Für Nebenwirkungen lesen Sie das Buch

Anna Stern forscht an der ETH – und ist Schriftstellerin. Wie passt das zusammen?

«Müsste ich mich auf eine Leidenschaft konzentrieren, fehlte mir die andere», sagt Anna Stern. Foto: Doris Fanconi

«Müsste ich mich auf eine Leidenschaft konzentrieren, fehlte mir die andere», sagt Anna Stern. Foto: Doris Fanconi

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So ein Bein ist ja schnell futsch. Knochen gebrochen, Fleisch geschlitzt, eine Prise resistenter Keime abbekommen, und schon ritsch-ratscht die Amputationssäge. Die Beschäftigung mit Antibiotikaresistenzen interessiert uns alle, es geht ans Lebendige. Anna Stern forscht dazu an der ETH Zürich, sie ist an der Doktorarbeit. Der Titel ihrer Masterarbeit lautete: «Fusion of Cell-Penetrating Peptides and Peptidoglycan Hydrolases by Sortase-Mediated Ligation for Targeting Intracellular Staphylococcus aureus.» Zu neuen Resultaten darf die 27-Jährige nichts sagen, noch ist der entsprechende Fachartikel nicht erschienen.

Stern sitzt in einem Bistro gleich neben der Hochschule, spricht sanften Ostschweizer Dialekt – sie ist in Rorschach aufgewachsen –, trägt einen Kürzesthaarschnitt, ein schlichtes, schwarzes, ärmelloses Oberteil, in der Ohrmuschel ein Piercing. Sie kommt gerade aus einem PC-Raum, wo sie computerbasierte Modelle von Epidemien betrachtet hat.

Ausserdem schreibt sie Bücher. Die Tochter einer Kindergärtnerin und eines Arztes heisst eigentlich Bischofberger. Die Wahl des Künstlernamens war denkbar uneitel, fast kindlich: Der erste Verleger fand, «Bischofberger» sei kein guter Autorenname, und die junge Frau war schon immer von Sternen und vom Weltall fasziniert – also «Anna Stern». Zwei Romane hat sie bereits im kleinen Salis-Verlag veröffentlicht. Allzu viele Leser hat sie noch nicht, die Bücher wurden kaum rezensiert. Doch innerhalb des kleinen Zirkels ist die Begeisterung gross. In der FAZ feierte der bekannte Kulturjournalist Dietmar Dath den Erzählband «Beim Auftauchen der Himmel». Die «Grundrechenarten deutscher Literatur» würden Stern «aus der Hand fressen wie zutrauliche Tiere».

Jede Geschichte ist ein Versuch

Lob ist berechtigt: Anna Stern schreibt mit der Leichtigkeit einer Judith Hermann. Zugleich entwickeln ihre Texte von Pärchen, die sich auseinanderleben, und von Einzelnen, die die Vergangenheit einholt, einen fast dämonischen Sog. Wie in Brechts Erzählung vom «Augsburger Kreidekreis» ahnt der Leser, dass die Geschichte eine schlimme Wendung nehmen wird, dass ein guter Ausgang unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich ist – und kann nicht von den Zeilen lassen.

Anna Stern weiss, wie Spannung entsteht, ihr erster Roman war ein Krimi. Und dazwischen eine kleine Erzählung wie «Die Geschichte vom Umgedrehten Land», die die Schweiz-Dystopien der letzten Jahre (Christian Kracht, Urs Zürcher) ziemlich abgeschmackt erscheinen lässt. «Jede Geschichte, die ich schreibe, ist ein Versuch. Sie soll neu sein und ganz anders wirken als alles, was ich bisher geschrieben habe», sagt Stern. Auch das formale Repertoire ist gross, es reicht vom beschaulichen Realismus zum experimentellen Stakkato-Stil. Festlegen auf eine bestimmte Literatur will sie sich nicht. Warum auch? «Ich wiederhole im Labor ja auch keine Experimente, die sich bewährt haben.»

