«Frankreich war der Hort der Kultur! Und nun?»

Pascale Kramer lässt Flüchtlinge bei sich wohnen, und sie erzählt im Gespräch wie im preisgekrönten Roman «Autopsie des Vaters» von den Gräben, die sich durch die Gesellschaft ziehen.

«Erst mit 40 erkannte ich, was ich vom Leben will»: Die gebürtige Westschweizerin Pascale Kramer. Foto: Doris Fanconi

«Erst mit 40 erkannte ich, was ich vom Leben will»: Die gebürtige Westschweizerin Pascale Kramer. Foto: Doris Fanconi

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Ein schwarzer Flüchtling wird von zwei jungen Rechtsradikalen brutal ertränkt – und ein linker Journalist tritt für die Mörder ein: Spiegelt dieses Szenario aus Ihrem neuen Roman «Autopsie des Vaters» Frankreichs Zerrissenheiten wider?
Nicht wenige Franzosen fühlen sich abgehängt. Etwa im Norden, wo ich mit meinem Partner lebte, bis er starb. Die Perspektivlosigkeit auf dem Land, gerade für die Jungen, ist unvorstellbar. Aber nicht bloss Arme und Arbeitslose verzweifeln, auch mancher Intellektuelle wacht eines Morgens auf und denkt: Das ist ja gar nicht mehr meine Welt! In Frankreich hört man oft: Wir waren doch einst der Hort der Kultur, des Raffinements – und jetzt? Das Verlustgefühl trügt nicht ganz: In der Westschweiz verfolgten wir früher mit tiefer Ehrfurcht französische Politsendungen wie «L’Heure de vérité»: Wie eloquent die waren! Wie kulturell bewandert! Schaut man heute französisches Fernsehen, ist man betrübt. Es ist wie ein Identitätsverlust. Und die Menschen suchen Gründe dafür. Sie beschuldigen den Multikulturalismus, die US-Hegemonie – einfach alles Fremde. 2012 habe ich direkt miterlebt, wie schlimm das gehen kann.

Was geschah?
Damals veröffentlichte Richard Millet, den ich als einen extrem charmanten, kultivierten Menschen schätzen gelernt hatte, plötzlich dieses Buch mit dem Essay «Éloge littéraire d’Anders Breivik». Dort verurteilte er zwar Breiviks Massaker, deutete es aber auch als Symptom des Versagens westlicher Kultur. Man sei blind für die Verwüstungen durch Multikulturalismus und Islamismus, für den Verlust der christlichen Wurzeln. Millet spricht Breivik eine literarische Dimension zu. Der Text löste eine öffentliche Treibjagd aus. Man bat mich, einen offenen Brief gegen Millet zu unterschreiben. Das tat ich – und fühlte mich recht blöd. Das war eine billige Stellungnahme gegen jemanden, der sowieso schon am Boden lag. Ich hätte erst mal herausfinden sollen, wieso ein so offener Mensch sich derart verrannt und verschlossen hatte. So schrieb ich den Roman.

Eine schlüssige Erklärung für solche Kehren gibt auch der Roman nicht.
Zugegeben. Ich habe Intuitionen, biete keine Analysen oder Kommentare. Als Autorin schaue ich eher auf die Details eines Lebens und Orts. Raymond Carver sagte einmal, einen Bierdeckel auf einem Plastiktischtuch zu beschreiben, kann die ganze Welt erfassen. Das triffts. Ich blicke auf die Ränder unserer Gesellschaft – und das mit Zärtlichkeit. Die spürt man in meinen Texten, hoffe ich. Ich kenne die verregneten, verratzten Dörfer Frankreichs, wo es keine Arbeit gibt, aber viel Alkoholismus. Ich kenne Obdachlosenheime, helfe in Flüchtlingszentren. Die jungen Männer im Roman, die das Haus der Künstlernachbarn anzünden, sind nicht böse, sondern frustriert. Sie hatten kaum je eine Chance. Solche Jungs sind oft völlig unbedarft, schlecht gebildet, und der Frust kann in Rassismus umschlagen. Und, so leid es mir tut für alle rechten Nostalgiker: Die goldenen Zeiten, von denen sie träumen, gabs so nie. Vieles ist heute besser, freier als früher! Zudem: Das alte, homogenere Frankreich kehrt nie wieder.

