«Europa ist ein Desaster»

Der amerikanische Schriftsteller Paul Auster ärgert sich über die Zurückhaltung des Alten Kontinents bei den aktuellen Krisenherden – und bewundert die Offenheit und Toleranz junger Amerikaner.

Las im Theater Rigiblick: Autor Paul Auster. Video: Anja Metzger

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Sie stecken mitten in einem neuen grossen Romanprojekt.
Normalerweise hätte man mich jetzt gar nicht vom Schreibtisch wegbekommen. Ich schreibe über die Lebensgeschichte eines Mannes, von allem Anfang an – das erste Kapitel endet mit seiner Geburt. Es lief gerade sehr gut; in solchen Phasen vergrabe ich mich immer und lebe wie eine Schildkröte. Aber da waren diese alten Versprechen, die ich gegeben hatte: Polen, Zürich, Griechenland.

Die letzten Bücher, «Winterjournal» und «Bericht aus dem Inneren», handeln von Ihren eigenen Anfängen. Auch Ihr Debüt von 1982 war autobiografisch. Fliessen für Sie Fact und Fiction ineinander?
Überhaupt nicht! In Europa betrachtet man ja gern jeden Text als eine Fiktionsmaschine. Ich dagegen unterscheide glasklar zwischen meinen fünf autobiografischen Büchern, die zur Non-Fiction zählen, und meinen Romanen. Das sind erfundene Geschichten, auch wenn sie viel autobiografisches Material aufgreifen. In beiden Fällen gilt allerdings: Ich sehe mich als Vertreter eines Realismus, als Wahrheitssucher. Lügen gilt nicht, egal, ob man Fiction oder Non-Fiction schreibt. Ehrlichkeit ist Pflicht.

Was heisst das?
Dass man den Mut hat, tief genug zu graben. Dass man die Courage hat, den unter der Oberfläche liegenden emotionalen Wahrheiten ins Gesicht zu schauen, wie hässlich oder schmerzlich sie auch sein mögen. Ich bin kein Realist in dem Sinn, wie man sie unter US-Literaten häufiger antrifft: Der soziologische Fokus auf Kleider, Bücher oder Filme einer Zeit interessiert mich weniger. Ich habe eher einen philosophischen Ansatz.

Gerät so die Idee einer Non-Fiction ohne Erfindung nicht ins Wanken?
Ich gebe zu: Eine ganze Menge, vielleicht sogar fast alles aus meiner Kindheit habe ich vergessen, das stimmt. Aber ich habe nichts dazuerfunden, um Lücken zu füllen, sondern beschreibe in meinem «Bericht aus dem Inneren» die Momente, die auf mich als Heranwachsenden einen grossen emotionalen Eindruck gemacht hatten – und die ich eben darum nie vergass. Meine brillante Frau Siri, die viel zum Zusammenhang zwischen Erinnerung und Imagination veröffentlicht hat, meint, dass es eine ungetrübte Ursprungserinnerung sowieso nicht gibt. Sondern dass wir immer die letzte Erinnerung einer Erinnerung abrufen. Die Neurowissenschaft zeigt, dass Erinnerung, Imagination und der Leseprozess im Gehirn am gleichen Ort «wohnen». Objektivität ist ein Phantom.

Sie vertreten einen Skeptizismus à la Montaigne?
Ich liebe Montaigne! Niemand hatte sich selbst bis zu diesem Zeitpunkt so genau seziert und die eigene Subjektivität untersucht. Auch wenn ich über mich selbst schreibe, dann nicht deshalb, weil ich mich so interessant fände, sondern weil dies ein gutes Vehikel ist, darüber nachzudenken, wie wir leben. Wie wir heranreifen, Erinnerungen bilden, zu dem werden, was wir sind. Daher verwende ich ja auch die Du-Form: Das ist wie ein Vermittler, ein Sprungbrett für den Leser.

