«Empathie ist nicht genug»

Mit «Zähne zeigen» wurde sie berühmt, doch ihre neuen Essays zeigen eine andere, zweifelnde Zadie Smith. Die britische Autorin über bürgerliche Heuchelei und das fatale Wellnessprogramm der Literatur.

«Meine ganze Generation ist vom Fernsehen erschaffen worden», sagt Zadie Smith. Foto: Cato Lein (Writers Pictures/Interfoto)

«Meine ganze Generation ist vom Fernsehen erschaffen worden», sagt Zadie Smith. Foto: Cato Lein (Writers Pictures/Interfoto)

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In ihrem Reihenhaus im Nordwesten von London, dem «NW» ihres gleichnamigen Romans, sitzt Zadie Smith im Arbeitszimmer und isst einen Salat. Unten im Haus läuft ein Staubsauger, ab und zu dringt das Geschrei von Kindern hinauf. Im Oktober wird Zadie Smith vierzig Jahre alt. Smiths Mann, der Lyriker Nick Laird, kommt herein, weil er die Putzfrau bezahlen will und das Portemonnaie nicht finden kann. Auf dem Boden liegt ein Exemplar ihres Essaybandes «Sinneswechsel», der jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist.

«Zähne zeigen» war der Roman einer 25-Jährigen, «Sinneswechsel» hat eine fast 40-Jährige geschrieben. Wie sehen Sie selbst beide Bücher im Vergleich?
Der Enthusiasmus und Optimismus ist inzwischen abhandengekommen. Aber diese Entwicklung hat auch ihr Gutes: Mit 25 bildete ich mir noch viel darauf ein, meine eigene Arbeit objektiv beurteilen zu können, während ich heute weiss, dass die Lücke zwischen den eigenen Ambitionen und dem, was man zu Papier bringt, nicht zu schliessen ist und dass Schreiben immer auch Scheitern bedeutet. Als junge Schriftstellerin hat mich die Angst vor dem Scheitern sehr beschäftigt, während ich heute viel mehr die Illusionen fürchte, die ich mir über mich selber mache.

Was sind das für Illusionen?
Allein die Vorstellung, dass meine ­Gedanken und Gefühle für irgendeinen anderen Menschen, der meine Bücher liest, von Bedeutung sein könnten, ist eine Selbsttäuschung. Es handelt sich dabei um eine narzisstische Illusion, unter der alle Schriftsteller leiden. Aber ohne diese Illusion wäre ich wohl nie in der Lage, mir beim Schreiben vorzustellen, wie es wäre, jemand anders zu sein, und andere Stimmen, andere Gefühle zu erfinden.

Wo sehen Sie Ihre Schwächen?
Ich habe viele, zum Beispiel einen sehr fahrigen, planlosen Verstand. Ich habe kein gutes Gedächtnis. Ich bin total ungenau, und ich will immer die Kontrolle haben. Aber der Zwang, alles zu kontrollieren, kann beim Schreiben dazu führen, dass die Romanfiguren einander wie in einem Streitgespräch gegenübertreten und ihre unterschiedlichen Positionen debattieren. Überhaupt ist zu viel Selbstbewusstsein eine weitere Schwäche, aber darüber muss man sich im Laufe der Zeit immer weniger Sorgen machen, weil das Schreiben mit den ­Jahren schwieriger wird.

«Die meisten Schriftsteller», haben Sie gesagt, «wären glücklicher, wenn sie nicht schreiben müssten.»
Ja, das ist leider wahr. Es gibt Schriftsteller wie Philip Roth, die davon reden, wie glücklich es sie mache, dass der tägliche Kampf des Schreibens ein Ende gefunden habe. Wenn ich in New York bin, sehe ich Roth ziemlich oft, und er kommt mir tatsächlich sehr zufrieden vor. Aber diese Zufriedenheit hat damit zu tun, dass er seine Ambitionen vollständig verwirklicht hat, und dieses Gefühl muss sehr beglückend sein. Für mich ist es bis dahin noch ein weiter Weg, und ich bin eher überrascht, dass es bei mir mit dem Schreiben überhaupt noch läuft. Die Frage, ob man auch heute noch Romane schreiben kann, ist für Schriftsteller meiner Generation von zentraler Bedeutung. Wir befinden uns vielleicht noch nicht am Ende, aber doch ziemlich spät in der Geschichte des Romans – zu spät, um die Gattung noch einmal neu zu erfinden, und doch gibt es zahlreiche Autoren, denen es gelingt, ihr neues Leben einzuhauchen.