Die Franzosen wählten 2017 nicht Le Pen, sondern Macron. Er hat nun die Reichen steuerlich entlastet und den Schutz für Arbeitnehmer reduziert. Wie ist die Stimmung?
Ich hatte geglaubt, Macron würde die Wirtschaft fördern, ohne die Sozialsysteme anzugreifen. Im Wahlkampf beeindruckte er mit seinem Bekenntnis zum Gespräch und zu unbequemen Wahrheiten wie jener, dass Frankreich im Algerienkrieg schwere Schuld auf sich lud. Aber inzwischen zweifle ich, ob er realisiert, welche Gräben sich durch die Gesellschaft ziehen. Macron kommt zwar aus dem Norden, hatte aber einen guten Hintergrund, eine gebildete Grossmutter, die ihn positiv prägte. Ist Macron klar, dass nicht alle Menschen gleich fähig sind, im Leben Erfolg zu haben? Mir scheint, er hält Arbeitslose prinzipiell für arbeitsscheu: Das ist ein weit verbreitetes Vorurteil. Der Sozialbetrug zählt zu den grossen Fantasmen.

Sozialbetrug ist kein Problem?
Kein bisschen! Ich arbeite als Redaktorin für die Caritas. Ihr Armutsreport belegt, dass viele Flüchtlinge und Arbeitslose die ihnen zustehenden Gelder gar nicht beziehen. Menschen wollen keine Parasiten sein. Die meisten Flüchtlinge nehmen unglaubliche Härten auf sich, um es hierher zu schaffen. Die sind leistungsstark – und gut fürs Land. In Wahrheit ist es in Frankreich so: Verrechnet man den offiziell geschätzten Sozialbetrug mit den zustehenden, aber nicht bezogenen Unterstützungsgeldern, macht der Staat sogar ein Plus. Bloss weiss das fast keiner. Überhaupt hapert es daran, dass die Menschen zu wenig voneinander wissen, es zu viele Ghettos gibt. Vermischung tut not. Einen Teil der Bevölkerung in der Scheisse zu lassen, funktioniert nie.

Was halten Sie von der Politik der Integration? Brennt die Banlieue?
Man hat da viel verpasst. Die islamische Revolte heute ist eher politische Rache als religiöse Wende. Das Vertrauen in die integrative Kraft der öffentlichen Schule ist verflogen. Man will bei den neuen Einwanderern nicht die gleichen Fehler machen, und langsam wächst das Know-how – etwa, wie man arabischstämmige Kinder abholt: Früher waren die Lehrer oft überfordert, wie Alice Zeniter im tollen Roman «L’Art de perdre» erzählt. Jetzt helfen NGOs und öffentliche Institutionen bei der Integration. Auf der anderen Seite werden Ängste geschürt. Bilder von vollen Booten, von jungen, dunkelhäutigen Männern am Gare de l’Est erschrecken. Und der Staat will das Volk mittels einer abweisenden Rhetorik besänftigen. Heikel. Wenn Vereine wie Habitat & Humanisme ihre Sozialbauten in gute Gegenden stellen, gibt es jedes Mal Proteste – bis man sich kennen gelernt hat. Die Angst schwindet mit Aktionen.

Haben Sie keine Angst?
Doch, und ob! Als die grosse Flüchtlingswelle kam, gab mir Angela Merkel mit ihrem «Wir schaffen das» den Anstoss: Ich wollte in meiner Pariser Wohnung eine Flüchtlingsfrau aufnehmen. Als man mir dann einen 21-jährigen praktizierenden Muslim aus Afghanistan schickte, hatte ich schon, nun ja, Angst. Aber er war nicht bloss kein Problem, sondern – Glück! Schlicht genial. Acht Monate war er hier, und seit Januar lebt ein junger muslimischer Sudanese bei mir. Sie sind wie die Söhne, die ich nie hatte, behandeln mich voller Respekt. So viel Fröhlichkeit ist in mein Leben gekommen. (Lacht) Um Ängste zu zähmen, muss man echte Begegnungen haben. Früher hätte ich das nicht gekonnt. Zum Beispiel arbeitete ich nach meinem Studienabbruch eine Weile bei Werbefirmen in Zürich und wohnte am See. Aber ich war so verkorkst, dass ich keinen Badeanzug anzog. Ich verpasste die Stadt.

Sie waren kein einziges Mal im See?
Nie. Und schon meine Kindheit habe ich gehasst: das Ausgeliefertsein, die dauernde Scham. Wie wunderbar behütet ich aufwuchs, begriff ich erst im Norden Frankreichs richtig. Ich war dyslexisch und die Schule eine Katastrophe. Meine Matura schaffte ich dank viel Fleiss und Unterstützung durch meine Familie. Bei meinem ersten Job als freie Journalistin war ich eine krasse Niete. Mit 20 Jahren dachte ich, mit 30 wirds gut. Mit 30 merkte ich: Das dauert noch. Erst mit 40 wurde es besser, als ich begann, ernsthaft zu schreiben, und erkannte, was ich vom Leben will. Und als die Freunde reihenweise ihre Midlife-Crisis bekamen, startete ich gerade durch. Es ist, als sei das Wort Resilienz für mich gemacht.