«Bericht aus dem Inneren» besteht aus vier Teilen. Nur der erste baut konsequent den Erinnerungskosmos bis zum Alter von zwölf Jahren aus.
Ehrlich gesagt: Es ist das bizarrste, das seltsamste Buch, das ich je publiziert habe. Als ich meine Phänomenologie des Atmens, «Winterjournal», beendet hatte, realisierte ich, dass ich zu der körperlichen Entwicklungsgeschichte ein Pendant verfassen wollte, das sich mit der Bewusstwerdung auseinandersetzt. Das ist Teil 1 des «Berichts». Diese rund hundert Seiten sind das Zwillingsbuch zu «Winterjournal».

Hätten die vier Teile vielleicht besser als jeweils separates Bändchen in eine Kassette gepasst?
Sagen Sie das mal meinem Verleger: Viel zu teuer! Zudem: Die Teile sind ja schon verklammert. Da waren diese zwei Filme, die bei mir – dem Zehnjährigen beziehungsweise Vierzehnjährigen – so viel ausgelöst haben. Über die Filme und ihren immensen Einfluss auf mich wollte ich unbedingt schreiben. Und ich war mittendrin in der Arbeit, als meine Ex-Frau Lydia Davis mir meine alten Briefe an sie zuschickte: Da war auf einmal das Tagebuch, das ich nie geführt hatte! Diesen jungen Mann, der schier einen Nervenzusammenbruch hat, in tiefer Depression versinkt und es nicht einmal bemerkt, habe ich kaum wiedererkannt! Hier war ein in einer Zeitkapsel eingefrorenes Ich von mir: Was für ein Geschenk, und was für ein Schock! Doch egal, wie peinlich: Diese Briefe sollten den dritten Teil des Bändchens ausmachen. Wenn damals, im April 1968, nicht der Aufstand gegen den Vietnamkrieg entstanden wäre, hätte ich mich wohl nicht mehr gefangen: Auch den Aufschwung durch die Studentenrevolte – und unsere Rebellion damals an der Columbia-University – zeigen die Briefe.

Heute ist Ihre Tochter etwas älter als Sie damals. Occupy ist tot, und auch sonst scheint jeder Kampfgeist passé.
Occupy oder auch der Arabische Frühling hatten keine Zukunftsvision. Wir lasen seinerzeit wie Verrückte Marx und Marcuse. Seit 1989 alles kollabiert ist, gibt es nur noch Varianten des Kapitalismus zur Auswahl. Damals hatten wir einerseits eine Art religiöse Hoffnung auf einen Systemwechsel, andererseits mussten wir knallharte Entscheidungen treffen, die Konsequenzen hatten – in Sachen Vietnamkrieg. Ökonomische Existenzängste hingegen, wie sie heute das Bewusstsein grundieren, gab es so nicht. Irgendwo fand sich immer ein Job. Die Situation für die Jugend von heute ist komplett anders. Eigentlich wundert es mich, dass sie so optimistisch ist.

Ist sie das?
Schauen Sie meine Tochter und ihre Freunde an: Sie sind so offen und tolerant wie keine Generation vor ihnen. Schwul, jüdisch, schwarz oder Latino – das spielt alles keine Rolle. Die Diskriminierung, die ich als jüdischer Bub erlebt habe, gibt es in diesem Teil der Gesellschaft nicht mehr. Die Jungen verfolgen die Politik, informieren sich und tun im Kleinen ihren Teil. Meine Tochter hat gerade einen Antiwaffensong geschrieben, der Bezug nimmt auf den Amoklauf an der Grundschule in Connecticut. Und auch unsere Generation hat nicht aufgegeben: Der Vorwurf, dass wir es uns im Establishment bequem gemacht haben, ist falsch. Viele haben ihre Ideale bewahrt, kämpfen als Rechtsanwälte oder Sozialarbeiter für die Armen. Als Community Organizer, wie Obama einer war.

Hat Barack Obama Sie enttäuscht?
Eigentlich nicht. Ich habe nicht so viel erwartet wie etwa die Europäer. Obama hatte von Beginn weg nicht die nötige Unterstützung, viele Democrats waren und sind rechts eingestellt. Und er selbst ist nicht links, sondern Zentrist. Ich wusste, wen ich da wählte: keinen Roosevelt, auch keinen Lyndon B. Johnson. Aber immerhin jemanden, der uns mehr Vernunft bringen würde. Dass er trotzdem kaum vernünftig handeln kann – dass er Guantánamo nicht schliessen konnte, dass die Wirtschaftspolitik nicht richtig funktioniert –, liegt am enormen Widerstand gegen ihn. Mein Bild von ihm: ein Mann, der in einer Ecke gefesselt liegt. Seit sechs Jahren tritt und prügelt man auf ihn ein. Dass er nie seine Façon und Würde verloren hat, ist ein Wunder. Und eine Meisterleistung.

