Analyse

Fukushima und die Physiker

Wäre Dürrenmatt gegen Atomkraftwerke? Und war Hesse im Herzen ein Hippie? Tote Künstler eignen sich prima als Wortführer.

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Vor ein paar Tagen lasen Künstler und Prominente, unter anderem Benjamin von Stuckrad-Barre, an einem Berliner Radio Friedrich Dürrenmatts «Die Physiker». Laut «Spiegel» als eine Art «letzte Mahnung». Zur Erinnerung: Die Titelfiguren im Dürrenmatt-Klassiker sind drei Physiker, die als Patienten in einer psychiatrischen Klinik leben. Einer von ihnen hat eine Entdeckung gemacht, die die Welt vernichten könnte.

Zwar wird das Wort Atombombe im Stück kaum erwähnt. Doch die Entstehungszeit (50er-Jahre, Kalter Krieg) und Dürrenmatts dem Stück angehängten «21 Punkte» machen klar, worum es geht: Um Nuklearwaffen und die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft. «Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkung alle Menschen» so Dürrenmatt im Anhang. Und: «Je planmässiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.»

Typischer Pessimismus

Das lässt einen natürlich an Fukushima denken. In einem Werbespot für die Lesung hiess es denn auch: «Atomkraft, nein danke – das sagte sich schon Friedrich Dürrenmatt.» Wirklich? Während des Kalten Krieges stellte sich Dürrenmatt wohl die Frage, inwiefern Nuklearwaffen die Welt gefährden. Ob Dürrenmatt gegen die friedliche Nutzung von Atomkraft war, steht indes in den Sternen. Umso mehr als Dürrenmatt sich nie von einer bestimmten Ideologie hat vereinnahmen lassen; sein für ihn typischer Pessimismus geht immer auch mit einer radikalen Ideologiefreiheit einher. Ironischerweise ist es aber just Dürrenmatt, der in diesen Tagen als Wortführer herhalten muss.

Kürzlich entbrannte ob eines «Tagesanzeiger»-Artikels («Was Dürrenmatt zur Waffeninitiative sagen würde») eine hitzige Debatte. Aus dem Dürrenmatt-Statement, dass die Schweiz «wie ein Gefängnis ist, in dem nicht klar sei, wer die Gefangenen und wer die Wärter seien», folgerte der Gastautor: Dürrenmatt wäre gegen die Waffeninitiative, die ja ein weiteres unnötiges Gesetz ist, gewesen. Worauf sich viele Leser aufschwangen, Dürrenmatt ins vermeintlich richtige Licht zu rücken: Dürrenmatt habe sich mehrmals kritisch zur Armee geäussert - und hätte sicher für die Waffeninitiative gestimmt.

Meisterschaft im Vereinnahmen

Wäre Dürrenmatt heute für oder gegen einen AKW-Stopp? Wir wissen es nicht. Sicher ist: Die meisten Künstler fürchten sich, für politische Zwecke missbraucht zu werden. Sie wissen, dass eine politische Vereinnahmung der Kunst deren Ende - und wohl auch ihr persönliches Scheitern als Künstler bedeuten würde. Freilich kann sich nur gegen eine Vereinnahmung wehren, wer noch am Leben ist. Ideologisch vereinnahmt werden denn auch vor allem tote Künstler. So ist Puschkin in Russland bis heute Identifikationsfigur und Projektionsfläche für Linke und Rechte. Zur Projektionsfläche wurde auch der Schweizer Schriftsteller Hermann Hesse (1877-1962); in den 60er-Jahren versuchten die Hippies ihre Ideen zur freien Sexualität, Natur- und Drogenerfahrung mit den Schriften des eigenbrötlerischen Schriftstellers in Einklang zu bringen.

Zur wahren Meisterschaft im Vereinnahmen brachten es freilich die Nationalsozialisten. Goethe und vor allem Schiller wurden für ihre Zwecke eingespannt. So wurde nach der Machtübernahme Hitlers, «Wilhelm Tell» als Nationaldrama hochgeschätzt. Denn Tell verkörperte nicht nur den Nationalitätsgedanken, sondern auch die Vorstellung einer Volksgemeinschaft sowie die ideale Führernatur. Auch das Nibelungenlied vereinnahmten sie, einzelne Szenen und Charaktere wurden umgedeutet und für politische Interessen verwendet. Und Richard Wagners Werke dienten bekanntermassen quasi als musikalische Bestätigung für Hitlers völkische Ideologie.

Politische Wirkung von Literatur

Gleich mehrfach vereinnahmt wurde auch Jazz-Legende Louis Armstrong. Zuerst von der weissen amerikanischen Mittelschicht (als Vorzeige-Schwarzer), von der DDR-Regierung (als Vertreter einer unterdrückten US-Minderheit) und zuletzt von einer Erdöl-Firma, die mit dem Lied «What A Wonderful World» einen Werbespot unterlegte.

Grämen können sich die posthum instrumentalisierten Künstler nicht mehr. Vielleicht hätten sie das auch nicht getan - zumindest gemäss Max Frisch ist der Einfluss von Kunst auf die Politik sowieso gering: «Ausser ‹Onkel Toms Hütte› fällt mir kein Werk ein, wo eine direkt-politische Wirkung von Literatur nachgewiesen ist.» Allerdings schrieb der gleiche Autor auch: «Die Poesie sagt nicht, wohin mit dem Atom-Müll - doch was sie liefert, ist ein Bekenntnis zur Trauer, eine Einladung zum Protest.» Aber wir wollen hier niemanden vereinnahmen.

Erstellt: 30.03.2011, 14:26 Uhr

«Spiegel»-Bericht zur «Physiker»-Lesung mit Stuckrad-Barre (zweiter von rechts) in Berlin.

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Gut gebrüllt, Dürrenmatt

Gut gebrüllt, Dürrenmatt Zitate des grossen Schweizer Schriftstellers.

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