Ermittlungen in verwinkelten Psychen

Res Strehles Roman «Salinger taucht ab» erzählt von der Zerbrechlichkeit der menschlichen Identität.

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Es nennt sich einer Salinger, Vorname Walter, weil ein Mensch ja heissen muss. Und der schrieb in der psychiatrischen Klinik Königshofen aus einer akuten Psychose heraus eine Kurzgeschichte, die von einem Salinger, Vorname Walter, handelt. Zudem von den geisterhaften kosovarischen Flüchtlingszügen, die an ihm vorbeizogen, als er, ein Angehöriger des Territorialregiments 4, II, Wache stand eines Nachts mit geladenem Sturmgewehr an einer grünen Grenze. Damals ging auch ein Munitionsdepot in die Luft, und Wachkommandant Korporal Affentranger wurde Opfer eines grausamen Scherzes, weil er hiess, wie er hiess.

Das Manuskript über Salinger aber übergibt Salinger, den wir vorläufig weiter so nennen, einem Pfleger; und wie es der Zufall will, den es in der Literatur ja eigentlich nicht gibt, ist dieser Journalist und hat in Königshofen nur eine Woche Zivildienst gemacht und hat jetzt, wie man so schön sagt, das Geschenk. So passiert es im Roman «Salinger taucht ab» von Res Strehle, dem früheren «Tages-Anzeiger»-Chefredaktor. Der Salinger in seinen Erscheinungsformen kitzelt an den investigatorischen Reflexen. Er treibt den zum Erzähler werdenden Journalisten in die Strudel des Menschlichen. Dorthin, wo das Reale, Erfundene, Geträumte und Erlogene, das Wahre im Wahnsinnigen (und umgekehrt) zerstäuben und sich ineinander verwirbeln bis zur Ununterscheidbarkeit.

Die Spur führt nach Kosovo

Und das beginnt in Strehles raffiniert verschlungenem Buch eben schon beim Heissen: Der Journalist wird es nie recht wissen, und wir werdens auch nicht, ob der besagte Autor Salinger Salinger ist oder der Wiedergänger eines Deutschlehrers gleichen Namens. Oder einer namens Rennhard, Vorname Jörg, der vermutlich zum Salinger geworden ist, nachdem er quasi aus der Wirklichkeit desertiert und verschwunden war nach jener Nacht, in der das Munitionsdepot brannte. Oder ein Giorgio Tacchini, den leibhaftig nie jemand gesehen hat, der aber doch eine dritte Absplitterung der gespaltenen Salinger-Rennhard-Identität zu sein scheint.

Die solidesten Existenzspuren werden vom Journalisten dann in Kosovo gefunden, in der ethnisch zerrissenen Stadt Mitrovica. Ein Walter Salinger hat dort versucht, sich nützlich zu machen durch Versöhnungsarbeit. Und dort laufen nun die erzählerischen Flüsse zusammen, und von dort schwappt die Geschichte einer grossen Zerrissenheit wieder zurück in die Schweiz.

Diese Geschichte handelt von europäischer Historie und ihren bleibenden Ab- und Albdrücken; sie vermengt Belletristik und Nachforschungsprotokoll; sie verschränkt die Wirklichkeitszeit der Recherche (so ums Jahr 2002) mit den Unwirklichkeitszeiten von Wahn, Grössenwahn und Nachtmahr. Und sie verführt einen Leser zur sehr animierenden und inspirierenden Schnitzeljagd in verwinkelten Psychen.

Lesung: 28. März, 18.30 Uhr, Bildhalle Zürich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.03.2018, 18:20 Uhr

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