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Frisch ohne Ablaufdatum

Ein neuer Rap zu Max Frisch, eine Million Euro dank ihm: In der Zürcher Ausstellung zum 100. Geburtstag des Schweizer Schriftstellers kommen Leser zu Wort und sagen, was ihnen der Autor heute bedeutet.

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Bereits in seinen Tagebüchern fragte sich Max Frisch, ob ein aktueller Schriftsteller auch hundert Jahre danach gelesen wird. Noch ist die Frage in seinem Fall nicht abschliessend zu beantworten, da seine Werke «erst» zwischen gut 70 und 30 Jahre alt sind. Aber immerhin kann man behaupten, dass der Autor hundert Jahre nach seiner Geburt nicht an Aktualität eingebüsst hat.

Hier spricht der Leser

Diesen Schluss lässt zumindest die Ausstellung mit dem nüchternen Titel «Max Frisch. Zum hundertsten Geburtstag» zu, die vom 16. März bis 4. September im Strauhof in Zürich zu sehen ist. Gezeigt wird eine lebendige Schau, in der hauptsächlich seine heutigen Leserinnen und Leser zu Wort kommen und auf Erinnerungstücke weitgehend verzichtet wird. Ein Konzept, das Frisch gefallen hätte, notierte er doch einmal: «Ich schreibe für Leser.»

Auf zahlreichen Bildschirmen kann der Besucher kurze Ein- und Wertschätzungen der heutigen Rezipienten mitverfolgen. Über die frühe Erzählung «Bin oder Die Reise nach China» sagt ein Literaturredaktor, dass das Werk «hinreissende Naturschilderungen» enthalte, aber leider auch «ein merkwürdiges Happy End». Eine Literaturwissenschaftlerin bezeichnet «Stiller» als einen «wunderbaren Eheroman». Und auf einem weiteren Video bekommt man einen Einblick in eine Deutschstunde eines Gymnasiums, in der «Homo Faber» diskutiert wird.

Millionär mit Frisch

Kuratorin Annemarie Hürlimann ging mit ihrem Team auch auf die Strasse und konfrontierte die Passanten mit den hintersinnigen Fragebögen von Max Frisch. Und dabei zeigen sich die Leute durchaus schlagfertig. Auf die Frisch-Frage: «Wie viel Heimat brauchen Sie?», antwortet einer: «50 Prozent.» Selbst Musiker setzen sich heute mit dem bald Hundertjährigen auseinander: Der Berner Rapper MQ hat seinem Stück «Sinn» ein Originalzitat von Max Frisch vorangestellt – eines der wenigen Male in dieser Ausstellung, in dem der Schriftsteller selber zu hören ist.

Einmal hat der Kapitalismuskritiker Frisch einem Leser sogar zu einer Million Euro verholfen. Das dokumentiert eine Video-Aufnahme einer «Wer wird Millionär?»-Sendung von 2002. Der Philosophie- und Musikstudent Gerhard Krammer stand damals vor der Frage, welcher berühmte Schriftsteller als diplomierter Architekt ein Freibad in Zürich erbaut habe. Zur Auswahl hatte er Joseph Roth, Martin Walser, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt.

Er schwankte zwischen Frisch und Dürrenmatt, entschied sich dann aber richtig. Wer weiss, vielleicht ist der Neo-Millionär aus Dankbarkeit mittlerweile ein paar Längen im Frisch-Bad beim Letzigrund geschwommen.

Erstellt: 15.03.2011, 15:14 Uhr

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