Gequälter Überwinder der elenden Ironie

David Foster Wallace schrieb mit «Infinite Jest» einen Klassiker der Nachkriegsliteratur. Eine lesenswerte Biografie zeigt, wie der amerikanische Schriftsteller zu seinem Meisterwerk getrieben wurde.

Das Kopftuch sollte ihn «vor dem Explodieren schützen»: David Foster Wallace (1962–2008). Foto: Giovanni Giovannetti

Das Kopftuch sollte ihn «vor dem Explodieren schützen»: David Foster Wallace (1962–2008). Foto: Giovanni Giovannetti

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«Ergibt das irgendeinen Sinn?», war Foster Wallace’ häufigste Phrase. Er sagte sie zu sich selber, wenn er während Interviews nachdachte und auf einmal merkte, dass er sich verheddert hatte. «Ergibt das irgendeinen Sinn?», fragte er, der sein ganzes Leben an Depressionen gelitten hatte, mit gepresster Stimme. Er griff sich dabei fahrig ans Kopftuch, das «meinen Schädel vor dem Explodieren schützen soll», wie er mal sagte. Er schien die Frage längst vergessen und sich im Existenziellen verloren zu haben – und das ohne geringste Aussicht auf eine beruhigende Antwort.

Dieser so seltsame, zweifelnde, stets von der Lächerlichkeit bedrohte Wallace schrieb mit «Infinite Jest» einen der scharfsinnigsten und auch witzigsten amerikanischen Romane seit 1945. Wie es dazu kam, erklärt die erste grosse Wallace-Biografie «Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte» (der titelgebende Satz stammt aus einem Wallace-Brief). Daniel T. Max, Journalist beim «New York Magazine», hat dafür alle möglichen Quellen gesichtet – auch die abseitigsten Notizen – und Verwandte, Freunde und Feinde befragt. Dabei bleibt er nüchtern und verfällt nie in den Geniekult eines David Lipsky, dessen vergötternder Essay «A Road Trip with David Foster Wallace» die Rezeption bisher dominiert hat. Umso eindrücklicher zeigt Max, wie sehr Wallace mit seinem Leben rang und wie gekonnt er es literarisch verwandelte.

Rechtschreibung als Religion

Am 12. September 2008 erhängte sich David Foster Wallace im Alter von 46 Jahren. Dabei waren die Startbedingungen nicht nur für eine literarische Karriere, sondern auch für ein sonst wie gelungenes Leben fast perfekt gewesen. Wallace wuchs in einem materiell komfortablen und intellektuell anspruchsvollen Haushalt im Mittleren Westen auf. Der Vater war Philosophiedozent, die Mutter Grammatikerin.

Sie hatte Wallace eine religiöse Ehrfurcht vor der Rechtschreibung eingeflösst. Verstösse dagegen tolerierte Wallace nur, wenn sie poetisch exakt begründet wurden. Mitschüler nervte er mit seiner Pedanterie. «Meine Mutter ist Englischlehrerin, und ich muss dir sagen, dass du das Wort falsch benutzt», mäkelte er. Max zitiert Mitschüler und Lehrer, die von der Kritik des Teenagers richtiggehend eingeschüchtert waren: Mit 16 kannte sich Wallace in der Sprachphilosophie bestens aus, und die wichtigsten postmodernen Romane hatte er ebenfalls gelesen. Daneben interessierte er sich fürs Tennisspiel, das er als erfolgreicher Amateur exzellent beherrschte. Verschiedene Kurzgeschichten und Essays, darunter die beste aller Hymnen auf Roger Federer («Federer as Religious Experience», 2006), sind Ausdruck der lebenslangen Begeisterung.

In Amherst bei Massachusetts, wo er 1983 ein Studium der Philosophie und der Literatur aufnahm, begann Wallace zu schreiben. Seine ersten Erzählungen waren elaborierte Scherze: Eine handelte von einem Politiker, der während des Koitus kleine Feuerchen auf dem Hintern seiner Freundin zu entzünden pflegte. Solche Geschichten erwähnt der Biograf en passant. Dem ersten Wallace-Roman «Broom of the System» räumt Max dagegen viel Platz ein. «Broom» ist ein College-Roman der surrealen Art: Wallace lässt eine Studentin durch wittgensteinsche Parallelwelten trudeln und an der Frage verzweifeln, wie sie bloss die Wirklichkeit erfassen soll. Max zeigt, wie Wallace die paranoide Atmosphäre Thomas Pynchons in seinen Erstling übertrug und wie er sich in den Dialogen auf Don DeLillo bezog. So wie der 25-Jährige früher Lehrer und Mitstudenten beeindruckt hatte, so beeindruckte er nun Kritiker mit Belesenheit und analytischem Scharfsinn.

