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Dorrigo Evans: Das ist ein Mann, der ständig an sich zweifelt; der eine überwältigende Liebe erlebt; der im Krieg als Anführer und Vorbild gilt und diesem Bild wider Willen entsprechen muss; der nach dem Krieg zum Nationalhelden wird, ohne daran zu glauben; der seine grosse Liebe verpasst und sich mit einer Vernunftehe bescheidet; der eine letzte grosse Heldentat begeht. Dorrigo Evans ist die Hauptfigur in Richard Flanagans Roman «Der schmale Pfad durchs Hinterland». Dieser Roman gewann 2014 den Booker Prize, die höchste Auszeichnung für Bücher in englischer Sprache, in jenem Jahr, als erstmals auch US-Amerikaner zugelassen waren und jeder mit einem Sieg eines solchen rechnete.

Der Sieger aber war Flanagan, ein Australier von der Insel Tasmanien. Ein freundlicher, kahlköpfiger Herr mit sehr leiser Stimme und einem Akzent, an den man sich erst gewöhnen muss. Den Booker Prize hat er in aller Bescheidenheit, ja in Demut entgegengenommen: Nichts ist weniger selbstverständlich für den Mann, der damit gerechnet hatte, dass der Roman floppe und er dann «in die Minen arbeiten gehen muss».

Leseprobe aus «Der schmale Pfad durchs Hinterland»

Dabei war Flanagan seit «Goulds Buch der Fische» auch international ein guter Name, dem Roman über die Vernichtung der tasmanischen Urbevölkerung durch die englischen Kolonisatoren. Unter diesen gab es kultivierte Leute, meint Flanagan und ist beim Thema und dem aktuellen Buch: Dort lieben Nakamura und Kota, zwei japanische Kommandeure eines Gefangenenlagers im thailändischen Dschungel, die Literatur über alles und tragen sich ihre Lieblings-Haiku vor, bevor sie Gefangene exekutieren lassen.

Die Gefangenen, darunter viele Australier, sollen die Strecke frei schlagen, über die die «Burma-Bahn» fahren soll, mit der die Japaner den Alliierten den entscheidenden Schlag versetzen wollen. Sie haben keine Maschinen, nicht die richtigen Werkzeuge, sie sind ausgehungert, abgemagert, geschwächt von Cholera und grässlichen Geschwüren. Für die Japaner sind sie nicht einmal mehr Menschen; dass sie sich gefangen nehmen liessen, ist für sie eine Schande, die nur durch Selbstaufopferung durch Arbeit zu tilgen wäre.

Dorrigo Evans, ausgebildeter Arzt, ist für seine Landsleute der, an dem sie sich aufrichten. Er operiert, unter unsäglichen Bedingungen; aber er muss auch dem Kommandanten jeden Tag die geforderten Arbeiter liefern. Dabei gibt es keine Arbeitsfähigen mehr, nur noch «Kranke, Schwerkranke und Sterbende». Fordert Nakamura 500, so hält Dorrigo Evans dagegen: «363». «Die richtige Zahl, dachte er, war Null.» Er schützt und opfert seine Männer; die Rolle, die sie ihm geben, will er nicht und wird sie doch nicht los. «Er war der Gefangene ihrer Hoffnung.»

Kühn und komplex konstruiert

Der Bau der Burma-Bahn gehört zu den bekannteren Kapiteln des Zweiten Weltkriegs, er war letztlich sinnlos und hat zwischen 100 000 und 200 000 Menschenleben gekostet, «mehr, als der Roman Worte hat», sagt Flanagan. Die Bahn hat den berühmten Film «Die Brücke am Kwai» inspiriert – und nun diesen grandiosen Roman.

«Der schmale Pfad ins Hinterland» ist kühn und komplex konstruiert und funktioniert wie ein Trichter, an dessen Rand man sich noch eine Weile aufhalten zu können meint, ehe man hineingesogen wird in den Schlund «jenes Tages, an dem sie Darky Gardiner totschlugen».

Als Leser folgt man gebannt den Erinnerungen des alten Darrigo, eines Mannes, der nie Illusionen hatte. Weil er von sich selbst nie viel hielt, von der Welt aber auch nicht. Erinnerungen an die Affäre mit der jungen Frau seines Onkels, der geheimnisvollen Amy «mit Augen wie blaue Gasflämmchen». An seine «Karriere» als Nationalheld, zu dem er durch einen Dokumentarfilm über die australischen Kriegsgefangenen wurde. An seine Ehe mit Ella, der Langweilerin aus den besseren Kreisen, die er nach Strich und Faden betrügt.

