Er war gar nicht tot 

Der deutsche Historiker Johannes Fried will Ungeheuerliches über Jesus Christus herausgefunden haben.

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Also doch: Wir sind belogen worden, zwei Jahrtausende lang. Jesus Christus ist am Kreuz nicht gestorben, sondern nur «in eine todesähnliche Kohlen­dioxidnarkose» gefallen. Gerettet hat ihn ironischerweise der Lanzenstich des römischen Kriegsknechts, diese «gezielte Punktion». Dann wurde Jesus «ungewöhnlich früh» vom Kreuz genommen, ins Grab gelegt – und bald wieder lebend gesehen. So entstand im Römischen Reich die Theologie des auferstandenen Gottessohnes.

Nachzulesen sind diese Enthüllungen im Buch «Kein Tod auf Golgatha», das im Januar erscheinen soll. Dies nicht in einem kleinen Esoterikverlag, sondern im angesehenen Haus C.H. Beck in München, aus dessen Katalog die Zitate stammen. Der Verlag preist das Werk als «höchst spannende Spurensuche», verfasst von einem «renommierten Historiker».

Letzteres ist nicht gelogen. Johannes Fried, 76 Jahre alt und von 1982 bis 2009 Professor für mittelalterliche Geschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, ist ein Gelehrter mit Würden und Titeln. In zahlreichen Schriften war er bemüht um klare Sprache und breites Publikum, 2006 wurde ihm der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa verliehen. Bei C.H. Beck sind mehrere Titel erschienen, die eine grosse Leserschaft fanden, eine Biografie Karls des Grossen (2013), eine «Geschichte und Kultur» des Mittelalters (2008) sowie «Zu Gast im Mittelalter» (2007).

«Nur wer nichts zu sagen hat, kaut Quellen wieder.»Johannes Fried

Historikerkollegen und Rezensenten schätzen Frieds Originalität, auch wenn die schon mehrfach zu Kontroversen geführt hat. So vertritt Fried seit Jahren die Ansicht, der berühmte Gang nach Canossa Heinrichs IV. im Jahre 1076/77 sei kein demütigender Bittgang des Königs gewesen, sondern ein lange geplanter Besuch zur Aushandlung eines Friedenspakts, also erfolgreiche Politik. Mediävisten protestieren, die Argumentation sei abwegig, doch Fried beharrt. Wichtige Quellen seien übersehen worden. 

Überhaupt versteht sich Fried als Legendenzertrümmerer, der dank einer Neubetrachtung der Quellen hinter vermeintliche Gewissheiten und Mythen blickt. Mit der «Memorik» hat er ein System entwickelt, mit dem er «Implantate» im kollektiven Gedächtnis ausfindig machen will. Dafür brauche es auch Fantasie, sagte er: «Nur wer nichts zu sagen hat, kaut Quellen wieder.» Frieds Dekonstruktion angeblicher Mythen wirkt manchmal spekulativ, manchmal anregend. In «Aufstieg aus dem Untergang» behauptet er, die Grundlagen der Naturwissenschaften seien in der Auseinandersetzung mit dem ­Antichristen und der Apokalypse entstanden. Da seien Fragen aufgetaucht, die Antworten verlangt hätten.

Im neuen Jesus-Buch liest Fried nun den Kreuzigungsbericht des Evangelisten Johannes neu, zudem zieht er «medizinische Erkenntnisse» bei. Offenbar vermengt er Theorien zu Christi Scheintod aus dem 9. Jahrhundert mit neuen Erkenntnissen zur CO2-Narkose. Gewagt. Auf Twitter und Facebook, wo heute auch die Geschichtsprofessoren und Feuilletonchefs aktiv sind, formiert sich Ablehnung. Was kommt als Nächstes? Jesus, Hitler und Elvis betreiben gemeinsam ein Tankstelle in Arizona? Fried wird es aushalten. Die Quellen sind spärlich und wehren sich nicht. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 29.11.2018, 18:30 Uhr

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