Rezension

Er ist sich selbst der Beste

Roger Schawinski erklärt auf über 400 Seiten, wer er ist. Warum er so ist, hätte mehr interessiert.

«Urplötzlich und mit absoluter Klarheit»: Roger Schawinski hat es gerne intensiv.

«Urplötzlich und mit absoluter Klarheit»: Roger Schawinski hat es gerne intensiv. Bild: Maurice Haas (13 Photo)

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Niemand wird bezweifeln, dass das Land einen braucht wie ihn. Einen, der anstürmt und ausruft, der alles sofort will, dem die Ideen nur so einfallen, der unerschrockene Fragen stellt, Debatten vorheizt, den Streit liebt und dem Konsens misstraut, der die Politiker drannimmt, die Monopole stört. Einen, der dazwischenfunkt.

Einen wie Roger Schawinski. Der hat jetzt sein neuntes Buch veröffentlicht, das auf über 400 Seiten sein liebstes Thema detailliert: ihn selber. Und warum nicht? Der schnelle Medienmann hat ein Leben geführt, das für mehrere Biografien reichen würde. Dabei gelangte er von weit unten nach weit oben. Der Nachfahre eingewanderter polnischer Juden wird am Ende des Zweiten Weltkriegs in Zürich geboren und wächst in einfachen, aber glücklichen Verhältnissen auf. In einem «kleinbürgerlichen Milieu im Kreis 4», wie er es beschreibt, «bei dem die Tradition einen hohen und die Religion einen niedrigeren Stellenwert hatte». Der Vater hat Humor, die Mutter strahlt Wärme aus, die Familie steht sich nahe.

Schon als Bub fällt Schawinski mit Eigenwilligkeiten auf, fliegt aus der Schule, schafft sich wieder hoch und macht die beste Matur, studiert an der Hochschule St. Gallen. 1967 besichtigt er in San Francisco die Hippies. Er arbeitet ein halbes Jahr in einem Kibbuz, erlebt den Jom-Kippur-Krieg an der israelischen Front, sieht die Rückkehr der Perons nach Buenos Aires, weilt in Santiago de Chile, bevor Pinochet gegen Allende putscht, reist für seine Dissertation nach Guatemala, erlebt den Putsch in Grenada, geniesst die Karibik, entsetzt sich über den Hunger in Äthiopien, trekkt im Himalaja. Überall, wo sich Roger Schawinski aufhält, passiert etwas.

Der Dauerkämpfer

Und wenn nichts passiert, wird er selber zum Actionhelden, ein Dauerkämpfer gegen SRG, SKA, Bundesrat und Konkurrenten, gegen Bürokratie und inkompatible Gesetze. 1974 lanciert er im Schweizer Fernsehen den «Kassensturz», die erste Konsumentensendung der Schweiz. Zwei Jahre später rüstet er die «Tat», das träge Migros-Blatt, zu einem aggressiv recherchierenden Boulevardblatt hoch. Er installiert Radio 24, sendet von Italien aus nach Zürich, legt sich mit allen an, profitiert von jeder Schliessung durch Wiedereröffnung, verkauft sich weiter als Rebell, holt Bob Marley am Flughafen ab, erlebt die Demonstrationen für das Zürcher AJZ von seiner Studiotür aus. Und da sind wir erst in der Hälfte des Buches angelangt und haben noch Telezüri, Sat 1, Radio 1, Roger in Hollywood, Roger den Marathonmann und the meaning of life according to Roger dem Gereiften vor uns.

Schawinski überbringt das alles in seiner einzelkämpferischen Art, protokolliert Stimmungsberichte aus Krisensitzungen, rapportiert Streitereien, Zeltnächte und Trennungen, rennt von einem Doppelpunkt zum nächsten. Er rechnet mit Gegnern ab (Armin Walpen), Feinden (Peter Schellenberg) und Opportunisten (Markus Gilli). Das Buch ist handlungsreich erzählt und in zeitlich überlagerten, thematisch gruppierten Schwerpunkten attraktiv gegliedert. Schawinski schreibt verständlich und klar, schreckt nicht vor Urteilen zurück, seine Begeisterung steckt an. Ob seine Version der Ereignisse die jeweils richtige ist, ist eine andere Frage. Aber es ist sein Buch, das seine Ansichten verbreitet, und da er zu allem seine Meinung hat, gibt es viel zu sagen.

