«Ghadhafi ist gefangen in seinem Wahnsinn»

Der libysche Schriftsteller Hisham Matar will keine Rache, sondern eine Perspektive für seine Heimat. Diese hat ihre nationale Identität wieder entdeckt.

«Es geht für die Libyer nun um Tod oder Sieg»: Hisham Matar über die Lage in seinem Heimatland.

«Es geht für die Libyer nun um Tod oder Sieg»: Hisham Matar über die Lage in seinem Heimatland. Bild: Keystone

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Wenn Sie morgens den Radio einschalten und die Nachrichten aus Libyen hören: Was fühlen Sie da?
Wenn ich Muammar al-Ghadhafi reden höre, dann überkommt mich nur noch eine Art müde Melancholie. Es ist beängstigend, wie jemand mit so viel Macht so sehr die Orientierung verlieren kann. Und ich mache mir Sorgen, wie viele Menschen er noch umbringen wird. Gleichzeitig ist es eine Zeit voller Hoffnung: Ich fühle eine geradezu physische Veränderung, die mit dem Ende der Diktatur einhergeht.

Was hat sich für Sie verändert?
Wie viele Libyer habe ich mich in meinem Alltag ständig bedroht gefühlt. Nach jedem Interview und jedem Artikel, in dem ich das Regime kritisiert hatte, riefen mich Freunde und Familienmitglieder an und fragten mich, ob ich so etwas wirklich tun müsse. Diese Nervosität ist nun vorbei.

Wie viel Kontakt haben Sie derzeit mit Libyen?
Ich bin mit den Menschen dort ständig in Verbindung. Vor ein paar Tagen gab es schwere Kämpfe in Ajdabiya, wo mein Vater herkommt. Ich wollte hören, wie es meinen Verwandten geht, aber auch, was dort genau passiert ist. Die Rebellen haben verhindert, dass Ghadhafis Truppen die benachbarte Stadt Brega, wo sich ein grosses Ölfeld befindet, einnehmen.

Wir schaffen die Rebellen das – ohne wirkliches Training?
Es liegt am Mut der Aufständischen, aber auch am Mangel an Engagement auf der Gegenseite. Angeblich soll Ghadhafi die Familien seiner Offiziere als Geiseln genommen haben, damit diese nicht abtrünnig werden. Und so gibt es Berichte von Flugzeugen, die sehr nahe an die Städte heranfliegen, um am Rande der Stadt ihre Bomben abzuwerfen . . .

Sie werfen ihre Bomben absichtlich daneben ab?
Genau.

Was haben Sie sonst für einen Eindruck von der Stimmung dort?
Nach der Art und Schwere der Gewalt, die das Regime den Menschen zugemutet hat, geht es für die Libyer nun um Tod oder Sieg. Interessant ist, wie die jungen Demonstranten die alten Mythen aus der Zeit der Invasion Mussolinis wieder hervorholen: Als der italienische General Rodolfo Graziani dem Anführer des libyschen Widerstandes anbot zu kapitulieren, sagte dieser: «Entweder gewinnen wir, oder wir sterben.» Das sagen jetzt die jungen Leute, wenn sie Ghadhafis Truppen gegenüberstehen.

In den Medien ist eher die Rede von einer «neuen» Revolution in Libyen.
Es gab eine Zeit, da hat man sich gefragt, ob Leute wie mein Vater, die entführt und nie mehr gefunden wurden, ihr Leben umsonst geopfert haben. Heute sieht man, dass sie die Fundamente für die heutige Revolution gelegt haben. Es gibt eine echte, fühlbare Verbindung zwischen damals und heute, etwa wenn man sieht, wie Demonstranten Fotos hochhalten von Menschen, die gefoltert wurden. Diese Bilder geben dem Wahnsinn der vergangenen 42 Jahre einen Sinn.

Wie unterscheidet sich die Revolution in Libyen von den Aufständen in Tunesien oder Ägypten?
Zum einen in dem Ausmass der Gewalt, die vom Regime verübt wird. Ich sehe aber auch, wie die Rebellen ihre Revolutionskomitees aufgestellt haben und mit einer wunderbaren Verpflichtung zur Vernunft auf die Gewalt reagieren. Sie wollen alles ganz richtig machen: nicht nur als Gegengewicht zum Wahnsinn des Regimes, sondern auch, weil sie eine geradezu existenzielle Freude daran finden, solche Komitees sehr geregelt abzuhalten.

Ist das spezifisch libysch?
Ich habe schon immer Mässigung mit Libyen in Verbindung gebracht. Die Libyer vergeben schnell. Es gibt auch in diesen Zeiten viele Stimmen, die sagen, dass Rache sinnlos ist.

