Meiringen

«Frauen töten anders als Männer»

Kriminalroman aus erster Hand: Michael Soyka, Psychiater und Gerichtsgutachter, weiss, wovon er schreibt.

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Da ist mal wieder ein Krimi, der nicht gleich nach den ersten zehn Seiten offenbart, wie er enden wird. Da sind weder Absehbarkeit noch Durchschaubarkeit. Höchstens ab und an ein bisschen Berechnung. Oder ist es Intuition? Gerade so viel, wie sie auch das Leben kennt: Die vermeintliche Chance, es zu überlisten – was dann doch niemals gelingt.

Michael Soyka legt seinen zweiten Kriminalroman mit dem Titel «Kinsky kehrt zurück» vor. Eine hochspannende, mehr Suspense- als Who-done-it-Geschichte, die sowohl am Starnberger See als auch im Berner Oberland spielt – unter anderem an den Giessbachfällen, wo schon Sherlock Holmes den Tod fand, am Hasliberg oder in Interlaken.

Gespenster der Vergangenheit

Dem in Ringgenberg lebenden und als ärztlicher Direktor in der Privatklinik Meiringen arbeitenden Michael Soyka gelingt es, seinen Protagonisten so komplexe, vielschichtige Charakterzüge zu geben, wie das Leben selbst. Und weil er eben ein erfahrener Psychiater und Gerichtsgutachter ist, der in so manchen menschlichen Abgrund geblickt hat, scheint es, als schreibe er «einfach vom Leben» ab. Weil das Leben aber alles andere als trivial ist und Soyka über Schreibtalent mit treffenden Metaphern – «verfestigte sich die innere Leere zu Zement, der bleischwer in Magen und Herz lag» oder «Sie spürte sofort die bedrückte Atmosphäre, die wie Fäulnisgeruch im Wohnzimmer hing» – und einen grosszügigen Wortschatz verfügt, heben sich seine gut recherchierten Krimis vom Mainstream ab. Sie sind intelligent, ohne sich in Jargonsprache zu verlieren.

Der dreifache Familienvater und Professor für Psychiatrie beschreibt manch brutale Passage beängstigend leidenschaftlich, um kurz darauf – je nach Gefühlsstimmung des Täters – wieder beinahe zärtlich einfühlsam weiterzuschreiben. Ist dies ein Verarbeitungsprozess? «Nach 25-jähriger Klinikerfahrung in Deutschland und der Schweiz, inklusive des Ausstellens von Gutachten für Mörder, ist es gar nicht möglich, nicht zu verarbeiten», sagt Soyka, der bereits etliche Fachbücher und wissenschaftliche Artikel, speziell zum Thema «Sucht und forensische Psychiatrie», veröffentlicht hat. Darunter auch das Fachbuch «Wenn Frauen töten». Frauen töteten aus anderen Motiven als Männer, sagt Soyka. «Während Männer oft aus Aggressivität, Impulsivität, Macht oder gutem oder schlechtem Selbstvertrauen töten, passiert es bei Frauen oft aus Verletzungen oder langen Leiden heraus.» Der in Berlin geborene Wissenschaftspreisträger war ausserdem lange Kolumnist für die «Münchner Abendzeitung», bevor er ins Berner Oberland zog.

Kinsky ist zurück!

In seiner Geschichte beschreibt Soyka, wie der Ex-Terrorist Alexander Kind, genannt Kinsky – «im Gegensatz zum Schauspieler aber mit y geschrieben» – nach 20 Jahren aus dem Untergrund auftaucht und, aufgrund eines neuen Amnestiegesetzes, das alte Leben hinter sich lassen will. Er wird jedoch von den Gespenstern der Vergangenheit eingeholt: Zeitgleich mit seinem Erscheinen taucht eine Leiche auf, die vorerst niemand kennt

In seinem Buch wechselt der Autor oft die Zeitebenen, die Orte, den Blickwinkel, je nach Protagonist. Er zeichnet das Psychoprofil Kinskys, «des sensiblen Schweins, das sensibel genug ist, die Verletzlichkeit des anderen zu spüren und Schwein genug, diese auszunutzen», mittels seines anderen Protagonisten Blankenburg.

Ist der Krimipsychiater das Alter Ego Soykas? «Wer weiss?», schmunzelt der Autor. Wann schreibt er neben seinem zeitaufwendigen Beruf eigentlich? «Meistens abends zwischen 22 und 23 Uhr. Das braucht schon Disziplin, macht aber schliesslich auch Spass.»

Erstellt: 29.02.2012, 11:22 Uhr

Verliert sich nicht in Jargonsprache: Krimiautor und Psychiater Michael Soyka.

«Kinsky kehrt zurück»

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Buch

Michael Soykas Krimis «Schwarze Ufer» und «Kinsky kehrt zurück» erschienen im Allitera-Verlag, München. Das Buch «Wenn Frauen töten» bei Schattauer.

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