«Als die grosse Flüchtlingswelle kam, gab mir Angela Merkel mit ihrem ‹Wir schaffen das› den Anstoss.»

Was man von Ihrer Heldin Ania im Buch nicht behaupten kann.
Sie ist ein unsicheres Geschöpf, hatte eine schlimme Schulzeit, ist eben jemand, der sich keinen Erfolg erstrampeln kann. Sie fokussiert auf ihr taubes Söhnchen, schränkt es zugleich ein und belastet es. Sie verweigert ihm den Kontakt zum dominanten Opa und jongliert mühsam den Austausch mit dem Vater, einem serbischen Filou. Die Isolation von Alleinerziehenden im Moloch der Stadt ist schrecklich: eine totale Einsamkeit, verbunden mit einer enormen Verantwortung, die man nie abgeben kann. In der Banlieue, wo Ania lebt, ist alles noch desolater. Ich selbst wollte wegen meiner Heidenangst vor der Verantwortung nie Kinder, hatte öfters Albträume, ich wäre kurz vor der Geburt und voller Panik ums Kind. In meinen Büchern erhalten Kinder immer viel Raum. Es sind zentrale, geheimnisvolle Akteure in unseren Leben, aber ihr Kummer wird oft nicht ernst genommen; es sind verwundete, wortkarge Gestalten, Chiffren auch unserer eigenen versunkenen Vergangenheit. Ich versuche, aufmerksam zu sein, das Ungesagte aufzugreifen.

In der stillen Wohnung Anias blinkt das Telefon, der Sechsjährige liest seiner verstörten Mutter von den Lippen, begleitet sie an die wilde Beerdigung des durch eigene Hand gestorbenen Opas. Das sind harte Bilder. Woher kommen sie?
Ich kenne zahlreiche Menschen in prekärer Lage, organisiere das Dokfilmfestival Enfances dans le Monde und habe einen reichen Erinnerungsschatz. Die Messie-Frau mit dem Vögel-Chaos im Roman etwa ist ein Mix: Da flossen eine Randständige aus Arles und eine Krämerin meiner Kindheit ineinander. Meine jüngeren Bücher sind politischer, lebenssatter, «amerikanischer» und, finde ich, besser als die früheren. Obwohl man mich bis heute auf «Les vivants» (2000) anspricht. Der nächste Roman dreht sich um eine erzkatholische französische Familie und ihre Spannungen; ich selbst wurde ja katholisch getauft, in Lausanne protestantisch geprägt und legte jeden Gottesglauben als Teenager ab. Heute glaube ich an den Humanismus, die Öffnung aller Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen.

Auch für die Schweiz?
Absolut. Ich bin fest überzeugt, viele Probleme würden gar nicht existieren, wenn die Menschen sich frei bewegen könnten. Die Wanderbewegungen gibt es sowieso, doch die Kriminalität dazu wäre weg. Und am Grundeinkommen führt langfristig kein Weg vorbei. Die «Erfolglosen» zu Bettelgängen zu zwingen, zerstört ihr Selbstvertrauen – und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2017, 10:01 Uhr

Pascale Kramer

Grand-Prix-Gewinnerin

Der Roman «Autopsie des Vaters», 2017 mit dem Schweizer Grand Prix Literatur ausgezeichnet, begleitet eine alleinerziehende, in der Pariser Banlieue lebende Mutter eines tauben Buben. Erst, als sie ihren Vater besucht, dann, als sie ihn unter Tumulten beerdigt. Der früher linksintellektuelle Journalist verteidigte plötzlich rechte Gewalt; später brachte er sich um. Pascale Kramer (55), die im angesagten Pariser Viertel Le Marais wohnt, schildert eine schwierige Vater-Tochter-Beziehung und zeichnet diskret, mit Blick fürs Detail und Ohr fürs Ungesagte, die Verwerfungen in der französischen Gesellschaft nach: die Angst vor Überfremdung, die prekären Verhältnisse vieler junger Menschen. Und wenn man mit der gebürtigen Westschweizerin darüber spricht, kann man ihn schier mit Händen greifen, ihren Sinn für menschliche Verletzlichkeiten. Ihre Güte. Ihre «tendresse», wie sie sagt. (ked)

Autopsie des Vaters. Roman. Aus dem Französischen von Andrea Spingler. Rotpunktverlag, Zürich. 172 S., ca. 26 Fr.

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