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«Freunde von Frisch – seht euch dieses Buch nicht an!»

Der Literaturkritiker Volker Weidermann sagt, er liebe Max Frisch. In seiner Biographie schont er den Schriftsteller trotzdem nicht.

Geliebt und kritisiert: Max Frisch in einer undatierten Aufnahme aus den frühen Fünfzigerjahren.

Geliebt und kritisiert: Max Frisch in einer undatierten Aufnahme aus den frühen Fünfzigerjahren. Bild: Photopress-Archiv (Keystone)

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Volker Weidermann, Literaturredaktor der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung», schätzt und bewundert Frisch nicht nur, er liebt ihn. Den Mann und seine Bücher. Ja, Liebe ist es, ausdrücklich, wie schon im Frisch-Kapitel seiner Literaturgeschichte «Lichtjahre».

Diese Liebe vernebelt ihm in seinem neuen Frisch-Buch aber nicht das Gehirn und macht ihn auch nicht nachsichtig. Nicht dem Mann und nicht dem Werk gegenüber. Es gibt nicht viele Biografien grosser Autoren, in denen man so viele harsche Urteile findet wie «stark gefühlt und schwach gestaltet» (über frühe Naturtexte) oder «ziemlich schauderhaft» («Jürg Reinhart»). Vor «Antwort aus der Stille» warnt er buchstäblich: «Freunde von Frisch – seht euch dieses Buch nicht an!»

Scharfe Kritik, lautes Lob

Des Kritikers Bannstrahl trifft aber nicht nur den frühen, den «Frisch vor Frisch», sondern auch Erfolgsstücke wie «Biedermann und die Brandstifter»: Das sei «bieder, wie der Protagonist, überraschungslos, humorfrei, steif, altmodisch». «Andorra» wolle man sich kein zweites Mal ansehen, und «Wilhelm Tell für die Schule» findet er «ein bisschen langweilig, kleinkariert, lokalpolitisch». Vor dem Hintergrund dieser Kritik kann Weidermann umso lauter loben. «Stiller» ist «ein Hammer», «Biografie. Ein Spiel» findet er schlicht «genial».

Kurz: Temperament und Urteilsfreude des Kritikers hat der Biograf nicht an der Garderobe abgegeben. Der Boden, auf dem er sein Urteil gründet, ist die Nachwelt: Vor der muss sich auch der Jahrhundert- , der Weltautor bewähren. Was diesen für Weidermann frisch (Pardon, kein beabsichtigter Kalauer) und aktuell hält, ist seine Verquickung des Allerpersönlichsten mit dem Politischen. Frisch war, in Dürrenmatts berühmten Worten, einer, der seinen Fall zur Welt gemacht hat. In den Tagebüchern (und im privatesten veröffentlichten Text, in «Montauk») hat er dafür die perfekte Form gefunden.

Der Spätentwickler

Es war ein langer Weg bis dahin, wie diese Biografie erneut deutlich macht. Frisch war ein Spätentwickler, der immer wieder zweifelte und zwischendurch das Schreiben ganz aufgab.

Zu sich, zu seiner Sprache fand er erst 1944/45, mit «Bin und die Reise nach Peking», für Weidermann «die Geburt des Schriftstellers Max Frisch, wie wir ihn kennen». Es sei aufregend, ihn in diesen «Jahren der Neuerfindung» zu beobachten.

Aufregend ist es auch für den Leser dieser Biografie, weil ihm der pathetische, der unpolitische, gar der chauvinistisch-beschränkte Frisch der Zeit davor kaum bekannt gewesen sein dürfte. Weidermann führt ihn mit ein paar unschönen Sätzen vor, wie er seinen Blick auch nicht von den unangenehmen Seiten des Menschen abwendet. Die egoistische Kälte, die aus Briefen an die Mutter spricht; das Desinteresse an den Kindern (das die älteste Tochter Ursula Priess schon in ihrem «Sturz durch alle Spiegel» aus ihrer Sicht reflektiert hat). Der Frauenverbrauch, wobei Weidermann keiner vermufften Moral anhängt, sondern nüchtern die Konsequenzen für Betroffene betrachtet. Die von Nahestehenden berichteten Wutanfälle und «Hinrichtungsmonologe».

Menschen als Material

Sein Verleger Siegfried Unseld hat berichtet, wie Frisch ihn, wegen einer unangemessen ausgerichteten Geburtstagsfeier, zusammengestaucht hat. Ein «Ekel» gar nennt ihn Unselds Sohn Joachim. Vielleicht am problematischsten, aber auch am unausweichlichsten: die Verwendung der Menschen, mit denen er lebte, als Material für seine Bücher. Ingeborg Bachmann war tödlich getroffen, als sie sich im «Gantenbein» wiederzuerkennen glaubte. Marianne Frisch durfte in «Montauk» lesen, wie ihr Mann seine Affäre mit der jungen Alice Locke-Carey ausbreitete und auch sie selbst blossstellte. «Marianne kann sich scheiden lassen», schrieb Frisch an Uwe Johnson, den er um ein Gutachten gebeten hatte.

Die Veröffentlichung von «Montauk», ganz allgemein: Das «Alles-schreiben-Können» war ihm wichtiger als jede menschliche Beziehung. Das ist künstlerischer Egoismus, von dem wir Leser profitieren; in Frischs Fall noch dazu die Konsequenz seines speziellen Schreibprogramms, seinen Fall zur Welt zu machen. Das Grossartige an Frischs Werken wird erkauft nicht nur mit dem Wahrheitsfanatismus des Autors gegenüber sich selbst, sondern auch mit völliger Schonungslosigkeit gegenüber den Nächsten: Beides kommt in seiner Ambivalenz in dieser Biografie gut zum Ausdruck. Weidermann schreibt einen flotten, aber nicht ranschmeisserischen Stil. Er folgt der Chronologie, aber nicht sklavisch von Jahr zu Jahr, sondern bündelt Ereignisse zu Themen. So kommen auch der Architekt und Architekturkritiker Frisch gebührend zur Geltung.

Tiefschürfende Werkinterpretationen bietet Weidermann nicht; er erzählt Romane und Stücke nach, arbeitet deren Kern heraus und fasst die Wirkung zusammen. Wer mehr sucht, wird in der germanistischen Literatur mühelos fündig. Weidermanns «Max Frisch» ist der geglückte Versuch einer Gesamtschau für unsere Zeit – geschrieben von einem souveränen Autor für ebensolche Leser. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.11.2010, 08:16 Uhr

Das Buch

Volker Weidermann: Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 405 S., ca. 38 Fr.

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