Frau Tschechow

«Zu viel Glück» heissen Alice Munros meisterhafte Erzählungen. Sie sorgen weit über die Lektüre hinaus für Bewegung und Unruhe – und glückliche Leser.

Ihre Erzählungen sind meisterhaft konstruiert: Alice Munro schielt über den Rand eines ihrer Bücher.

Ihre Erzählungen sind meisterhaft konstruiert: Alice Munro schielt über den Rand eines ihrer Bücher. Bild: Keystone

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Die Kanadierin Alice Munro ist wohl die einzige Autorin, die allein mit Erzählungen zu Weltruhm gelangt ist (ein Roman wirkt neben 13 Erzählbänden wie ein Versehen). «Unser Tschechow» nennen sie ihre Landsleute. Wenn sie ihre Vorliebe für die kurze Form begründen soll, verweist Munro auf ihre Lebensumstände: Als sie zu schreiben begann, war sie Hausfrau und Mutter. Ihre Schreibzeit rang sie den kostbaren Stunden ab, in denen die Töchter Mittagsschlaf hielten. Der lange epische Atem konnte sich da wohl kaum einstellen.

Oder ist er doch da, bloss konzentriert auf beschränktem Raum? Den meisten Erzählungen Alice Munros fehlt tatsächlich zum Roman nichts als die Seitenzahl und das üppige Personal. An Tiefe nehmen sie es mit der Königsklasse mühelos auf. Eigenartig sind sie, legen es weder auf äusserste Verdichtung an noch jedes Wort auf die Goldwaage, sondern scheinen oft ganz entspannt vor sich hinzuplaudern. Sie gleichen keinem Pfeil, der sirrend auf sein Ziel losschiesst, auf den Knalleffekt am Schluss, sondern eher einer Wohnung mit vielen Zimmern, konstruiert von einem leicht verrückten Architekten, dem es gefällt, wenn Besucher etwas herumirren.

Wohl fühlt man sich in diesen Räumen, weil man selbst entscheiden kann, wo man sich länger aufhalten und in welche man nur einen kurzen Blick werfen möchte. Angenehm auch, um den Vergleich abzuschliessen, dass man die Bilder selbst aufhängen darf: Sinn und Bedeutung geben den immer offenen Erzählungen die Besucher, die Leser.

Alice Munro wird in wenigen Wochen 80 Jahre alt. Aus diesem Alter machen die zehn Erzählungen unter dem Titel «Zu viel Glück» keinen Hehl; viele Protagonisten (fast immer Frauen) blicken zurück auf eine Kindheit, die – gefühlt oder real – Jahrzehnte zurückliegt, und in eine Zeit, in der vieles anders war. In der Handwerk goldenen Boden hatte und die Frau dem Manne untertan war. Weil das die Gesellschaft so vorsah und weil sie selbst sich nichts anderes vorstellen konnte.

Eine ganz andere Wahrheit

«Wenn Doree nur unbeirrt zu Lloyd stand, dann würde alles gut sein», hämmert sich etwa die Heldin der ersten Geschichte ein. Dieser Lloyd ist ein paranoider Tyrann, dem selbst ein unterwürfiges Geschöpf wie Doree einmal, ein einziges Mal, davonläuft – zu einer Nachbarin. Als sie zurückkehrt, hat der Mann die drei gemeinsamen Kinder umgebracht. Die Geschichte – diese ist eine Horrorwohnung, in der sich der Leser nur mit Vorsicht vorantastet – geht aber noch weiter. Doree besucht ihren Mann im Gefängnis und lässt sich dort erneut in ein wahnhaftes Universum hineinziehen. Als er ihr erzählt, er habe die Kinder «in einer anderen Dimension» lebendig gesehen, ist sie ihm sogar dankbar: Er als Einziger hat ihr eine Art Trost geben können.

Andere Frauen lösen sich aus Abhängigkeiten, schwimmen sich frei, oder sie werden verlassen: Der grosse, fast historische Abstand der Erzählposition erlaubt es, Lebensläufe als Abfolge von Brüchen zu sehen und deren Dramatik zugleich zu relativieren. Joyce etwa verliert ihren Mann Jon, einen Schreiner, an dessen weiblichen Lehrling, die trampelige, unattraktive Edie. Was sich anbahnt, merkt Joyce – mit der Beobachtungsschärfe Alice Munros – lange vor ihrem Mann. Weil dieser plötzlich ein anderes Vokabular im Zusammenhang mit seinem Lehrling benutzt, Wörter wie «bedroht» und «verletzlich», und sie begreift: «Er war dabei, sich zu verlieben.»

