Gabs die Lizenz zum Töten?

Die allererste offizielle Geschichte des MI6 liegt vor. Sie gewährt Einblicke in den Auslandsgeheimdienst Ihrer Majestät – unter anderem auch in skurrile Vorfälle.

Agententräume: Die italienische Schauspielerin Luciana Paoluzzi und Sean Connery im Bond-Film «Thunderball», der 1965 erschien.

Agententräume: Die italienische Schauspielerin Luciana Paoluzzi und Sean Connery im Bond-Film «Thunderball», der 1965 erschien. Bild: Keystone

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Das am Dienstag veröffentlichte Buch enthüllt unter anderem, wie darüber beraten wurde, hochrangige Nationalsozialisten gezielt zu ermorden. Aber auch filmreife Operationen werden darin beschrieben – zum Beispiel, wie ein Agent mit einem Smoking unter seinem Taucheranzug vor einem Kasino an Land gesetzt wird. Allerdings wird darin auch deutlich, dass der MI6 trotz seines Glamours eine Regierungsbehörde ist, die ihre bürokratischen Seiten hatte und auch mit anderen Behörden im Clinch lag.

«Die echten James Bonds sind viel interessanter als die erfundenen», sagt Autor Keith Jeffery. Der Historiker an der Queens Universität in Belfast hatte für seine Recherchen Zugang zu bislang geheimen Akten. Allerdings sagt er, habe er einen «faustischen Pakt» eingehen müssen: Er durfte alles lesen, aber der MI6 entschied letztlich, was veröffentlicht wird.

«Echte Schwächen und echter Mut»

Die echten Agenten seien echte Menschen, sagt Jeffery, «sie haben echte Schwächen und echten Mut». So erzählt er in seinem Buch etwa von Wilfred «Biffy» Dunderdale. Er war zwischen den Weltkriegen als russischsprachiger Agent in Paris aktiv und für seine «Schwäche für hübsche Frauen und schnelle Autos und sein Savoir-vivre bekannt», wie der Autor sagt.

Biffys Ähnlichkeit mit Ian Flemings James Bond ist möglicherweise nicht ganz zufällig. Dunderdale und Fleming waren befreundet. In fortgeschrittenem Alter hatte Dunderdale immer wieder behauptet, dass Teile aus Flemings Erzählungen auf seine eigenen Erlebnisse zurückgingen.

Britischer Agent im BH festgenommen

Aber Dunderdales Geschichte ist nicht die einzige Agentenstory, die Jeffery ausgegraben hat. So erzählt er von Dudley Clarke, der 1941 in Madrid verhaftet wurde – mit einem BH bekleidet. Die spanischen Behörden waren sich nicht sicher, ob er nun ein Spion sei oder nur ein normaler Transvestit. Letztendlich glaubten sie ihm wohl die Transvestitengeschichte. Sie liessen ihn wieder frei und Dudley entwickelte sich zu einem Meister der Täuschung.

Nicht weniger filmreif war Pieter Tazelaars Einsatz. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er an der niederländischen Küste direkt vor einem Kasino an Land gesetzt. Unter seinem Spezial-Taucheranzug trug er Abendgarderobe. Um die Tarnung perfekt zu machen, liess er sich noch am Strand mit Cognac besprenkeln.

Lizenz zum Töten nicht erteilt

Das Buch räumt aber auch mit einigen beliebten Mythen über den MI6 auf. So geht daraus hervor, dass die Agenten ihrer Majestät keine Lizenz zum Töten hatten. Einen Q gab es allerdings wirklich – ähnlich jenem Tüftler, der in den James-Bond-Filmen das Technikspielzeug für den Agenten erfindet. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeiteten die Forscher des MI6 an lautlosen Waffen, Werkzeugen zum Knacken von Safes und an explodierenden Aktenschränken, die geheime Dokumente im Handumdrehen vernichten konnten.

Das Buch behandelt allerdings nur den Zeitraum von der Gründung des Dienstes im Jahr 1909 bis 1949. Damit solle verhindert werden, dass aktuelle Operationen oder noch lebende Agenten in Gefahr gebracht würden, sagt der frühere «C», der Codename für den Chef des Dienstes, John Scarlett. Er war es, der das Buch noch im Amt in Auftrag gab.

Weitere Folgen nicht zu erwarten

Eine Fortsetzung ist freilich sehr unwahrscheinlich. «Für den MI6 ist das ein aussergewöhnliches Ereignis», sagt Scarlett, «so etwas gab es noch nie zuvor und es gibt keine Pläne für etwas Ähnliches in der Zukunft.» Das englischsprachige Buch ist in Deutschland unter dem Titel «MI6: The History of the Secret Intelligence Service 1909–1949» oder in der amerikanischen Ausgabe unter dem Titel «The Secret History of MI6» erhältlich. (raa/dapd)

Erstellt: 22.09.2010, 08:18 Uhr

Das Buch

Keith Jeffery: «The Secret History of MI6», 862 Seiten, Penguin Press

Aufwändige Recherchen: Keith Jeffery mit seinem Buch. (Bild: Keystone )

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