Erlesene Tipps für den Sommer

Ferienzeit ist Zeit für gute Bücher. Künstler, Kulturmanager, Leiterinnen von Kulturinstitutionen verraten, mit welcher Lektüre sie selbst die besten Erfahrungen unter der brennenden Sonne gemacht haben.

Endlich Sommerferien! Denn ein Buch, das einen nicht loslässt, möchte man auch nie loslassen. Foto: Richard Kalvar (Magnum Photos)

Endlich Sommerferien! Denn ein Buch, das einen nicht loslässt, möchte man auch nie loslassen. Foto: Richard Kalvar (Magnum Photos)

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Hazel Brugger
Sonnenbrand-Glücksgefühle

Nie ist der Körper so sehr nur Fleisch wie im Sommer – dieses vulkanische Schwitzen, der ewige Entblössungsdrang im Gegensatz zum zeitlos-amphibischen Dasein des schuppigen Winters. Da tut es gut, sich der urmenschlichen Hässlichkeit bewusst zu werden und sich unter der prallen Julisonne gar an ihr zu freuen. Amélie Nothombs Roman «Attentat» (Diogenes 2005) hilft dabei und bringt einem beim Lesen Glücksgefühle, die man sonst nur beim zwiebelartigen Ablösen der sonnenverbrannt-toten Haut fühlt. Ein Muss für jeden, der sich in sich manchmal unwohl fühlt.
Hazel Brugger ist Schweizer Meisterin der Slam-Poetry 2013.


Hans Ulrich Gumbrecht
Die Kunst des Wahrsagens

Wie war es möglich, dass die philosophisch so versierten Kulturen der griechisch-römischen Antike und ihre gros-sen Protagonisten über Jahrhunderte im öffentlichen und privaten Leben den ­Zukunftsprognosen von mesopotamischen Spezialisten trauten, die sich auf die Analyse von Tier-Eingeweiden und auf die Beobachtung der Sterne verliessen? Lassen Sie sich ein auf das Detailwissen, die anschaulichen Beschreibungen und die intellektuellen Herausforderungen von Stefan Maul, einem der grossen Altertumswissenschaftler unserer Zeit («Die Wahrsagekunst im alten Orient» , C. H. Beck 2013).
Hans Ulrich Gumbrecht ist Professor für Komparatistik in Stanford.


Gesa Schneider
Vater, der Mafiaboss

Ein Schelmenroman ist Michael Chabons «Die Geheimnisse von Pittsburgh» (Kiepenheuer 1988) und perfekt für die Ferien, da tiefgründig und schillernd zugleich: Es beschreibt einen Sommer in den Achtzigern. Der junge Art Bechstein hat gerade das College hinter sich gebracht. Hitze, schräge Freunde, ein Mafiaboss als Vater, Abenteuer und Intrigen – und dann ist da dieses Flirren der Grossstadt, das die Protagonisten immer rasanter vorantreibt und dem man atemlos folgt, im Schatten eines Obstbaumes liegend.
Gesa Schneider leitet das Literaturhaus Zürich.


Harun Farocki
Facetten der Eleganz

Die Zeitschrift «Lettre International» gibt es seit über 20 Jahren, sie erscheint alle drei Monate. Das aktuelle Heft 105 enthält einen Essay von Hannes Bähringer zur Lässigkeit der Eleganz und andere zur Eleganz in der Literatur oder der Eleganz von Zweckbauten. Sechs Beiträge widmen sich der Macht und ihrer Inszenierung, darunter ein Beitrag von Etienne Balibar zu Machiavelli. Es gibt ausführliche Hintergrundinformationen zur Ukraine, zur Türkei und zu Syrien. Die Ferien wären eine gute Gelegenheit, «Lettre» kennen und schätzen zu lernen.
Der Deutsche Harun Farocki dreht Dokumentarfilme («Nicht ohne Risiko») .


