Elmiger und die alten Männer

Den 36. Solothurner Literaturtagen war das karge Bücherjahr anzumerken. Als Schaubühne der Schweizer Schreiber bleiben sie dennoch unverzichtbar. Und herrlich.

Populärste Autorin des Festivals: Dorothee Elmiger. Foto: Dieter Seeger

Populärste Autorin des Festivals: Dorothee Elmiger. Foto: Dieter Seeger

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Sogar Solothurn hat Punks. «Äs esch wedär Literaturtäääg», krächzte laut die Punk-Frau mit den drei Hunden und dem Dosenbier vor dem Roten Ochsen. Ihre Heroldsrufe wären gar nicht nötig gewesen, war doch das Festival unmöglich zu übersehen: Auf den Brücken und an den Häusern an der Aare wehten Literaturtag-Flaggen, in Glaskästen wurden Bücher zum Tausch angeboten, eine wuchtige mannshohe Wand mit dem Festivalprogramm war in der Stadtmitte montiert worden. Das schmucke Städtchen und die Literaturtage bilden ein glückliches altes Paar; seit mittlerweile 36 Jahren ist Solothurn Schauplatz dieser Festtage der Schweizer Literatur. Auch dieses Jahr kamen die Leser wieder in Scharen, laut Veranstaltern etwa gleich viele wie im letzten, höchst erfolgreichen Jahr.

Gross war denn auch das Gedränge in den engen Gängen und auf den Treppen des Landhauses in der Altstadt, wo auf mehreren Stöcken verteilt die wichtigsten Lesungen stattfanden. Es war ein Gedränge, wie man es gewöhnlich nur vom Feierabend der Bürolisten oder vom Ausverkauf der Kleiderläden kannte.

Mit dem feinen Unterschied allerdings, dass man sich in Solothurn jeweils verlegen entschuldigte, wenn man schon wieder jemandem auf den Zeh ­gestanden war. Man war ja unterwegs in edler kollektiver Mission auf der gemeinsamen Suche nach der Poesie.

Das metaphysische Hackfleisch

Gross war das Angebot, 60 Autorinnen und Autoren lasen drei Tage lang auf acht Bühnen. Da gab es selbst für Peter Bichsel, die weise graue Eminenz des Festivals, Interessantes zu entdecken: Der Oltener besuchte die Lesung des ­Lyrikers Gerhard Rühm.

Rühm belebte das Festivalmotto, heuer «Stimmen, Voix, Voci, Vuschs» genannt. Mit dem perfekt intonierten Singsang eines gemästeten Dorfpfarrers trug der Wiener lang und breit vor, und zwar: ein Hackfleischrezept. Rühm entlarvte die Litanei, zugleich lud er aber auch seltsamerweise das gemeine Hackfleisch mit metaphysischem Gruseln auf. Das Publikum lachte, Bichsel schmunzelte. Hegte man andernorts den Verdacht, dass allein deshalb Schalmeien angestimmt und laute Gitarren angeworfen wurden, weil man der Überzeugungs- und Anziehungskraft der nackten Gedichte nicht recht traute, so waren bei Rühm Lyrik, Musik und Gestik zum überzeugenden Gesamtkunstwerk verbunden.

Die Solothurner Literaturtage waren denn auch ein Festival der vifen Alten: Während der 84-jährige Rühm am Freitag mit einer temperamentvollen Lesung verblüffte und der 79-jährige Bichsel am Samstag einmal mehr den Anstoss für das traditionelle Fussballspiel der Autoren gab, stand der Sonntag ganz im Zeichen von Adolf Muschg, der unlängst 80 Jahre alt geworden ist. Er debattierte mit Alt-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, die kürzlich eine Mischung aus Memoiren und Pamphlet veröffentlicht hat («Die Schweiz, die ich uns wünsche»).

