Geweint und geknutscht

Vor zwei Jahren starb der Theaterregisseur Christoph Schlingensief. Mit dem schönen Memoirenband «Ich weiss, ich war’s» ist er noch einmal ganz bei uns.

Das ganze schlingensiefsche Leben als Episodenfilm: Der verstorbene Regisseur mit seiner Frau Aino Laberenz.

Das ganze schlingensiefsche Leben als Episodenfilm: Der verstorbene Regisseur mit seiner Frau Aino Laberenz. Bild: Keystone

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Das einzig Schlimme an Christoph Schlingensief ist, dass er nicht mehr ist. Dass er vor zwei Jahren zum Gehen gezwungen wurde. Dass er seinen Krebs nicht überlebt hat, wie er das noch 2009 in seinem vorletzten Memoirenband «So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!» gehofft hatte. Jetzt hat seine Witwe und Nachlassverwalterin Aino Laberenz den wohl letzten Band herausgegeben, in dem Christoph Schlingensief selbst zu uns spricht.

Sie hat das gut gemacht, hat seine eigenen Tonaufnahmen, die in seinem 49. und bereits letzten Lebensjahr entstanden sind, angereichert durch ältere Dokumente, viele Bilder, Texte des jüngeren und ganz jungen Schlingensief. Sie hat so eine Materialsammlung kuratiert, die mit dem sentimentalstmöglichen Ereignis dieses letzten Jahres beginnt, mit der Hochzeit nämlich. «Man sieht das ja immer in Filmen oder in Fernsehshows», sagt da ihr Mann, der sich selbst schon einmal eine «Kitschnudelfabrik im Kopf» zuschrieb, «dann denkt man, ja, ja, gähn, da kommt die Braut im Brautkleid, und alle sind aus dem Häuschen und weinen und so. Aber als Aino auf mich zukam, war das ein Bild, was ich für immer im Kopf haben werde. Aino sah aus, als wäre sie ein Wesen gewesen, in dem Raum und Zeit plötzlich eins geworden sind. Wunderwunderschön.»

Die Textfragmente gleiten dann – ein bisschen nervig – zurück in die katholisch-mythische Sinnsuche, die Verschmelzung von Christoph und Christus, die sich durch «So schön wie hier» mäanderte. Aber dann, dann kommts, nämlich das ganze schlingensiefsche Leben als Episodenfilm. Komisch, kitschig, kritisch mit gelegentlichen Ausrastern ins Kriegerische, wie wir das von Schlingensief gekannt haben.

Der merkwürdige Sohn

Eine lineare Dramaturgie darf man da nicht erwarten, die Erinnerungen ergeben sich ganz assoziativ, Werk und Leben, die Jugend und das nahende Ende, Selbstüberhöhung und Selbstekel, Analogie und Analyse, Anziehungs- und Fliehkraft, alles fliesst zusammen zu diesem Wesen aus Genie, Charme und totalem Wahnsinn, das sich Christoph Schlingensief nannte. Und das im Kern bis zuletzt ein Kind blieb.

Neugierig, bei aller spielerischen Provokation immer um eine möglichst absolute Zuneigung buhlend, der Sohn, der ein Leben lang Angst hat, dass ihn seine armen überforderten ApothekersEltern aus Oberhausen angesichts seiner Arbeiten nicht mehr lieben und verstehen könnten. «Die sassen da die ganzen Jahre in Oberhausen rum und bekamen eigentlich nur mit, dass ihr Sohn merkwürdige Sachen macht. All die Söhne ihrer Bekannten, Freunde und Nachbarn waren etwas geworden – nur ihr Christoph turnt da rum, macht Kettensägenfilme, veranstaltet Blutexzesse auf der Bühne und gründet eine Partei im Zirkuszelt.»

Solange der Vater am Leben war, sondierte dieser die Sohneskunst erst vor, dann setzte er sie, soweit es ging, in einer zensurierten Fassung der Mutter vor und spulte zum Beispiel Christophs Filme vor «zu den Landschaftsaufnahmen, sodass meine Mutter irgendwann dachte, ich sei Dokumentarfilmer». Filmer, so erfahren wir, war Schlingensiefs erster und dringendster Berufswunsch. Das Theater hat ihn nicht interessiert. Dass er zum Theater fand, das war genauso ein Zufall wie der Weg zur Wagner-Oper. Das waren die Ideen anderer, die die Bühnentauglichkeit seiner wilden künstlichen Film- und Aktionswelten erkannten.

