Fingerübungen zu «Finnegans Wake»

Der neu herausgegebene Band «Finn’s Hotel» vereint alte und neue Texte aus der Werkstatt von James Joyce.

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James Joyce spottete gern, er habe die Literaturwissenschaft auf 300 Jahre ­hinaus beschäftigt. Tatsächlich ist die Joyce-Exegese eine Wissenschaft für sich, an der sich schon viele philolo­gische Erbsenzähler und schwer be­waffnete Dechiffriersyndikate die Zähne aus­gebissen haben. Das gilt vor allem für «Uly­s­ses» (1922) und mehr noch für sein legendäres Spätwerk: «Finnegans Wake» (1938), unter Kennern: FW.

FW ist ein Zettelkasten voller Wortspiele, Kalauer und orthografischer ­Kapriolen, der die Sprachzertrümmerung der Moderne bis an die Grenzen der ­Unlesbarkeit treibt. Es kann also ­niemanden überraschen, dass die elf kurzen «Epiclets» (Eposlein), die Joyce 1923 schrieb und die der Suhrkamp-­Verlag als  «neues, unbekanntes, Staunen er­weckendes Werk» des Meisters an­kündigt, in Fachkreisen Aufsehen erregten. ­Sollten die Prosafragmente, wie Seamus Deane in seiner Einleitung behauptet, tatsächlich ein «bahnbrechendes, eigenständiges Werk für sich» sein?

Zweifel sind angebracht

Zweifel sind angebracht. Zehn der elf Texte wurden bereits 1962 ohne grösseres Aufsehen veröffentlicht; allerdings nicht als geschlossener Erzählkorpus, sondern als Sammlung von ­verstreuten Materialien und Entwürfen für FW. 1992 scheiterte ein erster Pub­likationsversuch am Einspruch der Nachlassverwalter.

Jetzt, nach dem Erlöschen der Urheberrechte, werden die Texte unter dem Titel «Finn’s Hotel» – der Name des Hotels, in dem Joyce’ Frau Nora als Zimmermädchen arbeitete – erstmals als Buch publiziert: neu sortiert, interpretiert und um einige zwischenzeitlich aufgetauchte Blätter erweitert, aber ohne die Illustrationen der irischen Ausgabe bei Ithys Press. «Finn’s Hotel» ist zweifellos ein echter Joyce. Ja, die Eposlein – Fabeln, Glossen, Kurzgeschichten, meist unvollendet, abgebrochen oder verworfen – stehen chronologisch und teilweise auch stofflich und stilistisch zwischen dem mythischen Weltalltag des «Ulysses» und dem mythologischen Delirium von «Finnegans Wake».

Aber sie sind wohl kaum der «missing link», der den frühen mit dem späten Joyce verbindet und sein ganzes Werk in ein neues Licht taucht.

Aberwitziges Ausprobieren

Joyce schöpft aus dem tiefen Brunnen der irischen Sagen und Legenden zwischen Sankt Patricks Landung 432 und dem Bürgerkrieg 1922. Er verdreht munter Jahreszahlen und historische Fakten, Namen und Titel, parodiert die Autoritäten der irischen Geschichtsschreibung und seine Autorschaft als Geschichtenerzähler. Es gibt eine Travestie des ­Tristan-Mythos in der Sprache der Fussballreporter, eine aberwitzige Wasserpredigt von Sankt Kevin, Sankt Patricks Schule des Sehens in Pidgin-Englisch, «majestätische Rülpser» irischer Säufer und ein «patternostriges Vaterunser: «Undweiter Färtnevin/veralibiwerdername/reichkomm/übelleschehe/innevin ferden./Tlichtbrot giheuticht/gibschürz/auwir pelzgeben/unschürzigen/führensnich inzwei Verzuckerrüben/lösigvom Bösen/Männ.»

In einigen Erzählungen probiert Joyce Figuren und Motive aus, die 15 Jahre später in FW eingehen sollten: In «Hier Chauffiert Einjeder» etwa tritt erstmals der Jedermann Humpden Chimpden Earwicker als «Sündländer» und «Lüsteschnüffel» auf. In «Ich poste euch zu» verteidigt Anna Livia Plurabelle ihren Gatten gegen die Verleumdungen abscheulicher Petzer, Para­pluiesen und Schlimmschlingel: Ihr Earwicker sei kein exhibitionistischer Sittenstrolch, sondern ein «wahrer Gentleman» gewesen. Friedhelm Rathjen, der schon Teile des unübersetzbaren «Finnegans Wake» ins Deutsche übertragen hat, leistet auch hier wieder Übermensch­liches: Er kalauert und radebrecht in allen Weltsprachen, spielt übermütig mit Grammatik, Syntax und Sinn.

Rathjens Sprachspiele sind denen von Joyce durchaus kongenial, aber eben auch nur ein chaotisches Gewirr aus ­Genieblitzen, Insider-Scherzen und privatsprachlichem Gemurmel. Vieles erschliesst sich nur den Joyce-Jüngern, die aus jedem Wort ihres Gottes eine Welt von Anspielungen, Symbolen und intertextuellen Bezügen herausdröseln. «Finn’s Hotel» ist nicht mehr und nicht weniger als eine Reihe von Vor- und Fingerübungen zu «Finnegans Wake», ein erster Werkstattbericht – und eine Flaschenpost aus den Anfängen der ­literarischen Postmoderne. Was unter Joyceologen Begeisterung hier und ­müdes Abwinken da hervorrief, lässt normale Leser eher ratlos zurück.

Erstellt: 05.12.2014, 18:48 Uhr

James Joyce: Finn’s Hotel

Aus dem Englischen von Friedhelm Rathjen. Hg. von Danis Rose. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2014, 103 S., ca. 26 Fr.

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