«Geld soll Erkenntnis auslösen»

Der schweizerisch-angolanische Investor Jean-Claude Bastos hat auf dem Monte Verità ein Utopistenfestival mitgegründet, das ab 10. April zum zweiten Mal stattfindet. Ein Gespräch über das Mäzenatentum.

Hier debattieren Denker über Utopien und Dämonen: Das Hotel auf dem Monte Verità bei Ascona.

Hier debattieren Denker über Utopien und Dämonen: Das Hotel auf dem Monte Verità bei Ascona. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Utopisten auf dem Monte Verità waren antibürgerlich und antikapitalistisch. Wieso engagieren Sie sich gerade hier?
Das muss man in einem grösseren Rahmen sehen. Ich interessiere mich sehr für künstliche Intelligenz und bin überzeugt, dass der Mensch zunehmend von Maschinen ersetzt wird, wenn wir nicht jetzt Gegensteuer geben. Doch das aktuell geförderte Denken basiert vor allem auf Wahrscheinlichkeiten und nicht auf Intuition. Das ist das Gegenteil meines Denkens, ich erachte es als gefährlich.

Wieso?
Weil Maschinen uns in Sachen Rationalität überlegen sind. Es ist sinnlos, ihnen nachzueifern. Stattdessen sollte man die kreativen Prozesse stärken, gerade bei den jungen Leuten, die die Welt ohne Internet nicht mehr kennen und zum Beispiel von Amazon Bücher- oder ­Musikempfehlungen entgegennehmen, die von einem Algorithmus stammen. Mit meinem Engagement beim Utopistenkongress will ich Wege abseits der Google- und Facebook-Logik aufzeigen.

Ein ehrgeiziges Vorhaben.
Es geht mir auf dem Monte Verità nicht um eine Revolution. Ich will eine Brücke zwischen Intellektuellen und jungen Leuten bauen. Deshalb richtet sich das Programm auch an beide Gruppen. Neben einer Literaturnobelpreisträgerin tritt zum Beispiel ein Rapper auf.

Nehmen Sie Einfluss auf das Programm?
Nein. Aber wie bei meinen geschäftlichen Investments ist es mir wichtig, dass die Grundausrichtung und die Vision des Festivals stimmen.

Ein Mäzen gibt Geld, ohne eine direkte Gegenleistung zu erhalten. Das ist das Gegenteil vom Beruf des Investors. Warum tun Sie das?
Es ist wohl eine Art Ersatzhandlung. Als Jugendlicher wollte ich Musiker werden. Nichts machte mir mehr Spass als die Musik. Mir schwebte eine Karriere als Bassspieler in einer Band vor, mitsamt der Ungewissheit und Unsicherheit, die ein solches Leben mit sich bringt.

Was passierte dann?
Mein Vater schlug mir vor, ein Zwischenjahr als Musiker einzulegen und danach «etwas Richtiges» zu studieren. Damit meinte er Ingenieurwesen, Medizin, Jura oder Wirtschaft. Ich stimmte zu, mit der heimlichen Absicht, nach ein paar Prüfungen wieder zur Musik zurückzukehren. Aber dann gefiel mir das Wirtschaftsstudium unerwartet gut.

Ist Mäzenatentum nicht auch eine Art Ablasshandel?
Weil man sich des eigenen Reichtums schämt? Das tue ich nicht. Wieso sollte ich mich für mein Talent schämen?

Was ist Ihr Talent?
Es fällt mit leicht, Investitionsmöglichkeiten zu sehen. Wenn ich die Augen schliesse, sehe ich sie glasklar vor mir. Ich habe das Wirtschaftssystem studiert, verstanden und bewege mich darin.

Sind Sie zufrieden mit dem System?
Nein, ich akzeptiere es. Ich glaube aber, dass wir damit gegen die Wand fahren.

Was läuft falsch?
Ein Hauptproblem sind die Mega­firmen. Diese bewegen sich dank ihrer ungeheuren Geldmittel nicht nur auf wirtschaftlicher, sondern auch auf politischer Ebene. Doch durch Grösse gehen Effizienz und Flexibilität verloren, das organische Wachstum wird schwierig. Man kann nur noch durch Zukaufen wachsen. Irgendwann ist man zu fett und stirbt – und zieht andere mit sich in den Tod. Unsere Banken haben inzwischen einen Fitnesstest hinter sich, in anderen Ländern steht der noch bevor. Dasselbe gilt etwa für gewisse Energiefirmen. «Too big to fail», sagt man. Es sollte heissen: «Too big is going to fail». Ab einer gewissen Grösse bräuchte es einen Ideologiewechsel im Management. Weniger Aggressivität, mehr gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein.