Philipp Theisohn
Den Sommer totschlagen

Vielleicht einer der grossartigsten Romane der jüngeren Schweizer Literatur: ein Zürcher Mietshaus, ein Haufen wunderbar verquerer Charaktere, ein Todesfall – und eine unverschämte Erzählerin. Mit einem sagenhaften Gespür für Situationskomik meistert Monique Schwitter in ihrem Debütroman «Ohren haben keine Lider» (Residenz 2009) die Abgründe des Alltags. Dieses Buch kennt Menschen wie mich so gut wie selten ­eines – und es weiss auch allerhand über die seltsamen Dinge, die uns umgeben, von abartigen Pflanzen bis hin zum Thrash Metal. Ein herrlicher Text, um den Sommer totzuschlagen.
Philipp Theisohn ist Professor am Deutschen Seminar der Uni Zürich.


Milo Rau
Der Kongo als Zukunft der Welt

«Die tiefe Heuchelei der bürgerlichen ­Zivilisation und die von ihr nicht zu trennende Barbarei liegen unverschleiert vor unseren Augen, sobald wir den Blick nach den Kolonien wenden», schreibt Marx. Wie zu diesem Zitat hat David Van Reybrouck ein Mammutwerk geschrieben: «Kongo» (Suhrkamp 2012) umfasst ein Jahrhundert der Geschichte dieses Riesenlandes, ist frei von postkolonialen Schuldzuweisungen, aber auch von «Rumble in the Jungle»-Exotismus. Es führt vom Beinah-Genozid in den Kautschukplantagen um 1900 bis zum heutigen Minenbusiness. Der Kongo, schreibt Van Reybrouck, sei ein Blick in die Zukunft unserer Welt: eine einzige freie Handelszone, beherrscht von gros­sen Konzernen und Warlords.
Milo Rau ist ein Schweizer Regisseur und Theaterautor («Die Moskauer Prozesse»).


Christian Spuck
Tolstois «Anna Karenina»

Leo Tolstois Roman «Anna Karenina» bildet die Vorlage für ein neues Handlungsballett, das ich im Herbst mit dem Ballett Zürich auf die Bühne bringen werde. Mich fasziniert der widersprüchliche Charakter der Titelheldin. Sie flüchtet aus einer leidenschaftslosen Ehe in eine Liebesbeziehung zu einem Offizier. Für diese zunächst erfüllende Verbindung ist sie bereit, nicht nur ihren gesellschaftlichen Stand, sondern auch den geliebten Sohn zu opfern. Immer mehr lässt sie sich von Emotionen leiten und wird so zu seiner Figur, der ich ambivalent gegenüberstehe.
Christian Spuck ist Ballettdirektor an der Oper Zürich.


Katja Brunner
Ein Tipp ist nicht genug!

Denn Sommer ist die Antithese zur Beschränkung & deswegen 1: «Stellen Sie sich vor, ein Mond scheint am Himmel» , entstanden 1991 (und jetzt im Starship-Verlag 2013), ein Gesprächsbuch mit dem Künstler Martin Kippenberger über Knödel, Kunst, Ängste und Fehlbarkeiten. Er reist durch sein Lebensmoor, unverblümt vom Scheitern, Zweifeln und grossspurigen Tätigkeitswahn erzählend. Es tut gut, dieser kruden Denklogik beizuwohnen. Es ist wie ein stilles Reinzoomen in ein Kneipengespräch. Gut für zwischen zwei Sprüngen in die Limmat. 2: Eine Art Klassiker: Marlen Haus­hofers «Die Wand» , schlicht und einfach die einzig mögliche Sommerlektüre. (Bitte vergessen Sie die 1 und bestellen Sie sich die 2 sofort. Sie werden spüren, weshalb.)
Katja Brunner ist eine Schweizer Theaterautorin.


Ilona Schmiel
Hanna Dübgens Debüt

Berlin, Paris, Tokio, Tel Aviv – vier Standorte und vier Geschichten von Menschen, die zwischen Kulturen wandeln und um ihre Zukunft kämpfen. Sie alle sind miteinander verwoben im Strom unserer Zeit – mit grosser Kraft und Intensität von der jungen deutschen Autorin Hannah Dübgen in ihrem Roman «Strom» erzählt (Deutscher Taschenbuch-Verlag 2013). Ich habe lange kein Buch gelesen, das mich emotional so tief bewegt hat.
Ilona Schmiel ist die neue Intendantin der Tonhalle Zürich.


