Franziskus, der verhinderte Reformer

In seiner brillanten Analyse zeigt der Soziologe Marco Marzano, dass das reformerische Wirken des Papstes gegen null geht.

Papst Franziskus im Januar 2015 bei seinen Vorbereitungen für das Angelusgebet im Vatikan. Foto: AP

Papst Franziskus im Januar 2015 bei seinen Vorbereitungen für das Angelusgebet im Vatikan. Foto: AP

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Wieder einmal sind alle Augen auf den «Revolutionär» im Vatikan gerichtet: Der progressive Flügel hofft, dass Franziskus im Nachgang zur Amazonas-Synode den Zölibat lockern, ja gar abschaffen wird. Doch mehr als die Weihe von Viri probati, bewährter verheirateter Diakone in Ausnahmefällen, darf man aber nicht erwarten.

Marco Marzano, Soziologieprofessor in Bergamo, zeigt, dass schon das päpstliche Schreiben «Amoris laetitia» nach den Familiensynoden in Sachen Kommunion für Wiederverheiratete einen «Minimalkompromiss», obendrein einen mehrdeutigen, vorschlug. Die Stellung der Frau scheine den Papst kaum zu interessieren, jedenfalls habe er das Nein zur Frauenordination bekräftigt. Und was die zu Beginn des Pontifikats vollmundig angekündigte Kurienreform betreffe, habe er bisher nur «kleinste organisatorische Massnahmen» vorgenommen zwecks «Instandhaltung und Feinjustierung der gut geölten Apparatur des Vatikans».

Hervorragendes Alibi

Für Marzano ist klar: Jorge Mario Bergoglio hat «die Träume der Reformer nicht im Mindesten» erfüllt. Sein kirchenreformerisches Wirken gehe gegen null. Es bleibt bei einer nur «angekündigten Reform». Der argentinische Papst ist weder Revolutionär noch Reformer, sondern konservativer Künder der Barmherzigkeit, der in der Theologie eine «lästige Plage» sieht. Der namhafte Kirchensoziologe gelangt zu plausibleren Thesen als die meisten Vatikanisten. In seiner brillanten Analyse «Die unbewegliche Kirche» räumt er mit dem «Mythos Franziskus» auf, hinterfragt den Persönlichkeitskult um ihn und dekonstruiert die Projektionen auf ihn. Er bekennt, dass ihn «Franziskus nie sonderlich betört hat».

Treffend analysiert Marzano, wie beide Seiten, Anhänger und Gegner, sich gegenseitig hochschaukeln und mit der Stilisierung von Franziskus zum Revolutionär Synergien erzielen. Hauptargument der Papstbewunderer ist ja, er hätte die Revolution längst vollendet, wenn nicht die «Wölfe», wie es Vatikanist Marco Politi ausdrückt, ihn daran hinderten. «Die römische Legende vom Widerstand gegen Bergoglio ist zugleich ein hervorragendes Alibi für den nicht herbeigeführten Wandel, den man der mächtigen und böswilligen Clique der Reformgegner in die Schuhe schieben kann.» Dabei sind die «Wölfe», die lautstark gegen den «häretischen Revolutionär» hetzen, bloss eine Handvoll emeritierter Kardinäle plus Sympathisanten – in ihrem Widerstand «eklatant unwirksam und folgenlos».

Die Trägheit des Apparats

Wichtige Reformen werden laut Marzano gleich nach Amtsantritt aufgegleist: Johannes XXIII., ein wirklicher Reformer auf dem Papstthron, verkündete nur drei Monate nach seiner Wahl die Einberufung eines Konzils. Die Unbeweglichkeit der Kirche sieht der Autor freilich auch strukturell begründet – in der Trägheit des Apparats, der den «Idealtypus der Bürokratie» verkörpert.

Ein weiteres für die Reformer schmerzliches Argument: In der säkularen Gesellschaft überleben jene Kirchen besser, die sich nicht reformieren, sondern «ihren unüberbrückbaren Unterschied zur modernen Welt betonen». Die römische Kirche etwa mit dem Pflichtzölibat, jenem «ehernen Pakt, den sie mit ihren Amtsträgern, ihren Elitetruppen schliesst». Diese werden so zu sakralen Objekten und sakralisieren umgekehrt die Organisation «zum bevorzugten Werkzeug der göttlichen Pläne».

Die Abschaffung des Pflichtzölibats würde laut Marzano auch das Phänomen eines grossenteils homosexuellen Klerus «in seiner ganzen gigantischen Tragweite sichtbar machen».

Dass man Franziskus nicht stärker auf die angekündigten Reformen behaftet, hat nach Marco Marzano mit der vom Papst – bewusst oder unbewusst – gepflegten Entkoppelungs- und Ablenkungsstrategie zu tun. Dieses «heimliche Hauptmerkmal seines Pontifikats» besteht in einer nach allen Seiten hin praktizierten «Politik der Freundschaft» (Jacques Derrida), mit der er gegenüber Pfingstlern, Lutheranern, Orthodoxen oder Lefebvristen den grösstmöglichen Konsens betont.

Politik der Freundschaft

Diese Politik der Freundschaft sei ein hervorragendes Mittel, die eigene Popularität zu steigern, die Sexualmoral für neben­sächlich zu erklären und vom Reformstau abzulenken. Die Freundschaft mit den Armen mache Franziskus zum «neuen Pin-up des Antikapitalismus», zur ikonischen Figur, die ihren bescheidenen Lebensstil in den Dienst eines Imagewandels der Kirche stelle. Das alles stifte Konsens und koste wenig.

Was Marco Marzano überzeugend an der Freundschaft mit den Befreiungstheologen darlegt. Nach dem Fall der Mauer ist diese politisch unverdächtig. Ohnehin habe Bergoglio als konservativer Peronist und loyal zur Junta stehender Jesuitenoberer in Argentinien die politisch harmlose Gegenspielerin der Befreiungstheologie favorisiert, die «Teologia del pueblo», die Volkstheologie.

Diese befasst sich anders als die Befreiungstheologie nicht klassenkämpferisch mit den politischen Ursachen der Armut. Vielmehr bestärkt sie die Frömmigkeit der Armen, die, kaum gebildet, ein irrationales, von Prozessionen und Heiligenverehrung getragenes Christentum leben und so der Säkularisierung trotzen.

Erstellt: 22.11.2019, 15:38 Uhr

Marco Marzano

Die unbewegliche Kirche. Franziskus und die verhinderte Revolution.

Aus dem Italienischen von Gabriele Stein. Herder-Verlag, Freiburg 2019. 240 S., ca. 35 Fr.

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