Galgenhumor und bitterer Ernst

1940 besetzt die deutsche Wehrmacht die Kanalinsel Jersey. In ihrem Roman «Diese Gezeiten» erzählt Katharina Geiser von Mut und Witz im Kampf gegen die fremden Besatzer.

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In Paris gehörten Lucy Schwob und Suzette Malherbe zur schrillen Szene um den Surrealisten André Breton. Mit ihren fotografischen Selbstinszenierungen provozierten sie den bürgerliche Geschmack. 1937 aber hatten sie beide genug davon. Sie verliessen die Metropole, um auf der Insel Jersey eine beschaulichere Existenz zu führen.

Die Nazis auf Jersey

Mit der deutschen Besetzung findet dieser Traum jedoch ein jähes Ende. Lucy Schwob ist jüdischer Herkunft, also gilt es vorsichtig zu sein. Auch wenn die Deutschen auf Jersey ein eher diskretes Auftreten pflegen, sind ausgemergelte Zwangsarbeiter nicht zu übersehen.

Deshalb beginnen die Frauen, sich mit eigenen Mitteln den Nazis zu widersetzen. Sie kleben und schreiben Flugblätter, um sie auf der Insel diskret aufzulegen. Vor allem die deutschen Soldaten sollten damit verunsichert werden. Doch 1944 fliegt die Aktion auf. Lucy und Suzette werden in Haft genommen und in die politische Abteilung gesteckt.

Der Mut der Menschlichkeit

Katharina Geiser greift in ihrem Roman «Diese Gezeiten» einen staunenswerten Stoff auf und formt daraus eine atmosphärisch höchst stimmige Geschichte. Sie erzählt von persönlichem Mut und von Grenzen, die sich laufend verwischen. Viele Einheimische leisteten damals Widerstand, etliche aber dienten sich den neuen Herren dienstfertig an.

Der Aufenthalt im Gefängnis ist von Entbehrungen geprägt. Lucy und Suzette werden getrennt gehalten, bald aber gemeinsam verurteilt. Im Wortlaut des Gerichts lautet das Verdikt: «Tod durch Erschiessen, und weitere sechs Jahre Zwangsarbeit und sechs Monate Gefängnis».

Jew oder Chew?

Galgenhumor oder bitterer Ernst? Die Frage stellte sich auch für die beiden Betroffenen. Sicherheitshalber fragen sie nach, ob Haft und Zwangsarbeit vor dem Erschiessen abzusitzen seien, oder nachher? Das trifft ihre Stimmung zwischen Hoffen und Bangen.

So wie die beiden Frauen auf ihren Flugblättern mit surrealistischer Verfremdung arbeiteten, so lassen sie auch die sprachlich unsicheren Deutschen ins Leere laufen. Ob ihre Mutter «jew», also Jüdin, gewesen sei, wollte ein Verhörrichter wissen. Lucy antwortet darauf, dass ihre Mutter nie «chew», Kautabak gekaut habe. Sprachwitz entfaltet hier sein subversives Potenzial.

Eine stimmige Geschichte

So wenig alle Einheimischen standhaft waren, so wenig gebärdeten sich die Deutschen allesamt als rigide Besatzer. Vor allem die Wärter im Gefängnis liessen sich zu menschlicher Rücksicht verleiten. Otto beispielsweise, der «nichts sah und nichts hörte». Ja manchmal sogar kleine Dienstleistungen anbot.

Katharina Geiser ist den beiden Freundinnen behutsam gefolgt, um ihre Spuren auf Jersey aufzuspüren und aufzuschreiben. Die Stimme der Erzählerin mischt sich mit den Stimmen Lucy und Suzanne, so dass die narrative Zuordnung verwischt wird. Diese narrative Unschärfe steht indes der Stimmigkeit ihres Romans nicht im Weg.

Die Autorin liest aus ihrem Buch am Dienstag, 17. Januar, 20 Uhr, im Literaturhaus Zürich. (phz/sda)

Erstellt: 17.01.2012, 08:30 Uhr

Katharina Geiser.


Katharina Geiser: Diese Gezeiten. Roman. Jung und Jung.

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