Wieso hat man ihm so viele Knüppel zwischen die Beine geworden?
Keiner gibt es zu, aber es ist der Rassismus. Ein Drittel der Bevölkerung findet einen schwarzen Präsidenten untragbar, würde ich behaupten. Und Obama war kein professioneller Politiker, als er ins Amt kam: Die schmutzigen Tricks beherrschte er nicht. Nicht zuletzt: Wo ist Europa in all den Krisen? Immer müssen wir eingreifen und sind dabei auch hilflos. Nur vor dem französischen Einsatz in Mali ziehe ich den Hut. 1992 hatte ich gehofft, dass Europa uns Amerikanern eine vereintere, aufgeklärtere, sozialere Gesellschaft vorleben würde, aber es ging nur ums Geld. Und deshalb schiffen selbst Wirtschaft und Währung jetzt ab. Europa ist ein Desaster; und die Schweiz ist gerade dabei, durch die Bankenschweinereien ihren guten Namen vollends zu verlieren. Merkel, Cameron – haben die nicht verstanden, dass man in einer Wirtschaftskrise Geld ausgeben muss, Infrastruktur aufbauen, Jobs schaffen muss? Sparmassnahmen machen es nur schlimmer.

In «Sunset Park» beschreiben Sie das krisengebeutelte, gespaltene Amerika von 2008. Wie sehen Sie das heute?
Ich hatte mir, als das Buch 2010 erschien, nicht vorstellen können, dass es noch schlimmer kommen kann. Aber es kam schlimmer. Und heute sind wir so gespalten wie nie zuvor.

«‹Ulysses› war zeitweise meine Bibel», sagt Paul Auster und stellt sich neben das Denkmal des irischen Schriftstellers James Joyce auf dem Friedhof Fluntern. Der hochgewachsene Amerikaner mit den Wahnsinnsaugen ist heute älter als mancher Autor je wurde, von dem er auf unserem kurzen Gang schwärmt: Neben Joyce gehört dazu der Georg Büchner von «Woyzeck» und «Lenz». Das literarische Zürich hat Auster überrascht und bezaubert. Der Rest der Limmatmetropole, so weit er sie auf seinem Abstecher kennen gelernt hat, entspricht seinen Erwartungen: «Very Swissy». Berge, See, Sauberkeit – alles da, bis zur hoch avancierten Technologie im Dolder Grand. «Ich konnte weder den Lift bedienen noch die Zimmertür öffnen!»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2014, 08:01 Uhr

Starautor Paul Auster vor einer Goldtapete im Dolder Grand: «Ich sehe mich als Wahrheitssucher.» Foto: Doris Fanconi

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Paul Auster, 1947 in New Jersey geboren, hat 16 Romane und fünf autobiografische Werke veröffentlicht. Der preisgekrönte Schriftsteller lebt heute mit seiner zweiten Frau, Siri Hustvedt, in Brooklyn. Auf Deutsch erschien zuletzt die autobiografische Recherche «Bericht aus dem Inneren», eine Biografie des Bewusstseins in vier Teilen. Der erste, sehr sinnlich verfasste Sprung in die Kindheit schliesst an «Winterjournal» von 2012 an; der letzte ist ein Fotoalbum in Schwarzweiss, ein Museum der Erlebnisstationen des Knaben, der Paul Auster war. Das autobiografische Werk «Winterjournal» hatte Auster selbst als eine Ausweichstrategie bezeichnet, als Versuch auch der Wiederentdeckung der Welt, als es mit einem Roman nicht vorwärtsging. Dieser Roman ruht mittlerweile «in einem Sarg», sagt der Schriftsteller. Befreiend waren das «Journal» und der «Bericht» für den Pionier der Postmoderne trotzdem: Paul Auster arbeitet derzeit am grössten Romanprojekt, das er je in Angriff genommen hat. (ked)

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