«Es ist ein Dilemma unserer Zeit: Alle wollen einzigartig sein»

Psychiater Achim Haug erklärt, wie der Durchschnittsmensch glücklich werden kann und weshalb wir alle ein bisschen esoterisch sind.

Alle wollen einzigartig sein, und die meisten Menschen sind trotzdem durchschnittlich, sagt Psychiater Achim Haug. Foto: Getty Images

Alle wollen einzigartig sein, und die meisten Menschen sind trotzdem durchschnittlich, sagt Psychiater Achim Haug. Foto: Getty Images

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Herr Haug, mit Wahnsinn assoziiert man Irrenanstalten, Elektroschocks, Zwangsjacken. Was fasziniert Sie daran?
Mit solchen Horrorszenarien hat die moderne Psychiatrie natürlich nichts gemein. Das Buch habe ich geschrieben, weil mich die Geschichten und Fantasien von Wahnpatienten faszinieren.

Kommen wir im Alltag mit Wahnpatienten überhaupt in Berührung?
Öfter, als Sie denken. Sehr viele sind nicht in einer Klinik, und sie reden auch nicht dauernd wirres Zeug. Sie könnten mit Ihnen an der Bushaltestelle ein Gespräch führen, ohne dass Ihnen etwas Seltsames auffällt. Erst nach längerem Kontakt würden Sie merken, dass mit diesen Menschen etwas nicht stimmt.

Was denn?
Sie haben zum Beispiel seltsame Auffassungen von der Wirklichkeit, die kein rationales Argument widerlegen kann. Wahn kann bei Krankheiten wie Schizophrenie, schweren Depressionen oder Manien vorkommen. Betroffene leben dann in einer Art privaten Wirklichkeit.

Wie geht das?
Sie sind der festen Überzeugung, dass das, was sie im Wahn erleben, real ist. Im Buch schildere ich zum Beispiel die Geschichte einer Frau, die grosse Angst hatte, dass ihr Mann und ihr Kind durch Doppelgänger ausgetauscht wurden. Einer meiner Patienten, ein Ingenieur, war wiederum überzeugt, dass er mit klimatischem Hoch- und Tiefdruck in verschiedene Welten wandern kann, die alle gleichzeitig existieren.

Kann das jedem passieren?
Grundsätzlich schon. Wir sind alle wahnfähig, auch wenn es zum Glück nicht sehr viele trifft. Ausserdem ist Wahn mit Medikamenten behandelbar, und man kann danach wieder völlig gesund werden.

Liegen Wahn und Genie wirklich so nah beieinander?
Rein medizinisch nicht. Denn ein Genie hat nicht nur ausufernde Fantasien und kreative Ideen, es kann seine Begabung auch lebenspraktisch ordnen. Der Wahnkranke kann das nicht. Der Glaube an die Ähnlichkeit von Genie und Wahn hängt wohl damit zusammen, dass diese Menschen Dinge und Zusammenhänge wahrnehmen, die Normalsterbliche nicht sehen. Dadurch heben sie sich von der Masse ab.

Heute will sich so gut wie jeder vom Durchschnitt abheben. Ein bisschen Verrücktsein ist da durchaus gefragt.
Es ist ein Dilemma unserer Zeit: Alle wollen einzigartig sein, und die meisten Menschen sind trotzdem durchschnittlich. Damit wären wir eigentlich beim Thema «Wie werde ich glücklich», das auch alle umtreibt. Ich sage immer: in der Regel, wenn es mir gelingt, mich mit meinem Durchschnitt abzufinden. Gleichzeitig bietet unsere offene Gesellschaft für jeden so viele Gelegenheiten wie nie zuvor, um sich als etwas Besonderes hervorzutun.

Das setzt viele allerdings auch unter Druck.
Jede Entwicklung birgt Risiken. Tatsächlich leiden viele unter einem Verwirklichungsdruck, der über Stress bis zu psychischen Krankheiten führen kann. Andererseits haben wir aber auch viel mehr Chancen zur Selbst­verwirklichung als früher. Wenn ich zum Beispiel Sportler werde, steche ich aus der Masse heraus. Wenn ich ausschliesslich Produkte ohne Zusatzstoffe esse, hebe ich mich vom Durchschnitt ab. Wenn ich ein Instagram-Profil für meinen Igel erstelle, ernte ich Aufmerksamkeit. Eigentlich kann heute jeder durchschnittliche Mensch von sich sagen: Ich habe etwas Besonderes, vielleicht sogar Verrücktes gemacht.

Ist man eigentlich verrückt, wenn man an Elfen oder an die Kraft von Steinen glaubt?
Man ist jedenfalls nicht automatisch wahnhaft. Wenn man eine esoterische Ader hat oder abergläubisch ist oder irgendwelchen Sektierern glaubt, dann hat es primär mit der Suche nach Sicherheit zu tun. Wir wollen die Welt schön geordnet haben, und deshalb suchen wir nach möglichst schnellen Erklärungen.

