Es war einmal . . . die Zukunft

Ein Historiker mahnt, dass die Gegenwart, wie wir sie gestalten, keine Zukunft hat. Am Ende bleibt laut Philipp Bloms Streitschrift «Was auf dem Spiel steht» nur noch das Prinzip Hoffnung.

Nicht nur Umweltsünden wie vergiftete Luft werden die Menschen künftig belasten. Foto: Reuters

Nicht nur Umweltsünden wie vergiftete Luft werden die Menschen künftig belasten. Foto: Reuters

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Der letzte Satz des Buches resümiert: «Was auf dem Spiel steht? Alles.» Es ist also ein Alarmruf, und er kommt von einem Historiker. Philipp Blom hat sich bisher der Vergangenheit gewidmet: der Aufbruchsstimmung vor dem Ersten Weltkrieg («Der taumelnde Kontinent»), dem «Zerrissenen Jahrzehnt» der Zwischenkriegszeit und, zuletzt, der «Kleinen Eiszeit» im 16. und 17. Jahrhundert.

Nun also die Zukunft oder vielmehr unsere Gegenwart, die die Zukunft scheut, wegen all des Schrecklichen, was sie uns bringen wird: «Millionenfache Migration, Klimawandel, kollabierende Sozialsysteme, explodierende Kosten, Bomben in Nachtclubs, Umweltgifte, ausbleichende Korallenriffe, massenhaftes Artensterben, versagende Antibiotika, Überbevölkerung, Islamisierung, Bürgerkrieg». Vor einer solchen Zukunft stecken die reichen Gesellschaften des Westens den Kopf in den Sand und hoffen, die Gegenwart möge nie enden.

Diese Gegenwart aber, genauer gesagt ein Wirtschaftssystem, das auf der Ausbeutung von Ressourcen und Menschen beruht, wird diese schreckliche Zukunft unweigerlich herbeiführen. «Unser Modell ist ein Modell mit Ablaufdatum, und dieses Datum wurde längst überschritten, ab jetzt wird es toxisch», schreibt Blom. «Die Gegenwart ist bereits zu Ende – nur die Kulissen stehen noch.»

«Die Maschinen gewinnen»

Was den Klimawandel und seine Folgen für die Weltbevölkerung angeht, braucht Philipp Blom keine dramatischen Szenarien auszumalen: Wir kennen sie. Das Werkzeug des Historikers nützt er indes zu einer frappierenden Parallele. Als die Temperaturen in der «Kleinen Eiszeit» um zwei Grad sanken, führte das nicht nur zu Ernteausfällen und Hungersnöten, sondern auch zu gesellschaftlichen Verwerfungen. Länder wie Holland, Frankreich und England nahmen die Herausforderung an, investierten in Bildung und Handel oder entwickelten mit dem Merkantilismus eine zukunftsträchtige Wirtschaftsform. Letztlich entstand daraus die «kohlenstoffbefeuerte Industrialisierung», die zu Fortschritt und Wohlstand führte (und jetzt in Selbstzerstörung umschlägt). Spanien dagegen stützte sich weiter auf den scheinbar unendlichen Fluss von Edelmetallen aus Südamerika und verpasste eine notwendige ökonomisch-gesellschaftliche Anpassung.

Sind wir heute bereit für eine «Transformation», für das grosse Umsteuern, um die Zukunft zu meistern? Die Chancen stehen nicht gut, ist die Herausforderung doch ungleich grösser als in der Kleinen Eiszeit. Nicht nur der Klimawandel bedroht unsere Lebensverhältnisse. Der zweite grosse Faktor, den Philipp Blom anführt, ist die Digitalisierung – ebenso wenig zu stoppen wie der Temperaturanstieg und mit Folgen, die sich die wenigsten heute ausmalen, trotz etlicher einschlägiger Studien.