All dies spielt sich gewissermassen im ersten, eher engen Erzählzimmer ab. Dann führt uns die Autorin in einen anderen, grösseren und lichterfüllten Raum: Darin findet gerade eine Geburtstagsfeier für Joyces dritten Mann statt, eine komplizierte Patchwork-Gesellschaft hat sich versammelt, und als Gefährtin eines Stiefenkels erkennt Joyce Christine, die Tochter jener ehesprengenden Edie. Christine ist Schriftstellerin geworden, Joyce holt sich ihren gerade erschienenen Erzählband und findet dort ihre eigene Geschichte wieder, nur in völlig anderer Beleuchtung. Also eine ganz andere Wahrheit.

Dass diese immer von dem abhängt, der sie erzählt; dass es neben der Welt der Erzählerfigur eine Fülle von Parallel-Universen gibt: Das versteht sich für Alice Munro von selbst. Allgemeine Erkenntnisse geben die Geschichten nicht her, Morallehren schon gar nicht; alles ergibt sich aus den Lebensläufen der Personen und gilt nur für sie.

Was ist nun Glück?

Die junge Heldin in «Der Grat von Wenlock» lässt sich dazu verleiten, einem alten Mann (eigentlich der «Wohltäter» ihrer Freundin, auch so einer fremdbestimmten Durchs-Leben-Torklerin) vorzulesen – nackt und «ohne die Beine übereinanderzuschlagen». Sie kommt sich dabei souverän und cool vor, geradezu philosophisch mit der Vorstellung, «dass jeder auf der Welt in gewisser Weise nackt war». Erst später wird ihr schmerzhaft bewusst, dass sie doch Schande über das Vorgefallene empfindet – weil sie eingewilligt hat.

Bis an ihr Lebensende verfolgt eine andere Figur (in «Kinderspiel») die Erinnerung an ein Verbrechen, das sie zusammen mit der Icherzählerin als Kind begangen hat. Beide haben ein behindertes Mädchen, das sie halb im Spiel, halb in echter Angst dämonisiert hatten, während eines Ferienlagers in einem See ertränkt. Die Freundin, krebskrank, will sich durch eine späte Beichte von der Last befreien. Die Icherzählerin hat die Untat sublimiert und objektiviert: Sie ist Anthropologin geworden und untersucht die Grundlagen magischen Denkens und ambivalenter Gefühle gegenüber «Sonderlingen».

Es sind meisterhaft komponierte Geschichten, in denen sich die Mittel der Perspektive, der Chronologie (oder vielmehr der Abweichung von ihr), des sprechenden Details und der treffenden Formulierung zu einer Wirkung zusammentun, die weit über die Lektüre hinaus für Nachdenken und Unruhe sorgt. Und was hat es mit dem Glück im Titel auf sich? Für die meisten Figuren Munros ist Glück keine Kategorie; sie haben genug damit zu tun, ihr Leben auf irgendeinem Kurs zu halten. Überhaupt scheint das Glück eher spärlich über die Welt verteilt worden zu sein und dazu noch, wie die verlassene Joyce bitter meint, in einer Art bösen Balance: Für das Glück des einen muss ein anderer bezahlen.

Und eine wahre Geschichte

Der Titel gehört der Heldin der letzten Geschichte, die in vieler Hinsicht aus dem Rahmen fällt: Sie spielt im 19. Jahrhundert, nicht in einer langweiligen kanadischen Kleinstadt, sondern in Europa, und ihre Heldin hat es wirklich gegeben. Alice Munro erzählt die letzten Tage im Leben von Sofia Kowalewskaja, einer genialen Mathematikerin, die ein freies, schweres, kurzes Leben führte, in Stockholm einen Lehrstuhl erhielt und dort 1891 an einer Lungenentzündung starb. «Zu viel Glück» sollen ihre letzten Worte gewesen sein. Sie bleiben beim Leser hängen – was sie bedeuten, weiss die Heldin allein. Und ihre Autorin.

Alice Munros Geschichten scheinen oft ganz entspannt vor sich hin zu plaudern. Foto: Dane Bondareff (Polaris, Dukas) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2011, 07:56 Uhr

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Buch

Alice Munro: Zu viel Glück. Zehn Erzählungen. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer, Frankfurt 2011, 360 Seiten.

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