Sie verwalten selbst acht Milliarden Franken.
Ich bin mir bewusst, dass es viel ist. Und dass die Macht und Verantwortung, die damit einhergehen, nach ethischen Überlegungen und Integrität sich selbst gegenüber verlangen.

Gibt es so etwas wie eine kritische Grenze beim Umgang mit Geld?
Ja, aber wo diese ist, muss jeder selbst wissen. Meine Grenze ist nicht mehr weit entfernt, weil das Geschäftliche ab einer bestimmten Grösse zunehmend politisch wird und man dann vermehrt Kompromisse eingehen muss.

Könnten Sie einfach so aufhören und etwas anderes machen?
Ja, problemlos. Erfolg ist mir wichtig, aber er muss nicht zwingend mit Geld verbunden sein. Ich könnte mir vorstellen, in der Forschung tätig zu sein.

Man gewöhnt sich nicht ans Geldmachen?
Doch. Aber es hat auch Schattenseiten.

Zum Beispiel?
Man hat keine Zeit mehr, die Dinge selber zu erledigen. Nicht nur im geschäftlichen Bereich, auch im privaten: Mit steigendem Wohlstand wird das Leben angenehmer, aber auch komplizierter. Vor allem, wenn man wie ich in verschiedenen Ländern unterwegs ist. Wer geht einkaufen? Wer heizt? Wer putzt? Für alles muss man Leute anstellen. Das würde ich gern aufgeben.

Bill Gates versucht, Milliardäre dazu zu bringen, 50 Prozent ihres Vermögens an gemeinnützige Stiftungen zu schenken.
Ich habe ein anderes Denken. Es geht mir bei meinen Engagements nicht um materielle pauschale Beiträge, sondern um intelligentes Engagement: «Smart Money», das bei den Leuten im Idealfall einen Erkenntnisprozess oder ein Umdenken auslöst – das erachte ich als partnerschaftlicher und authentischer. Ausserdem faszinieren mich die Entwicklungsphasen eines Projekts, das war schon in der Musik so: Die Jamsession machte mir mehr Spass als der einstudierte Auftritt.

Können Sie sich vorstellen, wieder als Musiker zu leben?
Ja, wieso nicht? Ich hatte mal lange Haare, das könnte wieder kommen. Letzthin kaufte ich einen Kontrabass, vielleicht ist das ein Zeichen.

Erstellt: 02.04.2014, 08:53 Uhr

Jean-Claude Bastos de Morais

Der Financier und das Festival

Der 47-jährige angolanisch-schweizerische Doppelbürger hat den «Primavera Lorcarnese» ins Leben gerufen und unterstützt ihn weiterhin. Bastos ist Unternehmer und Investor. Seine Firma Quantum Global ist auf Vermögensverwaltung und Finanzberatung spezialisiert. Sie verwaltet auch drei Milliarden des angolanischen Staatsfonds. Wie an anderen Mäzenen, die in kurzer Zeit reich geworden sind, wurde an Bastos Kritik laut. Laut «Handelszeitung» etwa beruhe Bastos’ Erfolg in Angola auf seiner Freundschaft mit dem Präsidentensohn. Bastos bestreitet dies.
Der «Primavera Locarnese» findet vom 10. bis 15. April zum zweiten Mal statt. Das Festival soll an die lebensreformerische Tradition des Monte Verità anknüpfen. Diesmal geht es um «Utopien und Dämonen», unter anderem mit Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, den Schriftstellern Péter Nadas, Jonas Lüscher und Verleger Klaus Wagenbach. (phz)

Jean-Claude Bastos will Wege abseits der Google-Logik aufzeigen. (Bild: Anita Baumann)

Artikel zum Thema

Reden, Reden, Reden

Roger Willemsen sass ein Jahr im Deutschen Bundestag. Für Schweizer stellt sein Buch eine lohnende Begegnung mit einem recht anderen politischen System dar. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Mamablog Der verlorene Sohn in der Fankurve

Geldblog Wie Sie Ihre Finanzziele erreichen können

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...