Literatur mit Überzeugung

«Broom» war letztlich das Werk eines Strebers. Man konnte es bewundern, aber kaum lieben. Wallace, sich selber stets der grösste Kritiker, sah das bald ein; es ärgerte ihn, wollte er sich doch unbedingt von dauerironischen Autoren wie Mark Leyner abheben. Mit seinem nächsten Roman wollte Wallace nichts weniger als den Grundstein einer neuen Literatur setzen. Er erklärte, Literatur müsse «mit Achtung und Überzeugung von schlichten unmodernen menschlichen Problemen und Gefühlen erzählen». Es gehe gerade in finsteren Zeiten darum, «alles, was an Menschlichem und Magischem trotz der Finsternis noch existiert und glimmt, aufzugreifen und zu versuchen, ihm neues Leben einzuhauchen».

1996 löste Wallace sein Versprechen ein. «Infinite Jest» ist ein gewaltiger Brocken Kohle, der noch immer glimmt und glüht. Wallace beschreibt präzis und zugleich empathisch wie kein anderer, wie sehr der Wohlstandsmensch vom Bedürfnis nach Betäubung bestimmt ist. Wie sich Marketingslogans in sein Unterbewusstsein brennen. Wie er verzweifelt nach Liebe sucht, ja nach irgendeinem Sinn. Wallace über 1000-seitiges Epos hat als Hauptdarsteller zwei Alter Egos: den schnöseligen, superklugen, Tennis spielenden Studenten Hal Incandenza und den Junkie Don Gately, der als lädierter Messias die modernen Kaputtheiten auf sich nimmt. Gately ist die sympathischste Figur überhaupt in Wallace’ Werk. Nach «Infinite Jest» folgte eine kurze Phase des Ruhms. «Die Buchpreise sind vergeben, die Konkurrenz vom Platz gefegt», jubelte ein Kritiker. Wundersamerweise gewann Wallace keinen einzigen wichtigen Preis. Aber er verdiente nun rascher Geld als gewohnt, schlief mit ein paar Groupies und trat in mässig populären Talkshows auf.

Dann kehrten die alten Probleme mit Wucht zurück. Max’ Biografie ist auch eine Krankengeschichte, und diese wird auch für den Leser gegen Ende hin immer quälender. Bereits als Teenager litt Wallace an Depressionen (seine Mutter nannte es «sein schwarzes Loch mit Zähnen»), als Gymnasiast gewann er das Marihuana gefährlich lieb, und als Student wurde er alkoholsüchtig.

Vieles ist jetzt verständlich

Rasch zerbrachen deswegen die Liebesbeziehungen, immer wieder musste Wallace die Arbeit für Monate aussetzen. Es waren weniger befreundete Kollegen wie DeLillo oder Jonathan Franzen als mehr die primitiven Routinen der Selbsthilfegruppen, die ihm über Abstürze und Paralysen hinweghalfen. Dennoch gelang es ihm nicht, seinen dritten Roman «The Pale King» abzu­schliessen, der noch grösser angelegt war als «Infinite Jest» und in der amerikanischen Steuerbehörde spielt. Die grossartigen Essays, die er in dieser Zeit schrieb, waren für ihn bloss Ablenkungen, Selbsttröstungen und Fingerübungen. Das Manuskript von «The Pale King» wurde 2011 dennoch veröffentlicht; drei Jahre nachdem sich Wallace nach ­einem missglückten Medikamentenentzug umgebracht hatte.

Es ist D. T. Max’ Verdienst, als Erster die Wechselwirkungen zwischen Wallace’ Leben und Werk freigelegt zu haben. Einleuchtend erscheint nun die Entwicklung vom versnobten Postmodernisten zum Propheten des Einfachen und Menschlichen. Nachvollziehbar sind jetzt die Sprünge zwischen Kürzestgeschichten, Essays und langjähriger, verbissener Romanarbeit. Und verständlich wird endlich, wie aussergewöhnlich die Voraussetzungen und Bedingungen sein mussten, damit «Infinite Jest» zustande kommen konnte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2014, 18:47 Uhr

D. T. Max: Jede Liebesgeschichte ist ­ eine Geistergeschichte. Aus dem Amerikanischen von Eva Kemper. Kiwi, Köln 2104. 12 S., ca. 38 Fr.

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