«Feminismus ist immer radikal»

Anne-Sophie Keller hat ein Buch über Iris von Roten geschrieben, die Schweizer Vorkämpferin für Frauenrechte. Sie sagt, was auch heute noch im Argen liegt.

Sagt, dass Mut ein Privileg sei: Anne-Sophie Keller. Foto: Andrea Monica Hug

Sagt, dass Mut ein Privileg sei: Anne-Sophie Keller. Foto: Andrea Monica Hug

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Gleiche Rechte, derselbe Lohn, sexuelle Freiheit: Die Forderungen der Frauenrechtlerin Iris von Roten schockierten vor 60 Jahren die Schweiz. Können Sie das als 27-Jährige nachvollziehen?
Für mich ist es kaum vorstellbar, die Zeit damals mutet wie ein Horrorfilm an. Spreche ich mit meiner Mutter oder Grossmutter über damals, wird klar, wie progressiv Iris von Roten mit ihren Vorstellungen und ihrem Lebenswandel war: Sie liess etwa ihr Kind fremdbetreuen und kritisierte Jungfräulichkeitswahn und Doppelmoral.

Wie sehen Sie die Forderungen von Iris von Roten heute?
Vieles in ihrem Buch ist noch immer aktuell. In Bezug auf die Sexualität sind wir Frauen zwar freier. Doch sogenanntes «Slut Shaming», also das öffentliche Anprangern von Frauen als Schlampe, wenn sie ihre Sexualität frei leben, ist in Schulen ein Riesenthema, befeuert durch die sozialen Medien.

1958 gab es keine Antibabypille, kein Frauenstimmrecht, kein Recht auf Abtreibung, keinen Gleichstellungsartikel.
Iris von Roten hat damals die Themen klar benannt. Es wurde seither viel erreicht, und bei etlichen Themen geht es heute um den Feinschliff. Aber schaut man genauer hin, wird klar: Die wahre Gleichstellung haben wir nicht.

Was liegt noch im Argen?
Das vorherrschende Frauenbild in der Gesellschaft und in den Medien ist noch immer rückständig. Die Vorstellung, wie Frauen zu sein und auszusehen haben und wie wir abgestraft werden, wenn wir diesem Bild nicht entsprechen. Etwa dass Frauen als herrisch gelten, wenn sie sich durchsetzungsfähig zeigen. Oder als zickig, wenn sie ihre Meinung sagen. Oder wenn sie als «unfickbar» bezeichnet werden, wenn ihr Auftreten nicht gängigen Schönheitsidealen entspricht. Dann die allgemeine Geringschätzung: Viele Männer denken noch immer, sie könnten eine Frau einfach so begrapschen. Frauen haben zudem noch immer tiefere Löhne und leisten einen Grossteil der Betreuungsarbeit, gratis. Tatsache ist auch, dass wir überall unterrepräsentiert sind, sei es in der Politik, Führungspositionen, auf Festivals oder Podien. Ein Frauenanteil von 20 Prozent wird oft schon als zufriedenstellend angesehen. Ich fordere 50 Prozent.

«Die wahre Gleichstellung haben wir nicht.»

Sind Frauenquoten die Lösung?
Ja, mittlerweile bin ich dieser Meinung. Es geht offenbar nicht anders. Die ­Männernetzwerke funktionieren immer noch viel besser als die der Frauen.

Wollen Frauen denn überall hin?
Tatsache ist, dass sich Frauen noch oft zieren. Als Journalistin erlebe ich regelmässig, wie sich Protagonistinnen zurückhaltend zeigen, wenn ich sie für eine Stellungnahme zu einem Thema anfrage. Sie sind zwar top auf ihrem Gebiet, doch trauen sie sich zu wenig zu.

Ein weibliches Problem?
Ja, natürlich. Aber es ist auch höllisch schwierig. Man sieht oft, was geschieht, wenn Frauen den Mund aufmachen. Es hagelt heftige Kritik, es gibt einen Shitstorm, oft nicht auf der fachlichen, sondern auf der persönlichen Ebene.

Sollten Frauen mutiger sein?
Klar. Doch mutig sein zu können, ist ein Privileg. Ich bin jung, ich habe eine gute Ausbildung, ich lebe in der Schweiz. Ich kann es mir leisten, den Mund aufzumachen. Hätte ich eine Familie, die ich durchfüttern müsste, oder wäre ich 50 Jahre alt, wäre es schwieriger, das Risiko einer möglichen Entlassung einzugehen.

