«Unser Denken über Flüchtlinge ist völlig falsch»

Künstlerin Marina Naprushkina organisiert in Berlin Hilfe für Flüchtlinge. Migranten seien eine Bereicherung, würden aber durch den Staat demoralisiert.

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Sie betreiben in Berlin ein Flüchtlingshilfswerk (siehe Box). Wie erleben Sie die Krise?
Wir erleben die Krise schon sehr konkret. Im letzten Monat hat sich das Interesse an unseren Angeboten verdreifacht, da sehr viele Syrer mittlerweile in Berlin angekommen sind. Heute haben wir täglich über 100 Besucher – jeder Stuhl ist besetzt, die Räume sind voll. Leider plagen wir uns mit einer unfähigen Berliner Bürokratie herum, die den neuen logistischen Anforderungen nicht gewachsen ist.

Wie zeigt sich diese Unfähigkeit?
Die Stadt schafft es schlicht nicht, die ankommenden Flüchtlinge zu verteilen. Sie hat keinen Plan, obwohl genügend Geld und Platz vorhanden wären. Jetzt scheint mir ein Chaos unvermeidlich. In München kriegten sie das besser hin.

Sie sind Künstlerin, kümmern sich heute aber fast nur noch um Flüchtlinge. Wie kommt das?
Ich sehe darin keinen Widerspruch. Nach meinem Verständnis müssen Künstler in die Gesellschaft hineinwirken. Wir sehen doch alle, dass unser bisheriger Umgang mit Flüchtlingen nirgends hinführte. Künstler zeichnen sich durch unkonventionelles Denken aus, sie können neue Zugänge aufzeigen und Impulse geben. Unser Projekt verstehe ich als einen solchen Impuls. Ich finde, dass unser Denken über Flüchtlinge ein völlig falsches ist. Wir sehen sie heute vor allem als Empfänger unserer Barmherzigkeit, uns zu tiefstem Dank verpflichtet. Dabei sollten wir Migranten als Anreger betrachten, als Vermittler zwischen Kulturen. Flüchtlinge bringen Unruhe, das ist gut, das müssen wir nutzen. Es ist etwa sehr aufschlussreich, wenn man Deutschland mal mit den Augen eines Einwanderers sieht, der keinen deutschen Pass besitzt. Da merkt man rasch, wo die Defizite liegen in unserem Land.

Vertrauen die Einheimischen andererseits zu sehr auf den Staat?
Mir als Weissrussin ist ein solches Vertrauen fremd. Aber es ist tatsächlich so: Viele Deutsche glauben, der Staat würde den Flüchtlingen schon irgendwie helfen, sie könnten sich da raushalten. Aber das ist falsch. Im deutschen Asylwesen sind viele private Unternehmen tätig, die letztlich nicht das Wohlergehen der Migranten interessiert, sondern der Gewinn. Mit solchen Firmen hatten wir zu unserem Leidwesen sehr häufig zu tun. Ausserdem kann der Staat Flüchtlingen nicht das geben, was sie neben Kost und Logis fast ebenso dringend brauchen: Empathie, menschliche Wärme. Besonders schlimm ist, dass der Staat gerade in den ersten Wochen nach der Ankunft der Migranten notorische, unverzeihliche Fehler macht.

Welche Fehler?
Wenn die Integration im ersten Jahr verhindert wird – etwa indem das Arbeiten verboten wird oder Sprachkurse vorenthalten werden –, dann klappt das später auch nicht mehr. Denn dann haben die Flüchtlinge den Glauben verloren, dass ihnen ein Land gut gesinnt ist. Aus dieser Elendsspirale kommen sie nicht mehr heraus, sie werden apathisch.

Hat Europa seine moralische Integrität in der Flüchtlingskrise verloren?
Meines Erachtens hat es diese gar nie gehabt. Ich war selber Migrantin, bin aus einer Diktatur nach Deutschland geflüchtet. Wenn die EU wollte, wäre Lukaschenko innert Kürze weg. Sie müsste nur etwas wirtschaftlichen Druck aufsetzen. Doch bereits das ist ihr zu viel. Ja, die EU ist doppelzüngig. Und wie sie sich als Institution den Flüchtlingen gegenüber verhält – da muss man sich einfach schämen.

Konservative sagen: «Europa kann nicht die Welt bei sich aufnehmen. Letztlich können sich die Flüchtlinge nur selber helfen, zu Hause.»
Das ist doch viel zu kurz gedacht! In einer globalisierten Welt sind wir alle voneinander abhängig. Europa etwa ist abhängig von Gas, das aus Osteuropa kommt, und abhängig vom Öl, das aus den arabischen Ländern kommt. Natürlich müssen wir stärker vor Ort Probleme angehen und helfen. Aber die Menschen sind nun mal da. Jetzt müssen wir anständig mit ihnen umgehen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.09.2015, 09:43 Uhr

Die Künstlerin Marina Naprushkina (*1981) wurde mit politischen Video-Installationen und Malereien international bekannt. 2013 war sie Gast der Berner Paul-Klee-Akademie. Die Weissrussin lebt heute in Berlin.

Vor zwei Jahren gründete sie die auf Freiwilligenarbeit basierende Hilfsorganisation «Neue Nachbarschaft Moabit». Das private Hilfswerk bietet Flüchtlingen Deutschkurse an, betreut deren Kinder und organisiert Sportveranstaltungen.

Naprushkina dokumentierte ihre Erfahrungen als Leiterin der Organisation im jüngst erschienen Buch «Neue Heimat?».

Marina Naprushkina: «Neue Heimat? Wie Flüchtlingeuns zu besseren Nachbarn machen.» Europa-Verlag Berlin, 240 Seiten, 21.90 Franken.

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