Interview

«Für die Handschrift spricht, dass es eine direktere körperliche Involvierung gibt»

Wie unterscheidet sich Schreiben von Hand vom Schreiben am Computer? Sandro Zanetti hat ein Buch über «Schreiben als Kulturtechnik» herausgegeben. Im Gespräch gibt er Auskunft zu Gefahren und Chancen.

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Herr Zanetti, wie ich sehe, haben Sie sich Notizen von Hand gemacht. Wie oft schreiben sie noch von Hand?
Eigentlich täglich, aber nur für Notizen, Einkaufszettel, Mitschriften – solche Sachen. Sonst fast ausschliesslich mit dem Computer.

Ist die Handschrift vom Aussterben bedroht?
Nicht grundsätzlich, aber ihre Funktion hat sich massiv gewandelt, weil es technisch mächtige Alternativen gibt. Man wird sicher weniger und gezielter mit der Hand schreiben, aber nicht ganz darauf verzichten.

Soll man auf jeden Fall zuerst von Hand schreiben lernen?
Für die Handschrift spricht, dass es eine direktere körperliche Involvierung gibt. Das ist wichtig, wenn es darum geht, Gedanken zu konkretisieren. Wenn von Anfang alles ausschliesslich in einem virtuellen Raum stattfindet, verflüchtigen sich die Bezugsmöglichkeiten. Da muss nur der Computer abstürzen oder der Strom ausfallen, und alles ist weg. In dem ganzen Hype um mobile Medien vergisst man oft, dass Handschrift hypermobil und verhältnismässig autonom funktioniert.

Dann würden Sie die Kampagne der «Bild»-Zeitung zur Rettung der Handschrift unterstützen?
Erst fand ich das toll und habe die Diagnose auch geteilt. Aber zur Rettung der Handschrift gerade in diesem Medium aufzurufen, ist verlogen. Die Handschriften auf der Titelseite sind ja digital reproduziert, eingescannt und massenhaft gedruckt. Das ist eine pure Suggestion von Individualität – in einem Massenmedium, das so tut, als wäre es ganz nah bei den Leuten. Es wird auch ausgeklammert, dass die Handschrift nie etwas Natürliches und Authentisches war, sondern immer eine kulturell bestimmte Technik. Man lernt das Schreiben in der Schule nach klaren Vorgaben, und auch die Buchstaben und die Grammatik erfindet man nicht selber.

Inwiefern ist Schreiben von Hand etwas anderes als Schreiben auf der Tastatur?
Der Bezug des Körpers zur Schrift ist im Falle der Tastatur und besonders beim Computer vielfältiger unterbrochen. Das schlägt sich auch im Denken nieder. Kaum ein Benutzer weiss genau, was im «Innern» eines Computers vor sich geht. Dabei sind diese Prozesse enorm prägend. Man kann sich den Unterschieden aber auch vom Lesen her nähern: Wenn man etwas Handschriftliches anschaut, dann ist auf der materiellen Ebene die Individualität des Schreibers noch recht deutlich erkennbar. Individualität – verstanden als Eigenart, die von anderen Eigenarten unterschieden werden kann – verschwindet in der Maschinenschrift zwar nicht. Aber sie transformiert sich. Man spricht immer noch von der «Handschrift» eines Künstlers oder eines Schriftstellers, nun aber auf der Ebene bestimmter thematischer Präferenzen, des Stils oder der typografischen Gestaltung.

Wie wirkt sich das auf die Literatur aus?
Literatur ist immer geprägt von ihren technischen Bedingungen. Sie ist aber zugleich reflexiv und bezieht sich kritisch oder affirmativ auf die Bedingungen ihrer eigenen Möglichkeiten zurück. Dazu gehören – nicht nur, aber auch – die technischen Bedingungen. Es gibt Schriftsteller, die wie eine Schreibmaschine vor sich hin schreiben und glauben, so ihre Gedanken unvermittelt aufs Papier bringen zu können. Im Gegensatz zu diesen Kopfarbeitern arbeiten die Papierarbeiter – um eine etwas holzschnittartige Unterscheidung zu bemühen – mehr mit der Eigensinnigkeit der Literatur und reden über die Unselbstverständlichkeit literarischer Kommunikation.

Wie wird sich die Literatur im digitalen Raum ändern?
Einerseits sind die Hürden zur Publikation niedriger und das mögliche Tempo zum Publizieren schneller geworden. Die Kehrseite dieses Prozesses besteht darin, dass es einen massiven Kompetenzabbau gibt, wenn etwa die Verlage ihre Lektoren streichen und jeder sofort publizieren kann, was er will. Damit werden allerdings auch neue Schreibweisen möglich und sichtbar. Ich finde das im Prinzip gut, aber es ruft nach neuen Beurteilungskriterien und Handhabungsmustern.

