Interview

«Er strebte nie wirklich die Änderung der Gesellschaft an»

In seinem neuen Buch analysiert Professor Andrew James Johnston die Legende des Robin Hood. Im Interview erklärt er, inwiefern Hood Wilhelm Tell ähnelt und weshalb der Räuber kein Sozialist ist.

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Die Bezeichnung «Robin Hood» ist immer wieder zu hören – welche unserer Zeitgenossen würden Sie am ehesten mit Robin Hood vergleichen?
Ich glaube nicht, dass es möglich ist, heute eine Person mit Robin Hood zu vergleichen. Wenn man im Kern der Legende so etwas wie ein radikaldemokratisches Gerechtigkeitsstreben gegen eine selbstherrliche Obrigkeit identifiziert, dann sind vielleicht am ehesten Organisationen wie Attac zu nennen. Allerdings strebte Robin in der langen Geschichte seiner Legende nie wirklich die Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse an.

Sondern?
Er ist eher Trickser als Revolutionär. Ihn interessiert die Überlistung der Herrschenden, nicht deren Ablösung; daher fehlt es ihm immer an einem politischen Programm. Wenn man versucht, den Trickster-Aspekt in die Gegenwart zu übertragen, dann ähneln Robin vielleicht am meisten idealistische Hacker, die ihre Computerfähigkeiten nutzen, um das korrupte Handeln oder die Inkompetenz von Regierungen oder grossen Unternehmen bloss zu stellen.

Was ist faktisch tatsächlich dran am Mythos des Robin Hood?
Faktisch im engsten Sinne ist nichts am Mythos Robin Hood. Eine historisch greifbare Persönlichkeit mit Namen Robin Hood, die wirklich gelebt hat und zugleich der Figur des legendären Gesetzlosen nahekommt, hat es nicht gegeben. Die Forschung vermutet heute, dass «Robin Hood» ursprünglich als volkstümlicher Begriff für jemanden fungierte, der mit dem Gesetz in Konflikt geraten war: das kriminelle Gegenstück zu «Otto Normalverbraucher». An diese Bezeichnung haben sich dann im späten Mittelalter so spannende Geschichten angelagert, dass der eigentliche Ursprung des Namens in Vergessenheit geriet.

Sie sagen, Robin Hood sei primär eine Projektion einer Sehnsucht. Sehnsucht wonach?
Das können viele Sehnsüchte sein, weil die Legende über die Jahrhunderte viele, zum Teil sehr unterschiedliche Gesichter hatte. Da gibt es elementare Sehnsüchte wie die nach der Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen und Hierarchien – im Wald gibt es keine Obrigkeit – oder sogar die nach der ewigen Jugend: Im Sherwood Forest muss man keine Verantwortung übernehmen und kann eine durch und durch körperliche Existenz leben. Doch es spielt auch ein Element von der Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Solidarität gegenüber korrupten Autoritäten mit, und sogar ein Moment des Traums von der Einheit mit der Natur. Viel später, nämlich in der Moderne, kommt sogar die nostalgische Sehnsucht nach einem romantisierten Mittelalter dazu, die Sehnsucht nach einer einfacheren Welt mit klaren Geschlechterordnungen, in der sich junge Männer im Abenteuer beweisen konnten.

Welchen Entwicklungen war diese Sehnsucht im Verlauf der Zeit unterworfen?
Zu Anfang, also ungefähr ab dem späten 14. Jahrhundert, ist Robin Hood eine Figur volkstümlicher Balladen und des volkstümlichen Theaters. Er ist von denkbar einfacher Herkunft und auf beinahe primitive Weise mythisch: Seine Geschichten spielen immer im Sommer. Er hat keine Biografie, niemand weiss also, warum er Gesetzloser wurde. Seine Abenteuer bleiben Episoden, in denen er eine feindliche Obrigkeit immer wieder überlistet, ohne daran zu denken, was danach kommen soll. Ab ungefähr 1500 wandelt sich das Bild und es treten neue literarische Bearbeitungen hinzu, in denen Robin Hood eine Frau an die Seite bekommt – Maid Marian – und irgendwann den Wald verlassen darf, weil er wieder in die Gesellschaft integriert wird. Zur Zeit Shakespeares verwandelte der Dramatiker Anthony Munday die Robin-Hood-Gestalt sogar in einen Grafen, dem man sein Erbe vorenthielt.