Später hat er seinen ersten Berufswunsch natürlich mit unglaublichen Theorien und seiner Liebe zu Fassbinder gerechtfertigt, aber als Schüler, der in seiner Freizeit gerne Krimis drehte und von einer Zukunft beim «Tatort» träumte, da hatte der Schlingel vor allem eins im Sinn: von Produktionsfirmen bezahlte Reisespesen. «Dies ist besonders reizvoll, wenn man eine Serie dreht, die meinetwegen in der Gegend von Amerika oder sonst irgendwo spielt», schrieb er als 15-Jähriger.

Hellsichtig, wie er war, erkannte er damals schon: «Ich muss aber selbst zugeben, dass ich Kritik nicht sehr gut ertragen kann.» Nein, konnte er nicht. Austeilen ja, einstecken nein. Und am liebsten war ihm sowieso, wenn ihn jene, denen er zuvor an den Karren gefahren war, väterlich in die Arme schlossen. Wie Wolfgang Wagner in Bayreuth, der ihn nach vollendeter Arbeit am «Parsifal» 2004 mit den Worten «Gell, das war schon toll! Das war eine tolle Sache mit uns. Wir waren doch immer Freunde, nicht wahr?» verabschiedete. «Und da habe ich ‹Ja, Herr Wagner› gemurmelt und musste fast heulen. Wir haben uns sogar kurz in den Arm genommen.»

«Wow, was ist denn das?»

Überhaupt: Wie oft flossen dem Mann in seinem Leben die Augen über! Am meisten, als er, der grosse Gefühlsdampfkochtopf und Daherfabulierer, auf seine grosse schottische Liebe stiess. Nachdem sein Film «Menu Total» 1986 auf der Berlinale lief, betrat eine blasse Rothaarige die Berlinale-Cafeteria: Tilda Swinton. «Ich seh die und denke: Klingeling, wow, was ist denn das? Bei ihr hats auch geklingelt, und dann sind wir händchenhaltend durch dieses Eis von Berlin gelaufen, es war noch richtig Winter, bitterkalt. Ich konnte kaum Englisch, sie konnte kein Wort Deutsch, aber das machte nichts, wir haben sowieso nur geweint und geknutscht, immer abwechselnd.»

Es muss schon damals wahnsinnig anstrengend gewesen sein mit Christoph Schlingensief, er war in allem, was er machte, eine Intensitätsschleuder sondergleichen, in der Arbeit, in der Liebe, im Exzess, im Willen, Menschen, die er auch nur halbwegs mochte, seine oft schier unzugänglichen Ideen so lange einzubläuen, bis er sich verstanden fühlte. Und wehe, die Kritik, die darauf folgte, war dann doch einmal schlecht, etwa im Fall der Premiere von «Attabambi Pornoland» 2004 in Zürich. Dann kam um drei Uhr früh eine SMS mit den Worten: «Bin enttäuscht und weine.»

Immer auch ein Macker

Mit «Ich weiss, ich war’s» gelingen ihm nachträglich ein paar Vermittlungsakte, die er im Leben nicht wirklich geschafft hat, etwa die Klärung, was er wirklich wollte mit seinem Operndorf in Afrika und dass es sich dabei nicht um eine komische neokolonialistische Angelegenheit im Geiste Wagners handelt, sondern vor allem um den Aufbau funktionierender Schulen für Kinder mit einem kleinen, lokal verankerten, kreativen Schwerpunkt. Und wie das funktionierte mit den behinderten Schauspielern, die ihn jahrelang begleiteten und die ihm so oft als Freakshow angekreidet wurden.

Kann sein, dass er ein paar Mal zu lieb zu sich selbst ist, seinen Weg zu possierlich erzählt. Und natürlich gibt es Lücken auf diesem Weg, natürlich kommen ein paar wichtige Menschen nicht vor, werden Männer in Sachen Wichtigkeit klar bevorzugt, denn bei aller Liebessucht war Christoph Schlingensief eben doch immer auch ein Macker. Aber es blieb ihm eben einfach für alles viel zu wenig Zeit. Zum Leben, zum Lieben, zum Arbeiten. Und auch zum Reden.

Zum Glück, muss man jetzt sagen, hat er immer ungefähr zehnmal so schnell geredet wie jeder normale Mensch. Und zum Glück konnte er in seinem letzten Jahr wenigstens noch all das loswerden, was zu diesem Buch geführt hat. Und zum Glück hat Aino Laberenz den Schmerz nicht gescheut, diese Erinnerungscollage zusammenzustellen. Wer sie liest, wird sehr vergnügt sein. Und selbstverständlich auch weinen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.10.2012, 08:43 Uhr

Schlingensief, Christoph, «Ich weiss, ich war's», Kiepenheuer & Witsch, 291 Seiten, ISBN 978-3-462-04242-9, CHF 29.90.

Ich weiss, ich war's

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