Christian Petzold
Renoir, als DVD und als Buch

Im Sommer zu Hause bleiben, die Vorhänge vorziehen und die Menschen draussen vorbei flip-floppen lassen. Und eine DVD schauen. «Partie de Campagne» von Jean Renoir aus dem Jahr 1936. Das ist der schönste und traurigste Sommerfilm aller Zeiten. Und dann eines der schönsten Filmbücher lesen, «Partie/Renoir» von Helmut Färber (erschienen 2011 im Verlag des Autors). Er nutzt den Film als Entree in die Welt des grossen Regisseurs.
Christian Petzold ist ein deutscher Filmregisseur («Yella», «Barbara»).


Jana Jakoubek
Manuele Fiors Graphic Novel

Nicht sattsehen kann man sich an den wundervoll aquarellierten Seiten von Manuele Fiors «Fünftausend Kilometer in der Sekunde» (Avant-Verlag 2009). Flausen und erste Liebe im sommerlichen Italien markieren den Beginn einer Dreiecksbeziehung, die über ein Leben hinweg das Schicksal der Protagonisten verknüpft. Die Reise nach Oslo, nach Ägypten und zurück steht für die Suche nach Glück, für Flucht, Sehnsucht – und führt den Blick zurück auf Erlebtes und Vergessenes. Nach der Lektüre dieser wundervollen Graphic Novel muss man doppelt leben.
Jana Jakoubek ist Künstlerische Leiterin des Comic-Festivals Fumetto in Luzern.


Stefan Zweifel
Homers «Odyssee»

Jeden Sommer lasse ich mich von der schaumgekrönten Sprache umspülen, aus der Homers Odysseus in der ­Prosa-Übersetzung von Wolfgang Schadewaldt auftaucht (als Taschenbuch bei Rororo). Ich berausche mich in den Büchern 9 bis 13 bei den Lotophagen mit Moly-Kraut, grunze als Schwein am Bett, in dem Odysseus die Zauberin Kirke küsst und kost, schaukle über das weinfarbene Meer wie eine verlorene Flaschenpost, lasse mich an den Mast fesseln, um dem Gesang der Sirenen und der deutschen Sprache zu lauschen, die hier im griechischen Wellen- und Zungenschlag wogt.
Wegen dieser Übersetzung wurde ich selbst Übersetzer, und jeder Leser kann den listenreichen Odysseus in sein eigenes Ich übersetzen.
Stefan Zweifel ist Übersetzer, Literatur­kritiker und Ausstellungskurator.


Sabine Schaschl
Kunstkrimi um Mark Rothko

Für alle, die im Sommer gerne mal einen Krimi lesen, die Kunst mögen und dem Kunstbetrieb auch mal mit Skepsis ­gegenüberstehen, dürfte dieses Buch eine Entdeckung sein. Als der international hoch geachtete Künstler Mark ­Rothko sich 1970 das Leben nahm, begann ein Kunstbetrug in Millionenhöhe, der bis heute als negatives Fallbeispiel die Geschichte der Kunstkriminalistik anführt. Die über 400 Seiten von Lee Seldes’ Krimi «Das Vermächtnis Mark Rothkos» (Parthas-Verlag 2008) lesen sich wie im Flug und verändern so manche Überlegungen zum Verhältnis von Kunst und ihrer Vermarktung.
Sabine Schaschl ist Direktorin des Hauses Konstruktiv in Zürich.


Heiko Nieder
Ein Gastrokritiker packt aus

Es ist schon eine Weile her, dass ich in den Ferien ein Buch zu Ende habe lesen können – es war vor dem zweiten Kind. Und ja, es ging um die Gastronomie. Jörg Zipprick, der jahrelang als Restauranttester unterwegs war, berichtet in seinem Buch «In Teufels Küche» (der Untertitel lautet «Ein Restaurantkritiker packt aus», Eichborn 2011) über seine persönlichen Erlebnisse, auch über Abgründe, die zur Branche gehören. Er wechselt geschickt zwischen Unterhaltung und Hintergrundinformation. Auch wenn ich längst nicht immer der gleichen Meinung war wie der Autor – manchmal hätte ich das Buch beinahe in die Ecke geworfen –: Es hat mich lange beschäftigt.
Heiko Nieder ist Chef Fine Dining im Dolder Grand in Zürich.

Gesammelt von Martin Ebel

Erstellt: 11.07.2014, 07:59 Uhr

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