Es gibt nichts Gutes, ausser es stösst einem zu

Daniel Glattauer hat ein süffiges Sozialmärchen rund um einen sympathischen Verlierer geschrieben.

Auflagenmillionär aus Österreich: Daniel Glattauer. Foto: Wikimedia

Auflagenmillionär aus Österreich: Daniel Glattauer. Foto: Wikimedia

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Das Glück hat es nicht leicht mit den Menschen – zumindest nicht in der Gegenwartsliteratur. Denn in diesen Gefilden gibt es ein fast schon unheimliches Misstrauen gegenüber allem Gelingen. Man kann sich über dieses skeptische Verhältnis gegenüber dem Glück aber auch wundern, die verbliebenen Haare raufen – oder sich zur Abwechslung einfach mal wieder der Unterhaltungsliteratur zuwenden, in der das Daseinsglück seit je seine Triumphe feiern darf. So auch im neuen Roman von Daniel Glattauer («Gut gegen Nordwind»), in dem der österreichische Auflagenmillionär eine veritable Orgie des Gelingens zelebriert – naturgemäss in einer süffigen Story mit sympathischen Figuren und dem nötigen Suspense.

Passionierter «Antijournalist»

Protagonist der glattauerschen Glücks­orgie ist Gerold Plassek, ein heruntergekommener Journalist, dem auf 300 Seiten unaufhörlich Gutes zustösst, woran er selbst nicht ganz unschuldig zu sein scheint. Denn der 43-Jährige ist allem Anschein nach der Auslöser einer Serie von anonymen Barspenden, die in ­schöner Regelmässigkeit an Notleidende und karitative Institutionen gehen; immer sind es 10'000 Euro, und immer liegt dem gespendeten Geld als Begründung ein Zeitungsartikel von Plassek bei.

Wer ein solches Spendenverhalten unglaubwürdig findet und die Hände wieder zum Haareraufen erhebt, muss sich von der Realität eines Besseren belehren lassen. Glattauer verweist in seinem Roman auf das sogenannte Wunder von Braunschweig; seit 2011 ereignet sich dort eine Serie anonymer Bargeld­spenden, von denen einigen jeweils ein Artikel der lokalen Zeitung beilag.

Während in Braunschweig wohl die Freude über die wundersamen Spenden dominiert, ist das Geld bei Glattauer der Motor für Komik und Unterhaltung. Ganz einfach deshalb, weil die Barspenden in Glattauers «Geschenkt»-Roman mit einem Menschen in Verbindung gebracht werden, der extrem ehrgeizlos durchs Leben driftet und sich schon früh mit seinen Schwächen aufs Beste arrangiert hat: Plassek ist zu Beginn des Romans ein leidenschaftlicher Alkoho­liker und ein ebenso passionierter «Antijournalist», der bei einer anspruchs­losen Gratiszeitung mit dem Verfassen von Kurznachrichten seinen Dienst nach Vorschrift verrichtet.

«Ich war immer nur durstig»

Das Glück, das ihn ereilt, steht Plassek eigentlich nicht zu. Zumindest, wenn man es an seiner Leistung misst. Aber wer da einen zwingenden Zusammenhang verlangt, ist nun wirklich weltfremd. Dass Geld glücklich macht, wussten wir aber schon immer. Daher ist es auch nicht überraschend, dass das Wunder der Bargeldspenden auch für Plassek zu einem Erweckungserlebnis wird: Angeregt durch den Spendenfluss, gewinnt der heruntergekommene Journalist eine schöne Zahnärztin für sich; zudem erhält er bei einer anspruchsvollen Zeitung einen Job, die ihren freien Mitarbeitern märchenhaft hohe Sonder­honorare zahlt.

Und nicht zuletzt macht Plassek die späte Bekanntschaft mit seinem 14-jährigen Sohn, der ihm von seiner einstigen Bettgefährtin verheimlicht wurde, weil Alice – und hier darf man sich wirklich die Haare raufen – von ihrem damaligen One-Night-Stand nichts erwartet hatte. Das macht Plassek dann doch etwas traurig, «weil es wahrscheinlich stimmte».

Wenn man über die Motive der späten Familienzusammenführung gross­zügig hinwegliest, darf man sich bei Glattauer an einer rührenden Vater-Sohn-Geschichte erfreuen, die das Zeug hat, selbst Familienmuffel zu bekehren. Bei Glattauer ist das familiäre Glück naturgemäss mit dem Wunder der Bargeld­geschenke verbunden und ver­sehen mit einigen pointenstarken Sätzen und witzigen Klipp-klapp-Dialogen, die dem Roman einen launigen Sound geben.

«Ich war nie hungrig gewesen, immer nur durstig», heisst es etwa zu Beginn, bevor Plasseks soziale Wiedergeburt nach der Begegnung mit seinem Sohn beginnt. «Ich sass einige Stunden bei Alice, und wir tranken ein Glas Cognac – also es waren ein Glas und eine halbe Flasche, und Alice mochte keinen Cognac.»

Kein Hund unter den Rädern

Keine Frage, Glattauers Roman liest sich gut weg. Und dies, obwohl das Buch am Ende in eine Cliffhanger-Serie ausufert, wo einige handlungsrelevante Fragen offen bleiben, die dem Roman seine Spannung gegeben haben: Wer ist der anonyme Spender? Wann wird Gerold seinem Sohn erzählen, dass er sein Vater ist? In der «Lindenstrasse» würde an ­dieser Stelle der Bus durchs Schlussbild fahren.

Und während ein Zweig der Gegenwartsliteratur die Figuren wie Hunde auf die Autobahn treibt, damit sie dort vor unseren Augen überfahren werden, darf man sich bei Glattauer einfach mal ein wenig darüber freuen, dass in ­seinem Buch niemand unter die Räder gekommen ist.

Erstellt: 13.11.2014, 18:56 Uhr

Daniel Glattauer: Geschenkt, Roman. Deuticke, Wien 2014. 335 S., ca. 27 Fr.

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