Werden E-Books die herkömmlichen Bücher verdrängen?
Ich glaube nicht, denn im Hinblick aufs Lesen dürfte wohl weiterhin wichtig bleiben, dass man etwas in den Händen hält, das im Gebrauch eine individuelle Note bekommt, und sei das nur durch die Anstreichungen und Knicke, die man reinmacht. Das ist eine Form von Auseinandersetzung, die Bestand haben wird, zumindest für diejenigen Bücher, die man wertschätzt.

Wobei man gerade Eselsohren und Anstreichungen nachzubilden versucht in E-Readern.
Das stimmt. Die Frage ist, wie weit diese Simulation gehen kann. Ich sehe allerdings auch diesen Prozess nicht als Verfallsgeschichte, sondern als Transformationsprozess. Wenn man von Gefahren reden will, sehe ich diese weniger darin, dass es einen Verlust an (scheinbarer) Unmittelbarkeit gibt, sondern eher im Aspekt der Ökonomisierung und Standardisierung, wenn einem Formate aufgezwängt werden, die einengend sind. In diesem Sinne würde ich auch weniger nach der Rettung der Handschrift schreien, sondern nach der Rettung der Vielfalt möglicher Schreibweisen.

Smartphones kann man mittlerweile mit Sprachsteuerung bedienen und Nachrichten diktieren – wird Schreiben irgendwann ganz verschwinden?
Ich bin vorsichtig mit kulturpessimistischen Diagnosen. Das Grundproblem ist immer dasselbe: Wenn die Reflexion auf das spezifische Medium, das man in den Händen hält, nicht mehr stattfindet, ist das immer problematisch, unabhängig vom Medium. Eine solche Reflexion fehlt sowohl in der Aktion der «Bild»-Zeitung als auch beim Manager, der meint, er könne über seine Sprachsteuerung die Welt regieren. Der richtige Umgang muss für jedes Medium neu ausgehandelt und bedacht werden.

Wie könnte ein solcher Umgang aussehen?
Die vollkommene Virtualisierung wird nicht stattfinden. Eher wohl wird es vermehrt verschiedene Formen der Rematerialisierung geben. Im einfachsten Fall ist das ja bereits beim Ausdrucken der Fall: Man holt sich etwas aus dem virtuellen Raum heraus, um es wieder in Papierform in den Händen zu halten. Ich glaube, dieser Rückbezug zur Materialität und Körperlichkeit wird verstärkt aufgesucht werden – wenn auch sicherlich in ganz hybriden Formen.

Weil man sich im Schreiben wieder mehr selbst ausdrücken will?
Das klingt jetzt ein wenig idealistisch. Die Vorstellung, dass ein Subjekt sich im Schreiben individuell «ausdrücken» kann und soll, kommt erst im 18. Jahrhundert auf. Heute scheint mir die Vorstellung eines individuellen Umgangs mit bestehenden sprachlichen Artikulationsofferten passender zu sein. Auch ist das, was einem beim elektronischen Schreiben am Bildschirm entgegenstarrt, so offensichtlich von der Maschine mitproduziert, dass die Vorstellung, etwas ganz und gar eigenes produziert zu haben, erkennbar problematisch wird. Andererseits zeichnet sich Software vermehrt dadurch aus, dass sie den individuellen Bedürfnissen und Zwecken angepasst werden kann. Man betritt hier einen Bereich, in dem Differenzierungen zwischen Eigenem und Fremdem schwierig, wenn auch nicht überflüssig werden. Das ist einerseits eine Chance, andererseits ein Riesenproblem, wenn man etwa an das Urheberrecht denkt. Wohin diese Entwicklung geht, ist noch nicht recht abzusehen.

Erstellt: 13.08.2012, 11:09 Uhr

Sandro Zanetti (Hg.): Schreiben als Kulturtechnik. Grundlagentexte. Suhrkamp 2012, 450 Seiten, ISBN 978-3-518-29637-0, CHF 25.10.

Das Buch versammelt ältere und neuere Texte von Philosophen, Schriftstellern, Literaturwissenschaftlern, Ethnologen, Medientheoretikern und Wissenschaftshistorikern, die sich dem Thema Schreiben aus verschiedenen Perspektiven nähern.

Schreiben als Kulturtechnik

Sandro Zanetti ist Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Zürich.

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