Interview

«Es ist ein Unterschied, ob das in der Schweiz oder in Deutschland gesagt wird»

In Deutschland tobt die Debatte um das neue, israelkritische Gedicht von Günter Grass. Literaturprofessor Peter von Matt analysiert das Stück im Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Gespräch.

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Herr von Matt, was bezweckt Grass mit seinem Gedicht «Was gesagt werden muss»?
Das Gedicht geht von der sehr akuten Frage nach einem Erstschlag im Nahen Osten aus; das scheint mir eine reale, berechtigte Sorge. Ebenso berechtigt ist die Überlegung, ob Deutschland U-Boote in diese Region verkaufen darf. Das Problem des Gedichts ist, dass es in der zweiten Hälfte den präzisen Ansatz verlässt und immer pauschaler wird. So entsteht der Eindruck, dass dieser berechtigte Anfang eigentlich nur der Anlass für viel pauschalere, analytisch unscharfe Äusserungen ist. Grass hätte einfach früher aufhören sollen.

Wie beurteilen Sie die aufwendige Orchestrierung der Publikation, der gleichzeitige Abdruck in mehreren international renommierten Zeitungen?
Grundsätzlich muss man festhalten, dass ein Autor, dessen Wort von öffentlichem Gewicht ist, das Recht, ja die Pflicht hat, sich zu äussern. Das hat ja auch eine grosse Geschichte in der Tradition der Literatur. Mir wäre es aber schon sympathischer gewesen, wenn Grass das Gedicht in einer einzigen Zeitung veröffentlicht hätte und die Wirkung sich selber hätte entfalten lassen, statt gleich zur ganzen Welt – urbi et orbi – sprechen zu wollen.

Mehrfach wurde die Vermutung angestellt, dass Grass die Kollektivschuld des Holocausts relativieren möchte, indem er in seinem Gedicht den jüdischen Staat Israel brandmarkt. Was halten Sie davon?
Dazu äussere ich mich nicht; dieses Gelände ist derart vermint. Es ist allein schon ein fundamentaler Unterschied, ob so was in der Schweiz oder in Deutschland gesagt wird. Das soll in Deutschland abgehandelt werden.

«Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen», so das berühmte Bonmot des israelischen Psychoanalytikers Zvi Rex – gilt es für Grass?
Das sind einfach Dinge, die so pauschal nicht formuliert werden dürfen… dieses Bonmot ist ein schiefer Witz. Man darf nie vergessen, dass die Deutschen ihre nationalsozialistische Vergangenheit aufgearbeitet haben, wie es kein anderes Land getan hat, das am Holocaust mitschuldig wurde. Gegenüber pauschalen Verdächtigungen, die jeden einzelnen Bürger eines Landes treffen, habe ich Bedenken.

Wie beurteilen Sie die heftige, weitgehend äusserst negative Reaktion des deutschen Feuilletons? Der bekannte «Spiegel»-Kolumnist Henryk Broder verstieg sich gestern in einem Radio-Interview gar zur Behauptung, Grass «schreibe wie ein SS-Mann».
Ich überblicke die Vielzahl der bisher eingegangenen Reaktionen nicht und kann sie noch nicht beurteilen. Man muss jetzt abwarten, wie die Diskussion verläuft. Das sind kollektive und mediale Prozesse, die ihre eigenen Gesetzmässigkeiten haben und einer gesonderten Analyse bedürfen. Ich masse mir keinen Richterspruch an. Bis dato kann ich nur Grass’ Warnung vor dem Erstschlag als berechtigte Sorge anerkennen; das ist für mich der Kern des Gedichts. Bei aller Kritik an Grass bleibt festzuhalten: Die Meinungsfreiheit ist eines der höchsten politischen Güter, und diese muss gewahrt sein und gewahrt bleiben.

Weshalb hat Grass ausgerechnet die literarische Form des Gedichts gewählt, um seine politische Botschaft zu vermitteln?
Diese Wahl ist legitim, es hat immer scharfe politische Stellungnahmen in Gedichtform gegeben. Das Gedicht ist ein rhetorisches Mittel, um Aufmerksamkeit zu schaffen – es verblüfft, es bricht die üblichen Diskurse. Grass fügt sich mit «Was gesagt werden muss» ein in die literarische Tradition der kombattanten Lyrik; man denke an Christian Friedrich Schubarth, der zehn Jahre in Festungshaft gesetzt wurde, weil er gegen den Herzog von Württemberg protestiert hatte, oder an Frank Wedekind, der wegen eines Spottgedichts gegen Kaiser Wilhelm II. sechs Monate eingekerkert wurde. Wobei auch gesagt werden muss, dass die analytische Präzision gegeben sein muss, wenn ein Autor politisch-polemisch auftritt. Formulierungen wie die «Heuchelei des Westens», die sich bei Grass’ Gedicht mehrfach finden, sind mir zu grobschlächtig.

Hat das Gedicht einen ästhetischen Wert?
Der «ästhetische» oder auch «poetische Wert» ist eben auch ein diffuser Begriff… Ein Gedicht, das in die Öffentlichkeit hineinwirkt, hat per se einen Wert. Denken Sie an das Schauspiel «Der Stellvertreter» von Rolf Hochhuth, das als Stück rein ästhetisch betracht nicht viel wert ist, das aber eine immense politische Wirkung und eine immense politische Bedeutung im Nachkriegsdeutschland hatte. Man kann hier schlicht nicht mit der Vorstellung eines eindeutig gegebenen ästhetischen Wertes operieren.

Wie würden Sie das Gedicht im Kontext des Grass'schen Spätwerks einordnen? Ist es typisch, ist es innovativ?
Grass hat sich immer das Recht herausgenommen und es sich gewissermassen auch zur Pflicht gemacht, ein politischer Mahner zu sein. Das führt er mit diesem Gedicht – nach ein paar Jahren Unterbruch – nun weiter.

Im Zug der ideologischen Kritik wird oft auch die literarische Qualität der Werke Grass' angezweifelt. Häufig wird behauptet, nach der «Blechtrommel» habe Grass nur noch wenig Relevantes publiziert. Sehen Sie das auch so?
Das ist zum heutigen Zeitpunkt nicht abschliessend zu beurteilen. Ein Autor ist in der Gegenwart ein anderes Ereignis, als er hundert Jahre später ist. Auch wenn ich ebenfalls sein Frühwerk für wichtiger erachte als seine späteren Arbeiten, so ist doch unbestritten, dass Grass eine wesentliche Stimme in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts darstellt.

Ist die Zeit der moralischen Instanz Günter Grass nach dieser Kontroverse definitiv passé?
Grass’ Nimbus ist ja nun schon seit mehreren Jahren angeschlagen, seit bekannt wurde, dass er verschwiegen hat, einst die Uniform der Waffen-SS getragen zu haben. Aber Grass ist weiterhin ein Autor, der angehört werden sollte. Und eines sollte nicht vergessen werden: Wenn dieses Gedicht und die laufende Diskussion darüber nun tatsächlich die Wahrscheinlichkeit eines Erstschlags verringern sollten, dann hätte es – trotz mancher Bedenken – seine unbestreitbare Bedeutung. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.04.2012, 14:03 Uhr

Zur Person

Peter von Matt (*1937) gehört zu den renommiertesten Schweizer Literaturforschern. Er ist emeritierter Professor der Uni Zürich und hat unter anderem in Stanford und Berlin gelehrt.

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