«Die Maschinen kommen, und sie werden gewinnen», proklamiert er martialisch und meint: Die künftigen Maschinen werden so «klug», dass sie viele Arbeitsplätze übernehmen können, und die Menschen, die sie bisher innehatten, überflüssig. «Diesmal ist es anders» – anders als bei allen bisherigen Rationalisierungsschüben, die zwar Arbeitsplätze vernichteten, aber auch immer neue schufen. Diesmal werden auch die «intelligenten» Jobs drankommen, auch Mediziner, auch Juristen: «Prinzipiell ist jede Tätigkeit ihrer Digitalisierung immer nur einen Schritt voraus.»

Bleibt die Demokratie nur eine Episode?

Dadurch entsteht ein Heer beschäftigungsloser Menschen, die sich als Bürger verraten fühlen und als Konsumenten ausfallen. Die Entwicklung ist bereits in vollem Gang; das zeigen etwa die Arbeitslosenzahlen in Südeuropa oder die Wahlerfolge populistischer Parteien in deindustrialisierten Regionen der USA, Englands oder Frankreichs. Die Finanzkrise 2008 und die Rettung der Banken mit Steuergeldern setzt Blom als Schlüsseldatum an für einen gravierenden Legitimationsverlust der westlichen Demokratien. Aus der Vogelperspektive des Historikers weiss er: Die liberale Demokratie ist weder das logische Endstadium der Geschichte noch ist sie die Selbstverständlichkeit, als die wir sie naiverweise betrachten. Vielleicht ist sie nur eine kurze Episode in einer begrenzten Weltregion – abhängig von einem Wohlstand, der selbst flüchtig sein könnte.

So wie bisher geht es also nicht weiter, trichtert uns Philipp Blom ein – stilistisch ebenso brillant wie in seinen historischen Büchern, aber mit ungleich mehr Engagement. Was tun, wenn Politiker das Notwendige nicht vorzuschlagen wagen, weil es radikale Einschnitte bedeutet? Wenn jeder Einzelne, zum egoistischen Konsumenten erzogen, nur sein Schäfchen ins Trockene bringen will?

Es braucht eine gewaltige, gemeinsame gesellschaftliche Anstrengung. An diesem Punkt seiner Argumentation muss der Historiker zum Visionär werden und das Prinzip Hoffnung die Analyse ablösen. Für den radikalen Bruch, den Blom für nötig hält, bedarf es eines ordentlichen Schusses Magie. Das führt zu einem Bruch auch in dem Buch «Was auf dem Spiel steht».

Die gesamte Menschheit, fantasiert er, wacht eines Tages auf mit dem Bewusstsein dessen, was zu tun ist, und dem Willen, das auch tatsächlich zu tun. Sie steigt binnen zehn Jahren aus der Nutzung fossiler Brennstoffe aus und auf radikales Recycling und alternative Energien um. Alle Konsumgüter erhalten ihren wahren Preis, der Ressourcenverbrauch und Müllbeseitigung einschliesst. Fleischkonsum wird zum Luxus, Mode verschwindet. Die Profite, die Maschinen abwerfen, fliessen als Dividende an die Gesellschaft zurück. Arbeit wird zum Privileg, das geteilt wird. Jeder bekommt ein voraussetzungsloses Grundeinkommen. Überall entstehen vertikale Gemüsegärten, selbst Wolkenkratzer werden begrünt bis zur Spitze . . .

Eine schöne Vision, nicht unmöglich, aber unrealistisch. Dass Blom einen globalen Traum als Katalysator braucht, zeigt, wie schwierig, ja fast unvorstellbar es ist, das für richtig Erkannte auch politisch-gesellschaftlich umzusetzen. Ein skeptisches Fazit eines aufrüttelnden Buches, das dem informierten Zeitungsleser keine neuen Tatsachen bietet, diese aber plastisch und drastisch zu einer Dringlichkeit bündelt, der man sich kaum entziehen kann.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2017, 18:53 Uhr

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Philipp Blom

Was auf dem Spiel steht

Hanser-Verlag, München 2017. 222 S., ca. 30 Fr.

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