Hildegard Keller, Literaturprofessorin und «Literaturclub»-Kritikerin, wurde auf Anna Stern aufmerksam und nominierte sie für den Bachmannpreis. Stern wird Anfang Juli nach Klagenfurt reisen und am berühmtesten Wettlesen der deutschsprachigen Literatur teilnehmen. «Bachmannpreis», das bedeutet: hartes Scheinwerferlicht, harte Urteile. 3sat überträgt live, eine Jury wird Anna Stern gegenübersitzen und im Kopf das Kritikerbesteck wetzen, während sie aus ihrem neuen Roman vorliest.

«Dass meine Texte fragmentarischer geworden sind, kommt mir gelegen.»Anna Stern

In Klagenfurt wurden Autoren schon übel fertiggemacht, andere boten irre Aktionen. Einer ass mal ein Blatt auf. «Ich werde keine Performance abliefern, sondern schlicht aus meinem Text vorlesen», sagt Stern. Es gehe ihr darum, ihren Texten eine Bühne zu verschaffen. Dafür gehe sie auch ins Fernsehen. Stern ist wohl etwas zu zurückhaltend für diese Show, ihr Schreiben zu subtil, ohne Knalleffekte und Springteufel-Pointen. «Ich trete nicht an, weil ich mir grosse Chancen ausrechne», sagt Stern. Es hänge für sie auch nicht alles ab von diesem Preis. «Ich gehe jetzt einfach mal da hin.»

Bis Klagenfurt sieht ihr Programm so aus: morgens schwimmen, dann im Labor Keime züchten und analysieren, abends schreiben. Sterns neuer Roman wird «Denn du bist wild wie die Wellen des Meeres» heissen und im Januar erscheinen. Sie montiert dabei erstmals Bilder und handschriftliche Notizen in die Geschichte hinein. «Dass meine Texte fragmentarischer geworden sind, kommt mir gelegen. Auch wenn ich nur eine halbe Stunde schreibe, kann ich kleine Szenen abschliessen.» Das Leben eines jungen Menschen mit Ausgang usw. gebe es schon auch, doch. Aber halt deutlich reduzierter im Vergleich zu Freundinnen und Freunden.

Keine Angst, sich zu verzetteln, ihr Potenzial auf keinem Feld auszureizen? «Müsste ich mich auf eine Leidenschaft konzentrieren, fehlte mir die andere.» Ein Germanistikstudium brach sie nach dem ersten Semester ab, die Gedankenwelt wurde ihr zu einseitig. Sie sieht sich auch nicht in der Tradition der naturwissenschaftlich versierten Schreiber, wie es sie in der deutschsprachigen Literatur ja gibt, vom Steinepflücker Goethe über den Nervenarzt Döblin bis zum Psychiatriefan Dr. med. Rainald Goetz.

Anna Stern sieht sich anders, als Schreiberin und Naturwissenschaftlerin. Sie ist in allen Feldern auf Entdeckung aus, stösst ständig auf neue Fragen und Geheimnisse. «Antibiotika zum Beispiel waren keine definitive Antwort auf Infektionskrankheiten, obwohl das lange die Hoffnung war. Antibiotika, wie wir sie heute kennen, verlieren ihre Wirkung. Neue Herausforderungen kommen auf uns zu. Rätsel, die mit unseren Körpern zu tun haben und der Welt.»

Ein gutes Buch hilft und heilt

Die Literatur sieht Stern als einen Raum, in dem Möglichkeiten denkbar werden. «Schreibe ich über einen Polizisten, will ich fühlen wie ein Polizist. Und der Leser soll sich auch hineinfühlen können.» Das Leben potenziert sich, gewinnt an Farbe und Tiefe. Jeder Satz ist ein Keim. Sie erzählt, wie sie beim Schwimmen im Bodensee einen Schwan erblickte und ihr sofort ein Satz aus einem Roman ihres Lieblingsschriftstellers einfiel, des Amerikaners Howard Norman: «Die unvermeidliche Seltsamkeit des Schwimmens mit Schwänen.» Fiktion und Realität gehen eine Verbindung ein – ein Moment der Verblüffung, ein Glücksgefühl.

Ein richtig gutes Buch, sagt Anna Stern, wirke wie ein Medikament. Es helfe und heile. Ein solches Buch zu entwickeln, ist das Fernziel der vielen Experimente, die die Schriftstellerin noch anstellen will. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2018, 08:23 Uhr

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