«Für einen Schriftsteller ist die Krise das Interessanteste»

Der erfolgreichste Schweizer Autor über seinen Schreibrhythmus, gute Filmdrehbücher und seine Lehrzeit in Basel.

Martin Suter liest heute Abend aus seinem neuen Roman ‹Montecristo› vor. Um 20 Uhr im Zürcher Schauspielhaus.

Martin Suter liest heute Abend aus seinem neuen Roman ‹Montecristo› vor. Um 20 Uhr im Zürcher Schauspielhaus. Bild: Keystone

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Sie sind ein Autor, der mit einem strengen Rhythmus arbeitet. Weshalb?
Mein Rhythmus ist mir schon sehr wichtig. Ich bin ein un­­geduldiger Mensch und kann nicht jahrelang am gleichen Thema dranbleiben. Ich will einen Roman innerhalb einer nützlichen Frist fertigstellen und das bedeutet konkret, dass vom ersten Satz bis zur ersten Fahne etwa ein Jahr vergeht. Dazu muss ich aber jeden Tag schreiben.

Setzen Sie sich dazu morgens pünktlich um acht Uhr an den Computer?
Es kann auch neun Uhr werden. Aber ich halte mich dann fast schon an die Bürozeiten, mit einer Mittagspause.

Arbeiten Sie an mehreren Romanen gleichzeitig?
Ich bin jetzt schon an meinem nächsten Roman, allerdings nicht so intensiv, weil ich gegenwärtig viel Presse­arbeit im Zusammenhang mit «Montecristo» habe. Dann unternehme ich diesmal auch noch eine grössere Lesereise über vier Wochen. Da komme ich nicht so intensiv zum Schreiben. Aber ich recherchiere, notiere und strukturiere schon bereits ein wenig.

Geraten Sie da nicht unter ständigen Druck?
Ich setze mich bewusst selber unter Druck. Wenn ich dem Verlag einen Abgabetermin verspreche, habe ich auch den Ehrgeiz, diesen einzuhalten. Ich brauche diesen Druck.

Georges Simenon hat 75 Maigret-­Romane geschrieben, Donna Leon kommt auf 23. Wollen Sie da mithalten?
Beides ist beachtlich. Ich bin ein langsamer Schreiber, aber ich habe nicht das Problem, das andere Kollegen haben, wenn sie sagen, dass sie am Tag nur zwei Stunden schreiben können. Ich kann acht bis neun Stunden schreiben und es gibt Tage, da entstehen zehn Seiten. Das ist auch gar nicht so viel. Ich habe mir das mal ausgerechnet. Wenn ich jedes zweite Jahr einen normalen Roman von 300 Seiten schreibe und dazwischen einen Allmen von 200 Seiten, dann sind das 500 Seiten in zwei Jahren und das macht pro Tag weniger als eine halbe Seite. Keine fünfzehn Zeilen!

Erwartet die Leserschaft diese kontinuierliche Produktion, oder hat diese auch ökonomische Gründe?
Nein, ich mache das so, weil es eben mein Beruf ist. Wenn ich mal länger nichts schreibe, habe ich mir gegenüber ein schlechtes Gewissen. Nicht eigentlich dem Leser gegenüber. Natürlich fragen die Leute ständig, wann kommt der nächste Roman oder wann der nächste Allmen.

Und was kommt als Nächstes?
Ich werde nicht wie erwartet einen neuen Allmen schreiben. Der Rhythmus wird gebrochen. Ich habe zwei Allmen hintereinander geschrieben, weil sie zusammengehören. Jetzt kommt etwas anderes. Diese Freiheit nehme ich mir.

Und was?
Es wird wieder ein Roman sein.

Wie kommen Sie auf die Themen Ihrer Bücher – zum Beispiel bei «Montecristo»?
Ich komme normalerweise auf eine Geschichte, weil ich sie suche. Ich denke nie darüber nach, welche Themen derzeit aktuell sind, und versuche dort eine Geschichte anzusiedeln. Ich überlege vielmehr, was eine interessante, spannende Geschichte sein könnte. Diese fällt mir meistens an meinem Arbeitsplatz vor dem Computer ein. Bei «Montecristo» weiss ich nicht mehr genau, wie ich darauf gekommen bin. Nur dass ich an einer ganz anderen Geschichte gearbeitet habe und plötzlich kam immer ­wieder «Montecristo» dazwischen. Zuerst habe ich dabei an ein Drehbuch gedacht, das ich vorziehen könnte. Doch dann ist daraus der jetzige Roman geworden und die andere Geschichte habe ich zurückgestellt.

Wie viel steckt in den Figuren und Geschichten von Ihnen persönlich? Ich versuche mich möglichst aus der Geschichte rauszuhalten. Mich selbst interessieren Geschichten, in denen die Autoren ihre eigenen Erfahrungen verarbeiten, weniger als erfundene Geschichten. Aber man hat natürlich nur sich selbst und muss aus sich selber schöpfen. Deshalb besitzen alle Figuren, die ich beschreibe, Eigenschaften, die ich mehr oder weniger auch habe. Mich stört die Vorstellung, dass man sich in jemanden völlig hineinversetzt. Das empfinde ich als Anmassung. Aber man findet in kleinen Ansätzen die an­­genehmen wie die unangenehmen Charaktereigenschaften in sich selber. Diese Eigenschaften mache ich bei meinen Personen etwa grösser, indem ich sie mit meiner eigenen Lebenserfahrung beschreibe.