Immer wieder Nachtreten

Wer er ist, beantwortet der Autobiograf gründlich: ein Unruhiger, dem es langweilig wird, wenn etwas störungsfrei läuft, das er sich erkämpft hat. Warum er aber so ist, erfährt man nicht wirklich, dabei interessierte das weit mehr. Es würde erklären, warum ein so reicher, so erfolgreicher, so innovativer Medienmann auf Kritik noch immer wie ein Berserker reagieren kann. Warum er auch in seiner Biografie kaum eine Gelegenheit vergibt, bei Politikern oder Rivalen nachzutreten, nur weil sie ihn einmal übergangen oder umgangen oder nicht erwähnt haben. Warum seine Geltungssucht immer noch nicht nachgelassen hat und er sich allen karibischen und tibetischen und kalifornischen Seelenmassagen zum Trotz wie ein Verkannter aufführt, der endlich einmal sagen möchte, was die Welt ihm verdankt. Dabei tut er das seit vierzig Jahren.

Statt einer Erklärung für sein Gebaren bekommt man dessen Inszenierung. In dieser fehlenden Äquidistanz gründen die Schwächen dieses Buches. Erstens kann Schawinski das Beeindruckende nicht vom Banalen unterscheiden und trägt beides mit der gleichen Aufgeregtheit vor. Zweitens führt seine mangelnde Distanz zu fehlender Selbstironie, also fehlt es dem Buch an Humor. Nicht weil der Autor humorlos wäre, sondern weil seine Selbstbesessenheit keinen Humor zulässt als Lockerheit der eigenen Person gegenüber. Drittens hindert ihn die fehlende Selbstkritik an der Erkenntnis, dass er ein strenges Lektorat benötigt hätte.

Immer noch gross

Inhaltlich hat das Buch einiges zu bieten, stilistisch liest es sich unterredigiert; es krankt an Überforderung und Übertreibung. Symptom für Ersteres sind die Gemeinplätze und schiefen Metaphern, die den ansonsten unaufdringlichen Stil aufblähen («Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen», «Das Format mit seinem kritischen Ansatz hatte ich mir selbst auf den Leib geschneidert»). Belege für die Übertreibung sind die Superlative und Pleonasmen, mit denen Schawinski seine Sätze überfrachtet.

Die Leidenschaft bei ihm ist immer gross oder ganz gross, die Tränen laufen ungehemmt, die Armut ist quälend, der General unbarmherzig, der Höhepunkt und die Glückseligkeit sind absolut, die Missbräuche gravierend und die Nöte gewaltig. Er weiss etwas «urplötzlich und mit absoluter Klarheit», und sowieso fühlt er sich emotional bewegt, drunter macht er es nicht. Der agitierte Duktus bewirkt das Gegenteil seiner Absicht: Er ermüdet.

Diese gespielte Bescheidenheit

Dazu kommt viertens, dass Schawinski seine Begeisterung über sich selber nicht zügeln kann. Gelegentlich versucht er sein Eigenlob im Tonfall der gespielten Bescheidenheit zu überbringen, macht damit aber alles schlimmer, weil Bescheidenheit entschieden nicht zu seinen Stärken gehört. Das Klopfen auf die eigene Schulter bestimmt den Rhythmus der Lektüre. Deshalb ist ihm das Kapitel über den Ausbruchversuch nach Hollywood am lustigsten geraten, weil er hier dermassen offensichtlich gescheitert ist, dass sich seine Selbstverehrung zur temporären Selbstironie entspannt. Deshalb berühren auch jene Buchstellen am meisten, bei denen er für einmal nicht von sich schreibt, sondern von seinen Eltern. Oder von seiner Jugendliebe Claire, die jäh an Leberkrebs verstirbt. Auch der verliebte Roger und die schöne Gabriella sind schön zum Lesen.

Aber die Empathie hält nicht lange an, und schon geht es weiter mit der neverending story of the greatest Schawinski ever told. Man würde ihn gerne bewundern für vieles, das er probierte, das er lancierte, das er riskierte, das ihm gelang, das er voraussah. Aber er lässt es nicht zu. Denn Roger Schawinski ist ein Komplettmedium: Moderator, Mikrofon, Lautsprecher. Und sein eigenes, hingerissenes Publikum. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.03.2014, 10:53 Uhr

Infobox

Buchvernissage am Dienstag um 19.30 Uhr im Zürcher Kaufleuten.

Roger Schawinski: Wer bin ich? Autobiografie. Kein-&-Aber-Verlag, Zürich 2014. 415 S., illustriert, ca. 38 Fr.

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