«Wir sind alle ein bisschen esoterisch», sagt Achim Haug. Foto: PD

Wie wäre es mit rationalen Erklärungen?
Ich fürchte, in der reinen Vernunft finden die wenigsten Menschen Sicherheit. Wir alle sind ein bisschen esoterisch, wenn wir uns selbst ganz genau prüfen. Warum, denken Sie, gibt es in Hotels kein 13. Stockwerk?

Esoterik boomt genauso wie Verschwörungstheorien, Wutbürgertum und Fanatismus. Leben wir in irrationalen Zeiten?
Wir leben in komplexen Zeiten, die nach einfachen Antworten drängen. All die Phänomene, die Sie aufzählen, bieten das. Aber sie greifen nur kurzfristig. Donald Trump bedient sich dieser Taktik geradezu vorbildlich, indem er seine vermeintlich klaren Lösungen mit sehr viel Selbstbewusstsein vertritt.

Ist US-Präsident Trump grössenwahnsinnig?
Psychiater sollten keine Fern­diagnosen stellen, auch wenn es einem manchmal wie bei Trump schwerfällt. Persönlich glaube ich eher, dass er ein wenig gebildeter Mensch mit einem einfachen Weltbild ist.

Muss man denn nicht von Haus aus grössenwahnsinnig sein, um die Welt zu regieren?
Nicht im medizinischen Sinn. Aber Menschen, die Grosses leisten, müssen sehr stark an sich und ihre Einflussmöglichkeiten glauben. Das kann durchaus irrational sein.

Im Grunde müssen sich all diese Leute doch enorm überschätzen.
Ich würde es anders formulieren: Sie glauben so sehr an sich, dass sie sich als besser, mächtiger und stärker einschätzen, als sie tatsächlich sind. Aber genau das gibt ihnen oft auch die Kraft, Ausserordentliches zu leisten. In diesem Sinn ist eine grosse Portion Selbstbewusstsein nützlich, Grössenwahn dagegen nicht.

Trotzdem vertrauen Menschen gern grössenwahnsinnigen Heilsbringern. Was wäre sinnvoller?
Es wäre sicher hilfreich, wenn wir uns besser mit Unsicherheiten abfinden und nicht auf alles sofort eine entlastende Antwort brauchen würden. Rationales Abwägen wäre die Alternative. Zudem besitzt doch jeder von uns auch einen gesunden Menschenverstand. Ob es Elfen gibt oder nicht, kann man zwar nicht beweisen, aber der gesunde Menschenverstand sagt mir mit ausreichender Sicherheit: Elfen gibt es nicht. Auf diesen grossen Bereich sollten wir unbedingt mehr vertrauen. Aber auch dann wird es Dinge geben, die nicht beantwortbar sind, und diese müssen wir besser auszuhalten lernen.

Der Trend geht in die andere Richtung. Wir brauchen für jedes Wehwehchen und jede Unklarheit einen Experten.
Jeder Trend hat einen Gegentrend. Und der Druck, nicht sofort Erklärbares auszuhalten, wird zweifellos zunehmen, weil die Welt immer komplexer wird.

Äussert sich dieser Druck in psychischen Erkrankungen?
Wenn Sie depressive Stimmungen, Beziehungsschwierigkeiten oder Stressfolgeerkrankungen meinen, dann haben diese tatsächlich zugenommen. Die Kernkrankheiten der Psychiatrie wie Schizophrenie, schwere Depressionen oder Zwangserkrankungen indes nicht.

Trotzdem gehen heute fast doppelt so viele Menschen zur Psychotherapie wie nochvor zehn Jahren.
Das liegt aber primär daran, dass das Stigma psychischer Probleme abgenommen hat und man sich traut, zum Arzt oder Psychologen zu gehen.

Hand aufs Herz: Gehört ein kleines Burn-out heute nicht schon fast zum guten Ton?
Gestresst zu sein und darunter zu leiden, mag durchaus ein wenig chic sein, weil viele Stress mit Leistung und Erfolg verbinden. Wir sind zum Glück aber noch weit davon entfernt, psychische Krankheiten als hip zu betrachten.

Achim Haug: Reisen in die Welt des Wahns. C. H. Beck-Verlag, München 2019. 255 S., ca. 33 Fr.

Erstellt: 13.02.2019, 17:56 Uhr

Reisen in die Welt des Wahns

Achim Haug ist emeritierter Professor für Psychiatrie an der Uni Zürich und war 15 Jahre als Chefarzt tätig. Der 65-Jährige hat drei erwachsene Töchter, ist verheiratet und wohnt in Küsnacht ZH. Im eben erschienenen Buch «Reisen in die Welt des Wahns» schildert Haug anhand von vier Patientenschicksalen sehr anschaulich, wie es sich anfühlt, Wahnvorstellungen zu haben, und was das für den Alltag der Betroffenen bedeutet. Jede Geschichte ist mit historischem oder medizinischem Wissen angereichert, was das «Wahnbuch» zu einer erhellenden Lektüre macht. (lm)


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