Für jede Untat lassen sich Gründe finden

George Orwell hat sich schon früh mit Fake News und Filterblasen beschäftigt. Sein hellsichtiger Essay «Notes on Nationalism» erscheint nun erstmals auf Deutsch.

In «Animal Farm» erheben sich die unterdrückten Tiere und errichten eine noch grausamere Gewaltherrschaft. Foto: PD

In «Animal Farm» erheben sich die unterdrückten Tiere und errichten eine noch grausamere Gewaltherrschaft. Foto: PD

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«Man hat keine Möglichkeit, die Fakten zu verifizieren, man ist sich nicht einmal wirklich sicher, ob gewisse Dinge sich tatsächlich zugetragen haben, und man ist stets mit völlig unterschiedlichen Interpretationen aus unterschiedlichen Quellen konfrontiert.» Diese Sätze, die sich wie eine zeitgenössische Analyse von Fake News anhören, wurden im Mai 1945 von George Orwell verfasst. Dies machen die Beispiele, die der Autor anführt, deutlich: «Was stimmt an der Berichterstattung zum Warschauer Aufstand vom August 1944 und was nicht? Gab es die deutschen Gaskammern in Polen wirklich? Wer war tatsächlich für die Hungersnot in Bengalen verantwortlich?»

Diese und andere hellsichtige Passagen über verfälschende oder lückenhafte Nachrichten finden sich im Essay «Notes on Nationalism», der jetzt erstmals unter dem Titel «Über Nationalismus» in deutscher Sprache ­erscheint. Der englische Schriftsteller George Orwell (1903–1950), bekannt für seine Kritik an jeder Form von Totalitarismus, sei er nun von linken oder rechten Ideologien gespeist, hat auf wenigen Seiten die Gefahren ­aufgeführt, die von einem in sich geschlossenen und sich selbst bestätigenden Weltbild ausgehen.

Unerschütterlich im Recht

Mit Nationalismus meint Orwell eine bestimmte Geisteshaltung, die sich in so unterschiedlichen Theorien und Bewegungen wie dem Kommunismus oder dem Zionismus, dem Antisemitismus oder dem Pazifismus äussert. Der Nationalist, «unerschütterlich sicher, im Recht zu sein», teilt die Welt in Gut und Böse, in Gewinner und Verlierer ein. Es geht um den Triumph seiner Sicht der Dinge und die Abwertung der anderen.

Die hauptsächliche Form des Nationalismus – zumindest bei der englischen Intelligenzija – erkennt George Orwell im Kommunismus; und die grösste Gefahr, die von einem so verstandenen Nationalismus ausgehe, bestehe im Verlust von Realitätssinn und Realitätsbezug, sobald die Fakten nicht mehr in das Weltbild passten.

Die Ausblendung von Tatsachen, die von der Ideologie abweichen oder ihr gar widersprechen, führt nach George Orwell zur Bildung von Blasen. «Befördert wird die Gleichgültigkeit gegenüber objektiver Wahrheit dadurch, dass ein Teil der Welt vom anderen abgeschottet ist, was es immer schwerer macht herauszufinden, was tatsächlich geschieht.» Ob bestimmte historische Taten verwerflich waren, ja ob sie sich überhaupt zugetragen haben, das sei wesentlich abhängig von den politischen Vorlieben.

Politik vor Moral

Während der kurzweiligen Lektüre des präzise argumentierenden Buchs vergisst man beinahe, dass es sich dabei um einen vor über 70 Jahren verfassten ­Essay handelt – wären da nicht immer mal wieder Hinweise auf Schriftsteller, deren Namen uns heute kaum noch geläufig sind. Wie die dystopischen Romane «Animal Farm» (1945) oder «1984» (1949) ist «Über Nationalismus» aktueller denn je.

«Hegt man irgendwo im eigenen Kopf eine nationalistische Bindung oder nationalistischen Hass, werden bestimmte Fakten, von denen man eigentlich weiss, dass sie stimmen, nicht zugelassen.» Dieser weitverbreitete Hang zur Ausblendung unliebsamer Tatsachen kann so weit gehen, dass Unvorstellbares möglich wird: «Es gibt absolut kein Verbrechen, das sich nicht entschuldigen lässt, wenn ‹unsere› Seite es begeht.» So sollte die Diktatur des Proletariats nach Karl Marx den Weg zur klassenlosen Gesellschaft ebnen. Dabei war die Beseitigung von Gegnern für Kommunisten keine moralische Frage; es ging um die Erreichung eines politischen Zweckes.

Orwell war, wie der Philosoph Isaiah Berlin, überzeugt, dassdas Individuum seinen inneren Kompass verliert, wenn es sich den Ismen-Ideologien ausliefert. Denn wenn das Selbst- und das Weltbild deckungsgleich werden, dann meistens zulasten des Selbst.

So mordeten Nationalsozialisten massenhaft, überzeugt von ihrer rassistischen Gesinnung, deren Grausamkeit keine Grenzen kannte. Der Einzelne hat, so die spätere Rechtfertigung, bloss das ausgeführt, was zu tun war. Die Frage, ob das gut oder böse war, stellt sich nicht in einem System, das immun ist gegen solche grundsätzlichen Fragen.

Überhöhung des Selbst

Weil er um die Verführbarkeit des Menschen wusste, warnte George Orwell zeitlebens vor solchen Entwicklungen. Auch wenn man an den zivilisatorischen Fortschritt glaubt, besteht kein Grund zur Annahme, dass sich an der anthropologischen Anlage etwas ändert. Im Gegenteil: Man muss stets damit rechnen, dass es einer neuen Ideologie wieder gelingen könnte, die nach Sinn dürstenden Einzelnen für sich zu gewinnen. Wer das Büchlein «Über Nationalismus» liest, fühlt sich besser gewappnet gegen solche Vereinnahmungen.

Wieso gibt es den Wunsch, sich einer Bewegung anzuschliessen? Um dies zu beantworten, führt George Orwell psychologische Motive ins Feld. Der Nationalist lebe in dem Bewusstsein, «einer Sache zu dienen, die grösser ist als er selbst». Dadurch, dass er Anhänger einer Ideologie wird, kann er sein Selbst in den Dienst einer Mission stellen und so sein Ich überhöhen.

Die Lücke, die der massive Bedeutungsverlust der Religionen in der westlichen Hemisphäre hinterlassen hat, wurde in den Augen George Orwells im 19. und 20. Jahrhundert von politischen Ideologien gefüllt – mit Folgen, die bis heute spürbar sind.

Erstellt: 25.01.2020, 14:52 Uhr

George Orwell

Über Nationalismus

Aus dem Englischen übersetzt von Andreas ­Wirthensohn. DTV, München 2020. 62 S., ca. 13 Fr.

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