Als britische Schriftstellerin fühlen Sie sich als «Sklavin einer uralten Tradition»; sie schätzen Autoren wie E. M. Forster. Ist Forsters Überzeugung, dass Empathie die Menschen zusammenführen kann, für einen Roman des 21. Jahrhunderts noch tragfähig?
Mein Idealismus ist inzwischen etwas angeschlagen. Früher lebte ich wie viele andere jüngere Leute in dem sentimentalen Glauben, dass ein Mensch zu bestimmten Dingen nicht fähig ist, wenn er nur genug Empathie aufbringt. Heute glaube ich das nicht mehr. Heute glaube ich, dass der Mensch, wenn man ihn an seinen Taten misst, zu Bösem fähig ist, und dass es Gesetze braucht, ihn in seine Schranken zu verweisen. Empathie ist nicht genug. Das in Städten wie London oder Berlin grassierende Hipstertum zeigt doch, dass sich die Menschen zwar auf obsessive Weise um die richtige Ernährung ihrer Kinder kümmern und um die Kleidung, die sie ­tragen, dass ihnen aber vollkommen egal ist, unter welchen Bedingungen Kinder in Ländern wie Bangladesh diese ­Kleidung herstellen.

Wann ist Ihnen das bewusst geworden?
Diese Erkenntnis hat eine Menge damit zu tun, dass ich irgendwann selbst Mitglied der Mittelklasse geworden bin und Zeit mit Leuten verbracht habe, an ­denen ich die Heuchelei beobachten konnte, die für die Mittelklasse charakteristisch ist – die Ideale der Sechziger- und Siebzigerjahre, die Philosophie von Liebe und Freiheit sind zur rücksichtslosen Eigenliebe verkommen. Mir ist auch klar geworden, dass das Bild, vor dem die weisse Mittelklasse ihre Familien und Kinder zu schützen versucht, im Grunde eine Inkarnation meiner selbst ist. Die Leute wollen nicht, dass ihre Kinder zusammen mit Schwarzen zur Schule gehen. Man kann sich dem Gefühl der Empathie hingeben, wenn man Chinua Achebes «Alles zerfällt» liest, aber das bedeutet noch lange nicht, dass man seine Kinder auf eine Schule schickt, in der sie Menschen afrikanischer Herkunft tatsächlich begegnen können. Menschen machen im Alltag Unterschiede, und ich nehme mich selbst gar nicht aus. Ich tue ständig Dinge, die meinen tiefsten Überzeugungen zuwiderhandeln.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel behaupte ich, dass ich mich um die Umwelt sorge, aber für meine Kinder kaufe ich im Supermarkt in Kunststoff verschweisste Nahrungsmittel. Ich will gar nicht wissen, welche Berge von Kunststoff meinetwegen auf diesem Planeten sind. Die Berge der Windeln, die Giftwolken der Flugzeuge, in denen ich um die Welt jette. Man kann sich nicht auf die guten Absichten der Leute verlassen – sie laufen in den meisten Fällen auf nicht viel hinaus.

Was tun?
Wir müssen Gesetze erlassen, die die Menschen vor sich selbst bewahren.