Hin und her springt die Erinnerung, bis sie zurückgesogen wird in den Hals des Trichters, zu jenem Tag, als sie Darky Gardiner totschlugen. Ein quälend langer Tag, der zum quälenden Hauptstück des Romans wird. Und in dem Flanagan seine Kunst, Gegensätzliches ins Gleichgewicht zu bringen, bis zur Unerträglichkeit steigert.

Haiku zum Köpfen

Gardiner war verantwortlich für einen Arbeitstrupp, von dem sich ein Teil verdrückt hatte; deshalb muss er sterben. Kota, ein Liebhaber des Köpfens mit dem Schwert, hätte ihn schon auf der Strecke fertiggemacht, aber da fehlte ihm der entscheidende Vers des Haiku, das er dazu rezitieren wollte. Im Lager dann, als Gardiner vom «Waran», einem sadistischen koreanischen Kapo, stundenlang geprügelt wird, fällt dem Kollegen Nakamura dafür ein anderes ein:

«Zynisch?», frage ich Richard Flanagan. Der verneint heftig. Überhaupt lehnt er es strikt ab, seine Figuren zu beurteilen, schon gar zu verurteilen. Er will zeigen, was alles nebeneinander und gleichzeitig in einem Menschen stecken kann, und es dem Leser überlassen, es zusammenzusetzen. Urteilen sei Gott vorbehalten, meint er. Und als ich frage, ob nicht der Autor der Gott des Romans sei, entgegnet er, für seine Verhältnisse, heftig: «Nein, der Leser ist es!»

Ohne Sühne und Reue

So muss sich der Lesergott auch mit der jeder Moralbilanz widerstrebenden Tatsache abfinden, dass sich der Lagerteufel Nakamura durch das chaotische Nachkriegstokio schlägt, nie als Kriegsverbrecher gefasst wird und an der Seite einer herzensguten Frau selbst ein guter Mensch wird – ohne Sühne und Reue. Während Dorrigo Evans, allen äusserlichen Ehren zum Trotz, an seiner Rolle im Lager zugrunde geht. Oder an der unerlösten Liebe zu Amy? Die hält er, weil seine Frau ihn bewusst falsch informiert hat, für tot (und auch Amy, ihrerseits von ihrem Mann irregeführt, glaubt, dass Dorrigo nicht überlebt hat). Einmal kreuzen sich ihre Wege auf einer Brücke, aber sie nehmen einander nicht wahr.

Diese Brückenszene, erzählt Flanagan, sei die Erlösung für ihn gewesen, der entscheidende «Klick» für den Roman. Den hatte er bis dahin viermal geschrieben, von Anfang bis Ende – und jedes Mal verworfen. Der Ton, die Anlage, die Personen, irgendwas stimmte nicht. Erst die Liebeshandlung gab der Anlage die Balance, die der Roman brauchte. Zwölf Jahre Arbeit: eine Arbeit, die er tun musste, ohne recht zu wissen, warum. Oder doch: Das Buch ist «dem Gefangenen 335» gewidmet. 335 war die Nummer seines Vaters, der als Häftling an der Burma-Bahn geschuftet hat.

Flanagan ist mit der Geschichte aufgewachsen – und musste sie irgendwann irgendwie bewältigen. Und hat es, nach zwölf Jahren aufreibender Arbeit, mit einem Roman, in dem überwältigende neben unerträglichen Passagen stehen wie schöne Verse neben Schlamm, Kot und Erbrochenem. Die wunderbare Erscheinung einer Frau, deren Schönheit aus allen ihren Makeln zusammengesetzt ist, neben der Hinrichtung des «Warans», ausgeführt im Detail und aus seiner Sicht, bis in die letzten Minuten hin, an denen er an 50 Yen denkt, die man ihm vorenthalten hat. Ein Roman, in dem das Höchste und das Erbärmlichste einen literarischen Tanz vollführen, von dem man auch beim Lesen kaum glauben kann, dass er möglich ist – und gelingen kann. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2015, 17:43 Uhr

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland. Roman. Aus dem Englischen von Eva Bonné. Piper, München 2015. 438 S., ca. 35 Fr.

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