Ihre Hauptperson ist meistens ein Mann am Scheideweg. Weshalb dieser Ausgangspunkt?
Für einen Schriftsteller ist die Krise das Interessanteste. Das Entstehen der Krise hat mich aber nie so interessiert wie das Verhalten des Krisen­geplagten. Deswegen die Alzheimer-Geschichte in meinem ersten Roman. Auch «Die dunkle Seite des Mondes» handelt von einer schnell herbeigeführten Krise und davon, wie die Pro­tagonisten darauf reagieren. Das ist das Muster fast aller meiner Romane.

Sie sehen sich als Geschichtenerzähler. Wollen Sie Ihre Leser vor allem unter­halten?
Ich schreibe Bücher, die ich selber gerne lesen würde. Das ist mein Leitfaden. Für mich muss ein Buch auch keine Strafe, sondern es soll unter­haltend sein. Damit meine ich nicht seichte Unterhaltung. Aber ich kenne keinen grossen Roman, der nicht auch unterhaltend ist.

Kürzlich wurden die Schweizer Buchpreise vergeben, vornehmlich an Autorinnen und Autoren, die das grosse Publikum nicht kennt. Sind Sie als Erfolgsautor schon mal ausgezeichnet worden?
Ich habe immerhin für «Small World» einen mit 5000 Franken dotierten Ehrenpreis der Stadt Zürich bekommen. Darüber habe ich mich auch sehr gefreut. Ich kenne viele Schriftsteller, die ihren Weg viel konsequenter als ich gegangen sind. Sie schreiben, egal ob jemand ihre Texte liest oder nicht. Mir war die materielle Seite immer so wichtig, dass ich vom Schreiben gut leben wollte. Ich hatte eben in allen Belangen des Lebens immer einen etwas teuren Ge­schmack. Deshalb habe ich auch nie Hilfe vom Staat erwartet. Eine staatliche Literaturförderung braucht es, aber natürlich vor allem für diejenigen Autoren, die man nicht so kennt und die auch weniger Bücher verkaufen.

Wie gehen Sie mit Kritik um?
Ich bin aus meinen Jahren in der Werbe­branche gewohnt, mit Kritik umzugehen. Da wurde schnell mal gesagt «das ist Quatsch». Ich nehme Kritik insofern ernst, als ich mir überlege, ob sie gerechtfertigt ist. Aber es gibt wenige Fälle, wo ich das wirklich finde. Oftmals kann ich eine Kritik nicht ernst nehmen, weil sie nicht gut geschrieben ist. Natürlich gab es auf meinem Weg Kritiken, die mich geärgert haben. Vor allem wenn es nicht um die Sache ging. Manchmal habe ich das Gefühl, hier werde ein ganz anderes Buch kritisiert, das ich auch schlecht finden würde. Aber es ist eben nicht mein Buch.

Gibt es auch Manuskripte, die in der Schublade verschwunden sind?
Ja, zwei. Mein allererster Roman vor «Small World», der vom Verlag abgelehnt wurde. Und ich muss sagen, nicht zu Unrecht. Weil ich unbedingt zum Diogenes Verlag wollte, habe ich diesen ersten Roman nicht einfach an einen anderen Verlag geschickt, sondern einen zweiten geschrieben. Es gibt noch den berühmten zweiten Roman nach dem Erstlingserfolg «Small World». Daran bin ich ebenfalls gescheitert, und er ist glück­licherweise nie erschienen.

Was lief denn da schief?
Der Hauptfehler war, dass ich nicht wusste, wie der Roman enden würde, als ich mit ihm begann. Ein solches Kamikaze-Spiel leiste ich mir nicht mehr. Ich muss beim ersten Satz den letzten kennen. Der Leser spürt sofort, wenn der Autor nicht richtig weiss, wohin die Geschichte geht.

Sie sind wirklich nie in Versuchung gekommen, den allerersten Roman auszugraben?
Der ist gar nicht richtig fertig. Ich habe 300 Seiten geschrieben und ein Exposé, wie es weitergeht. Doch weiter bin ich nicht gekommen. Immerhin habe ich daraus zwei Schauplätze geplündert. Es sind aber bloss zwei, drei Seiten. Weder der Verlag noch ich sind in Versuchung geraten, diesen Roman doch noch herauszubringen. Ich habe zu viel Lust, neue Geschichten zu erfinden, als dass ich alte ausgraben will.