Was kann die Literatur beitragen?
Literatur sollte nicht selbstgefällig sein. Literatur sollte die Leute nicht in den Vorstellungen bestärken, tiefgründige, mitfühlende Menschen zu sein, die sich um das Wohl der Welt sorgen. Romane, die den Lesern diese Selbstzufriedenheit vermitteln, sind nicht sonderlich hilfreich, aber leider gibt es viele Romane, die genau dies tun. Aber hin und wieder gibt es einen Roman, der mich wachrüttelt, mir meine eigene Heuchelei bewusst macht und mich zwingt, der Wahrheit ins Auge zu sehen.

Wo sonst finden Sie Wahrheit und Wirklichkeit?
In der Musik. Wenn ich Beethoven höre, spüre ich Wirklichkeit. Aber es ist heutzutage sehr schwer, die Realität zu erspüren, weil es in unserer Gesellschaft endlos viele Möglichkeiten gibt, ihr zu entfliehen. Das zentrale Problem meiner Generation ist etwa, dass sie sich nicht bewusst macht, dass man eines Tages sterben wird, und sie ihr Leben entsprechend führt. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass dies mit der endlosen Replikation der Bilder zu tun hat, zwischen denen wir leben.

Wie meinen Sie das?
Wir leben in einer Art Märchenwelt, in der das Fernsehen von Kindheit an unser Frauen- und Männerbild konstruiert, unsere Vorstellungen vom Osten und vom Westen, weiss und schwarz. Ich war schockiert, als meine fünfjährige Tochter vor einem Poster mit Rappern stehen blieb und fragte: «Wer sind all diese Bösen?» Ich dachte: «Wow. Ihre Mutter ist schwarz, ihre Onkel sind schwarz, ihre Grossmutter ist schwarz, aber wenn meine Tochter ein Poster mit schwarzen Männern betrachtet, findet sie sie böse.» In solchen Momenten begreift man, wie die Konstruktion von Wirklichkeit in unserer Gesellschaft funktioniert. Manchmal sagt meine Tochter Sätze wie: «Oh, mein Herz ist voller Schmerz, aber eines Tages werde ich das Licht erblicken.» Und ich frage mich: Wer wäre meine Tochter, wenn sie nicht mit diesen ­Disney-Narrativen aufwachsen würde, die scheinbar die Realität ausmachen und dazu führen, dass der Einzelne irgendwann glaubt, etwas stimme nicht mit ihm, weil er nicht den Bildern dieser Scheinwelt entspricht?

Sind Sie ohne diese Bildwelt aufgewachsen?
Im Gegenteil. Ich bin auf die gleiche Weise vom Fernsehen erschaffen worden, wie die jüngere Generation heute vom Internet erschaffen wird. Meine ganze Generation ist vom Fernsehen erschaffen worden. Ich habe als Kind sieben Stunden ferngesehen, während meine Eltern arbeiteten, und als ich «Zähne zeigen» schrieb, war diese Erfahrung unglaublich hilfreich, weil es mir nicht zuletzt aufgrund des Fernsehkonsums total leichtfiel, den Roman zu konstruieren. Meine Generation weiss, wie Erzählung funktioniert, weil wir alle vor dem Fernseher aufgewachsen sind. Heute kann ich das Fernsehen kaum noch ertragen, und ich hoffe, dass auch die Kinder, die heute mit dem Internet aufwachsen, dieses Medium nicht für die einzige Realität halten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.05.2015, 18:44 Uhr

Zadie Smith: Sinneswechsel. Essays. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. 480 S., ca. 32 Fr.

Für eine Leseprobe klicken Sie hier.

Zadie Smith

Britische Autorin

Zadie Smith, Tochter einer jamaikanischen Mutter und eines englischen Vaters, wurde 1975 in London geboren. Noch während des Studiums schrieb sie ihren ersten Roman «Zähne zeigen», der ein Bestsellererfolg wurde und Literaturpreise erhielt. Seither gilt sie als Exponentin einer multikulturellen Weltliteratur, die eine postethnische Gesellschaft beschreibt. Es folgten unter anderem die Romane «Über die Schönheit» und «NW London». (TA)

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