Sie plädieren für einen Feminismus, der sich wieder vermehrt einmischt.
Es geht um zwei Ebenen, die gesellschaftliche und die politische. Der Diskurs, der in der Gesellschaft stattfindet, ist gerade sehr spannend. Es weht ein frischer Wind, junge Frauen engagieren sich für feministische Anliegen. Es hapert aber bei der politischen Umsetzung. Auch weil es zu wenig Frauen in der Politik hat, die sich feministisch äussern und engagieren. Hier gibt es noch viel zu tun.

Was?
Es braucht politische Entscheide, damit sich gesellschaftlich etwas wandeln kann. Der Vaterschaftsurlaub etwa ist extrem wichtig dafür, dass sich Beruf und Familie besser vereinbaren lassen. Viele Paare mit Kinderwunsch wollen die Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung teilen, aber scheitern oft an der Realität.

Halten Sie die Schweiz bei der Gleichstellung für rückständig?
Was den Vaterschaftsurlaub betrifft, ja. In Anbetracht der Möglichkeiten, vom Finanziellen, der Ausbildung und der Aufklärung her, hinken wir Ländern wie Schweden hinterher.

Kritiker fürchten, der Feminismus komme heute zu sexy daher und verrate seine Anliegen. Früher hielt man Feministinnen für verkniffen, fehlt ihnen heute der nötige Ernst?
Man kann nicht alle Formen der feministischen Bewegung in einen Topf werfen. Die Aussage, der Feminismus werde zu sehr kommerzialisiert, halte ich aber für übertrieben. Feminismus will einen gesellschaftlichen Wandel, und ein solcher ist immer radikal. Insofern gibt es keinen Feminismus, der nicht radikal ist. Gesellschaftlicher Wandel braucht Zeit. Aber ich habe Mühe mit der Forderung, dass man erst das «Starterkit» von Germaine Greer und Naomi Wolf gelesen haben muss, um sich als Feministin zu bezeichnen. Soll sich doch eine 14-Jährige im H&M ein T-Shirt mit dem Slogan «Girl bites back» kaufen, um Selbstbewusstsein zu demonstrieren. Ist doch gut.

Glamouröse Feministinnen wie die Popstars Beyoncé und Taylor Swift helfen der Bewegung also?
Wieso nicht? Ein gewisses «Rebranding» kann der Bewegung nicht schaden und macht sie vermutlich breiter, vorausgesetzt, die Inhalte bleiben nicht auf der Strecke. Ich kann aber durchaus die Kritik am «neuen Feminismus» verstehen: Mit Beyoncé können sich wenige Leute identifizieren, und sie sind nicht repräsentativ für die Bewegung. Stars wie sie haben zudem oft wenig an, sagen aber, sie seien selbstbestimmt. Dann fragt man sich schon: Können deren junge Fans unterscheiden, ob ein Star nun selbstbestimmt halbnackt auf der Bühne tanzt? Beziehungsweise tragen diese Stars nicht doch auch so wenig, weil sie in Hotpants einfach besser zu vermarkten sind?

Was fasziniert Sie als junge Frau an Iris von Roten? Sie wäre jetzt 100.
Ihre Konsequenz und ihr Mut. Iris von Roten musste beim Verfassen ihres Buches gewusst haben, wie unbeliebt sie sich damit machen wird. Sie nahm es in Kauf und hatte die Stärke, unbequem zu bleiben.

Letztlich verkraftete sie es aber nicht. Sie hat sich erhängt.
Tragisch. Doch sie starb, wie sie gelebt hatte. Selbstbestimmt, zu ihren Bedingungen. Ihr Mann, Peter von Roten, sagt dazu im zweiten Teil des Buches: «Sie hing dort wie ein Ausrufezeichen nach einem besonders tapferen Satz.»

Anne-Sophie Keller ist freie Journalistin und feministische Aktivistin in Zürich. Zusammen mit Yvonne-Denise Köchli hat sie das Buch «Iris von Roten: Eine Frau kommt zu früh – noch immer?» geschrieben (Xanthippe, ­Zürich 2017, 360 S., ca. 42 Fr.). Buchvernissage am Donnerstag, 19.30 Uhr, im Literaturhaus Zürich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2017, 08:38 Uhr

Iris von Roten

Mit dem Buch «Frauen im Laufgitter» eckte die Basler Anwältin und Journalistin 1958 an. Sie prangerte darin die Diskriminierung der Frauen an, ihren Ausschluss aus der Berufswelt und ihre ökonomische Abhängigkeit als Ehefrauen und Mütter. Iris von Roten forderte gleiche Rechte und kürzere Arbeitszeiten. Die erotischen Freiheiten, die sich Junggesellen und Männer nahmen, sollten auch für Frauen gelten. Später wandte sie sich von feministischen Themen ab. Aufgrund von schweren Gesundheitsproblemen nahm sie sich 73-jährig das Leben. (gb)

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