Expeditionen ins innere Afrika

Diese Schriftstellerin kann man mieten für private Anlässe – sie ist dann ganz offiziell im Literaturdienst. Ansonsten hat Julia Weber einen beeindruckenden Erzählband abgeschlossen.

Andere machen Fotos, sie verfasst als Erinnerungen «Unikate und Kunstobjekte»: Julia Weber.

Andere machen Fotos, sie verfasst als Erinnerungen «Unikate und Kunstobjekte»: Julia Weber. Bild: Adrian Moser

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Es kam dieser Moment in Zimbabwe, als Julia Weber erkannte, dass sie schreibend den Menschen näher kam als der Mann an ihrer Seite, dem die gelernte Fotofachangestellte assistierte. Sie hatte den Eindruck, dass sich der Fotograf hinter der Kamera versteckte: «Er ging mit seinem riesigen Objektiven oft sehr nah an diese Menschen heran», erinnert sie sich, «dabei klickte seine Kamera aggressiv.» Julia Weber war unterwegs für eine Reportage über Aids, abends notierte sie die Namen der abgelichteten Menschen in einem Buch, parallel dazu schrieb sie für sich über die Menschen, denen sie tagsüber begegnet war.

Afrika: Die 30-jährige Julia Weber wurde in Tansania geboren, wo die Eltern eine Farm gepachtet hatten und Safaris organisierten. Als Zweijährige kehrte sie in die Schweiz zurück, heute lebt sie mit ihrem Partner und dem gemeinsamen Kind in Biel. So kurz der Aufenthalt in Afrika war, die Verbindung zum «dunklen Kontinent» ist geblieben, später verbrachte sie unter anderem ein halbes Jahr in Südafrika. «Ich spüre in mir die Lust, über Afrika zu schreiben, aber ich habe im Moment weder ein Thema noch die Sprache dafür.»

Eine lakonische und präzis-unverbrauchte Sprache hat Julia Weber indes in ihren Expeditionen in das innere Afrika ihrer Protagonisten gefunden, dort wo Kommunikation oft nicht möglich und ein Gefühl der Isolation allgegenwärtig ist. Im Februar 2012 las sie im Kellerlokal Ono, damals noch Studentin am Literaturinstitut Biel, die Geschichte «Dorothee oder die anderen» und liess aufhorchen: Sie warf einen in Haltung und Tonart eigenständigen Blick auf zwei verlorene Seelen. Eine drogensüchtige Prostituierte, selber noch ein halbes Kind, kommt bei einem älteren Freier unter und vegetiert mit ihm in einer armseligen Kammer. Das war keine Sozialarbeiter-Prosa, kein Sich-Suhlen in der Tristesse zweier Randexistenzen, dafür ein eindringlich-minimalistisches Kammerspiel über Einsamkeit und Glücksverlangen. Startrampe für diese Geschichte war eine Szene, erzählt Julia Weber, die sie vor einem Café beobachtete. «Draussen küssten sich eine junge Drogenabhängige und ein älterer Penner.» Julia Weber empfand als Augenzeugin einen diffusen Widerwillen und erschrak über ihre eigene Reaktion.

«Draussen ist Sonntag»

Im Sommer 2012 hat die in Zürich aufgewachsene Weber das Literaturinstitut Biel abgeschlossen. Eine wunderbare Zeit sei es gewesen, «in der man sich gegenseitig mit Euphorie ansteckte und im ständigen Austausch eine eigene Sprache entdeckte». Mittlerweile hat sie einen Erzählband mit dem Titel «Draussen ist Sonntag» abgeschlossen, einen Reigen von Geschichten mit Protagonisten, die regelmässig, teils als Neben-, dann wieder als Hauptfiguren auftauchen. Aus der Ich-Perspektive erzählt, bestechen die Geschichten durch das Unausgesprochene zwischen den Zeilen: Eine ältere Frau lebt mit einem jungen schwarzen Flüchtling zusammen, der von Beamten abgeholt wird; ein junges Mädchen schwärmt für einen unerreichbaren Klassenkameraden und vermisst ihre Mutter, obwohl diese da ist; ein Kind sucht nach dem Tod des Bruders etwas Ordnung ins Gefühlschaos zu bringen, indem es seine Farbstifte auf dem Schreibtisch sortiert. Julia Webers Manuskript liegt jetzt bei einer Literaturagentin, die es Verlagen anbietet. Noch ist nichts entschieden, einzelne Verlage haben jedoch Interesse signalisiert.

Nebenbei hat Julia Weber auch eine Geschäftsidee ausgebrütet, die langsam Früchte trägt. Als Ein-Frau-«Literaturdienst» (www.literaturdienst.ch) lässt sie sich engagieren und schreibt Porträts, Geschichten und Dokumentationen an Privatanlässen. Wie das geht?

Die Chronistin taucht mit ihrer Schreibmaschine auf, setzt sich in eine Ecke und beobachtet. Andere machen Fotos, sie verfasst als Erinnerungen «Unikate und Kunstobjekte». Man kann ihr bei der Arbeit zuschauen, sie ist aber durchaus auch empfänglich für einen Schwatz. Einmal sei sie, sagt Julia Weber, als Geschenk mitgebracht worden an ein Geburtstagsfest. Für das kommende Jahr hat sie bereits einige Aufträge reingeholt, unter anderem wird sie die Pensionierungsfeier eines bekannten Juristen literarisch begleiten. Dann geht es mit der Familie ins Ausland. Nicht Afrika, Berlin soll für eine Luftveränderung sorgen. (Der Bund)

Erstellt: 16.12.2013, 11:14 Uhr

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