Sie haben gesagt, bei «Montecristo» hätte Ihnen zuerst ein Drehbuch vorgeschwebt. Steht da eine weitere Suter-Verfilmung bevor?
Nein. Es ist wohl bei allen meinen Romanen so, dass man das Gefühl hat, sie könnten leicht verfilmt werden. Aber das täuscht. Das liegt daran, dass ich die Geschichte gerne in Szenen aufbaue. Das Strukturieren einer Geschichte stammt aus meiner Zeit als Drehbuchautor. Aber wenn man aus einem meiner Romane ein Drehbuch machen will, merkt man, wie viele innere Monologe und Dialoge sowie Rückblicke die Geschichten haben und dass es eben doch nicht so einfach mit der Verfilmung ist. Ich bin auch nicht sehr daran inter­essiert, das Drehbuch zu meinem Roman zu schreiben. Man gibt da als Drehbuchautor sehr viel ab.

Waren Sie mit der Verfilmung von «Der Koch» zufrieden?
Ich hätte es anders gemacht. Es ist meistens so, dass der Autor das anders sieht. Ich war sehr glücklich mit der Verfilmung von «Small World» mit Gérard Depardieu. Das hat mir gut gefallen, obwohl es weit weg von der Vorlage war. Der Film hat aber die Essenz der Geschichte erkannt und mit seinen eigenen Mitteln nacherzählt. Werktreue gefällt mir natürlich noch besser und deshalb war «Der letzte Weynfeldt» für mich toll, weil ich ganze Dialogpassagen wiedererkannt habe. Solche sogenannten Literaturverfilmungen werden aber meistens nicht die gros­sen Publikumserfolge.

Ihre letzten Romane haben Sie alle Ihrem verstorbenen Sohn Toni gewidmet. Belastet Sie dieser Verlust noch immer so stark?
Ein solcher Todesfall ist ein Einschnitt. Es gibt ein Leben davor und ein Leben danach. Ich habe Toni alle meine Bücher seit seinem Tod gewidmet und werde das weiterhin so ­halten. Es ist eine Wunde, die bleibt und mit der man versucht zu leben.

Hat das auch Ihr Schreiben verändert?
Nein. Manche haben «Die Zeit, die Zeit» als Reflex auf Tonis Tod gesehen. Doch ich habe diese Geschichte schon sehr lange mit mir herumgetragen. Es kann sein, dass ich sie nach Tonis Tod endlich bewusst angegangen bin, doch sie ist kein Resultat dieses Ereignisses. Ich wollte über eine Zeitreise schreiben, weil sie mich schon immer interessiert hat. Schon «Small World» ist eigentlich ein Zeitreise-Roman. Ich wollte ihn nochmals anders schreiben, wusste aber lange nicht, wie mein Protagonist diese Zeitreise machen sollte. Schliesslich bin ich darauf gekommen, dass die Zeit nicht existiert, sondern nur die Veränderung, und man die Veränderung rückgängig machen muss, damit man wieder dort ist, wo man mal war. Dieser Gedanke hat mir sehr gefallen.

Nicht alle haben das verstanden.
Viele Leute haben das Ende offenbar nicht verstanden. Das war ein handwerklicher Fehler von mir, den ich in den neuen Auflagen des Romans geändert habe. Der Protagonist schläft ja am Ende auf dem Sofa ein und dann ist alles anders. Er darf aber nicht einschlafen, weil die Leser dann meinen, der Mann habe alles nur geträumt. Das stimmt aber nicht und ich habe mich über meinen Fehler geärgert und ihn nun korrigiert. Eine kleine Änderung macht das jetzt unmissverständlich.

Es kommt selten vor, dass ein Autor einen Schluss ändert.
Ja das gibt es nicht oft. Ich habe das auch zum ersten Mal gemacht. Auch beim «Teufel von Mailand» gibt es einen einzigen Satz, der nicht so verstanden wird, wie ich ihn gemeint habe. Dort habe ich es jedoch unterlassen, eine Änderung anzubringen, auch wenn mich das immer wieder juckt.

Wieweit hat Sie Ihre Zeit in der legendären Basler Werbeagentur GGK als Schriftsteller beeinflusst?
Die GGK war eine sehr kunstaffine Bande. Dieter Roth oder Daniel Spoerri gingen da ein und aus. Markus Kutter war eigentlich ein Literat, Karl Gerstner ist nach wie vor ein Künstler, und Paul Gredinger war Architekt. Alle waren grosse Kunstfreunde und es gab nichts Vergleichbares in dieser Ausprägung. Wir Texter waren damals alles Schriftsteller auf einem Zwischenweg. Das Schreiben war sehr wichtig. Wir haben keine Slogans, sondern lange Texte geschrieben. Die GGK hat mir viel geholfen. Wir wollten pointiert formulieren. Ich habe dort das sorg­fältige Schreiben gelernt. Und die bewusste Fokussierung auf den Leser der Werbekampagne. Heute werde ich immer wieder gefragt, wen ich vor Augen habe, wenn ich schreibe. Meine Antwort ist: den Leser Martin Suter. Ich versuche noch immer so zu schreiben, wie ich selber gerne lesen würde.

Raphael Suter ist nicht mit dem Schriftsteller Martin Suter verwandt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.02.2015, 10:54 Uhr

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