Für einen Höhepunkt abseits der grossen Bühne sorgte Ulrich Blumenbach, der preisgekrönte Basler Übersetzer des amerikanischen Schriftstellers und Essayisten David Foster Wallace. Blumenbach sass in der Kabine des «Gläsernen Übersetzers», ein Format, das von der Frankfurter Buchmesse übernommen worden war: Ein Übersetzer geht vor Publikum seiner Arbeit nach.

Es war faszinierend, zu verfolgen, wie Blumenbach, der sich Wallace’ Text über Filmemacher David Lynch vorgenommen hatte, um Worte und mit den vertrackten Sätzen zu ringen begann und so langsam ins Zwiegespräch kam mit jenem Autor, mit dem er sich nun seit zwei Jahrzehnten fast ausschliesslich beschäftigt hat.

Ein wenig getrübt wurde die Freude dann allerdings durch den Umstand, dass sich offenbar mehrere Schulmeister im Publikum aufhielten, die mit ­Einwürfen wie «Dieses Wort gibt es nicht» oder «Hier haben Sie ein Komma vergessen» die sprachliche Virtuosität bös ­torpedierten.

Blasse Belletristik

Es gab also Rühm, den konkreten Poeten, der seine wichtigsten Werke vor Jahrzehnten geschrieben hat, den Doyen Muschg und den brillanten Übersetzer Blumenbach, und es gab darüber hinaus Lesungen aus Kinderbüchern, peppige Diashow-Performances und lobenswerte Sprachkurse in Türkisch und Tamilisch. Unauffällig blieb dagegen die noch immer wichtigste Sparte des Festivals, jene der neuen Belletristik.

«Wir sind sehr froh, dass sie den Weg nach Solothurn gefunden hat», sagte eine sichtlich erleichterte Moderatorin, als Dorothee Elmiger, seit Erscheinen ihres Zweitlings «Schlafgänger» wohl die bekannteste Schweizer Autorin im deutschsprachigen Raum, zum ersten Mal hinter dem Mikrofon Platz nahm. Die Appenzellerin war neben Lukas Bärfuss («Koala»), der am Freitag den Lesereigen eröffnet und am Sonntag den ­Solothurner Literaturpreis entgegen­genommen hatte, die prägende Figur des Festivals. Gleich dreimal wurden ­Elmiger und der omnipräsente Bärfuss auf verschiedene Bühnen und vor volle ­Reihen geholt.

Es wäre allerdings unfair, der neuen Festivalleitung um Reina Gehrig wegen der ansonsten blass gebliebenen Belletristik Vorwürfe zu machen. «Wir leben von den Neuerscheinungen», erklärte die erst 31-jährige Germanistin. Tatsächlich war das Bücherjahr relativ lau, die Auswahl an zugleich prominenten und aktuellen Autoren schwierig.

Auch ist Gehrig und ihrem Team ­zugutezuhalten, dass sie mit ihrem ­Zukunftsatelier, in dem die digitale Zukunft des Buches erörtert wurde, einen frischen Akzent gesetzt hat. Gehrig ging es nicht zuletzt darum, dem notorischen Kulturpessimismus der Bücherbranche entgegenzuwirken: «Das nostalgische Feiern des Haptischen und des Geruchs der Bücher haben wir langsam zur ­Genüge gehört.»

Bei Gehrig sind die Literaturtage, die Schaubühne der Schweizer Schreiber, auch künftig gut aufgehoben. Zumindest 2015 wird sie es nochmals leiten, dieses Festival, an dem in guten Jahren elektrisierende, nachhallende Bücherdebatten geführt werden.

Aber auch in einem durchzogenen Jahr wie diesem gelingt jedem eine Entdeckung. Und man erfreut sich des Barockstädtchens, das jeweils wirklich wie verzaubert wirkt, in dem Bichsel zufrieden vor seiner Beiz hockt, Bärfuss summend über die Brücken läuft und Punks die Herolde der Literatur geben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.06.2014, 08:08 Uhr

Ein Städtchen wie verzaubert: Buchhandlung in Solothurn. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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