Ist jede Interpretation von Robin Hood zwingend eine sozialistische?
Nein, im Gegenteil: Die meisten Varianten des berühmten Gesetzlosen, die wir kennen, sind es nicht. Als die Legende erstmals greifbar wird, hat Robin eher anarchische Züge. Es geht ihm darum, es der Obrigkeit heimzuzahlen und sich ihr zu entziehen. Eine umfassende Änderung der sozialen oder gar wirtschaftlichen Verhältnisse strebt er nicht an. Zudem stimmt die Vorstellung, dass er den Armen gab, was er den Reichen nahm, über lange Strecken nicht. Robin will zwar Gerechtigkeit, aber keineswegs Umsturz oder Umverteilung. Wenn man dem mittelalterlichen Robin Hood überhaupt ein Etikett aufkleben kann, dann eher ein radikaldemokratisches. Im Zentrum steht immer die Gemeinschaft der Gesetzlosen. Und sobald man Robin zum Enterbten stilisiert, macht man ihn sogar zum Verbündeten der Herrschenden.

Wie meinen Sie das?
Ein Enterbter strebt nach Rückerstattung von Besitz und Status, womit er die Machtverhältnisse grundsätzlich bestätigt. Der Enterbte will keine allgemeine Veränderung, sondern eben nur wieder dazugehören.

Inwiefern lassen sich Robin Hood und Wilhelm Tell vergleichen?
Beide verkörpern das Ideal des freien Mannes, der sich von einer willkürlichen Obrigkeit nicht beugen lässt. Beide sind legendäre Figuren des späten Mittelalters, deren historische Ursprünge nur schwer nachzuvollziehen sind. Allerdings bestehen auch signifikante Unterschiede zwischen ihnen: Schon in den frühesten Varianten seiner Legende kämpft Tell gegen eine fremde Obrigkeit und ist damit ein nationaler Held. Bei Robin taucht dieses historisch problematische Element erst im 19. Jahrhundert auf: der freie Angelsachse, der sich gegen die bösen Normannen wehrt.

Gibt es weitere Unterschiede?
Der zweite Unterschied besteht in der Rolle der Waffen: Wilhelm Tell ist an entscheidenden Punkten seiner Legende ganz und gar Armbrustschütze, beim Apfelschuss wie bei der Ermordung des Landvogts. In den Robin-Hood-Geschichten des Mittelalters und der frühen Neuzeit hat der berühmte Bogen Robins eigentümlicherweise fast keine dramatische Funktion. Er ist höchstens Sportgerät; nicht einmal die Wilderei spielt eine Rolle.

Welche künstlerische Adaption der Legende hat Sie zuletzt verblüfft, überzeugt?
Die interessantesten Bearbeitungen der Robin-Hood-Legende in Film und Fernsehen sind einerseits Richard Lesters Film «Robin and Marian» von 1976 mit Sean Connery sowie Audrey Hepburn als einer feministischen Marian, und andererseits die englische TV-Serie «Robin of Sherwood», 1984 bis 1986. Lesters Film zeigt uns einen alternden Robin, der sich in seine eigene Legende verliebt und daran scheitert. Der sehr intelligente Film thematisiert damit, wie problematisch heroische Legenden sein können. Die Fernsehserie «Robin of Sherwood» wiederum versucht, das Element des sozialen Widerstandes aus den spätmittelalterlichen Balladen wiederzubeleben. Dieser Robin, gespielt von Michael Praed, wirkt wie ein charismatischer Studentenführer mit Arbeiterwurzeln. Wenn Robin überhaupt je sozialistisch war, dann am ehesten noch im britischen Fernsehen um 1984, also mitten in der Thatcher-Ära.

Das Interview wurde per Mailaustausch geführt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.06.2013, 11:14 Uhr

Andrew James Johnston (*1966) ist Professor für Englische Philologie an der FU Berlin.

Andrew James Johnston, «Robin Hood, Geschichte einer Legende», C. H. Beck, 128 Seiten, ISBN 978-3-406-64541-9, CHF 14.90.

Robin Hood, Geschichte einer Legende

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