Wie würden Sie den libyschen Charakter sonst beschreiben?
Wenn Sie von dem nationalen Charakter sprechen, dann sind die Libyer gerade beim Thema Leiden Meister im Understatement. Sie übertreiben gerne bei den kleinsten Dingen, etwa wenn sie von einem tollen Essen erzählen; aber sie sind misstrauisch jenen gegenüber, die sich zu sehr beklagen. Genau das hat ihr Leben aber schwer gemacht. Jetzt zweifelt keiner mehr daran, wie schrecklich das Regime war, aber vor ein paar Jahren war das nicht unbedingt so.

Viele Libyer wurden geboren, als Ghadhafi schon an der Macht war.
Das ganze Leben dieser jungen Menschen ist von der Diktatur geprägt – und genau deshalb wollen sie etwas ändern. Eine Revolution braucht die Jungen; sie braucht den Leichtsinn, die Energie, den Optimismus und die Träumereien der jungen Leute. Man braucht jugendliche Verrücktheit, um sich den Kugeln entgegenzustellen.

Welche Rolle spielt denn Ghadhafi in Ihrem Leben?
Als sie meinen Vater gefangen genommen haben, war ich wütend und voller Hass. Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass solche Emotionen nichts bringen. Heute empfinde ich zu meiner eigenen Überraschung Mitleid für Ghadhafi – kein überhebliches oder hartes Mitleid, sondern ein eher sanftes Mitleid, denn heute glaube ich, dass er selbst Opfer seiner Taten ist. Ghadhafi ist ein gefährlicher, wahnsinniger Idiot, aber wie Shakespeares Richard III. ist er gefangen in seinem Wahnsinn. So ein Mensch zu sein, muss die Hölle sein.

Die Libyer mussten unter Ghadhafi nicht hungern.
Brot ist nichts gegen Würde! In einer Diktatur wird man ständig erniedrigt. Jedes politische Projekt in einem afrikanischen oder arabischen Land muss die sehr einfache, aber gleichzeitig komplizierte Tatsache berücksichtigen, dass Afrikaner und Araber sehr stolze Menschen sind.

Schaffen es die Libyer alleine, ihre Würde zurückzuholen?
Die Libyer haben durch die Ereignisse der letzten Tage ihre nationale Identität wieder entdeckt. Nicht zu wissen, was im Leben als Nächstes passieren wird, ist für mich ein natürlicher und gesunder Zustand – gerade für ein Land wie Libyen, wo man immer genau wusste, was passieren würde; was man essen und wann man schlafen sollte; was man zu lesen, zu denken und zu sagen hatte. Die Ungewissheit ist eine Chance für das Land, reifer zu werden. Die Libyer müssen nun selbst entscheiden, wie es weitergehen wird. Was den Westen betrifft, so kenne ich niemanden in Libyen, der möchte, dass Amerika Ghadhafi bombardiert. Sie wollen es nicht, weil es ihnen die Revolution rauben würde.

Nun leben Sie in Grossbritannien, dem Land, dessen früherer Premier Tony Blair Ghadhafi aus dem Paria-Dasein holte . . .
Das war für mich schlimm. Der Westen gab Ghadhafi die Akzeptanz und Legitimität, die er brauchte, um seinem Volk noch mehr Leid anzutun. Der Westen machte ihn stärker, auch wenn man behauptet hat, sich mit ihm nur eingelassen zu haben, um die Reform auf den Weg zu bringen.

Wie sehen Sie die Zukunft Libyens?
Ich bin kein abenteuerlicher Optimist, aber ich glaube nicht, dass die Diktatur die derzeitigen Ereignisse überdauern wird. Sie wird aber einen langen und traumatischen Schatten auf die libysche Psyche werfen. Wir werden zweifellos lange brauchen, um herauszufinden, wie es dazu kommen konnte. Denn auch wenn Ghadhafi ein Psychopath ist: Er ist immer noch Libyer.

Kann Libyen bei der Verarbeitung seiner Geschichte – und der heutigen Gewalt – von anderen Ländern lernen? Ich denke da vor allem an die Wahrheitskommission in Südafrika.
Ich habe grossen Respekt für die Erfahrungen der Südafrikaner oder der Deutschen. Obwohl man Ghadhafi nicht mit Hitler vergleichen kann, ist der Vergleich hilfreich in der Hinsicht, dass auch die Libyer unter einer Art nationaler Psychose zu leiden hatten – und nun einen Weg finden müssen, sich davon zu erholen. Ich möchte Gerechtigkeit, aber auch eine Zukunft für Libyen, in der die Menschen in einer Atmosphäre der Chancen und Möglichkeiten und nicht der Rache leben können.

Glauben Sie, dass Sie Ihren Vater wiedersehen werden?
Ich weiss es wirklich nicht. Wenn die Revolution abgeschlossen ist, werde ich hoffentlich zurückkehren können, um ihn zu suchen.

Erstellt: 08.03.2011, 08:08 Uhr

Hisham Matar.

Der Autor

Hisham Matar

Der 40-Jährige lebt in London. Am 4. März beschrieb er im TA die Verhaftung seines Vaters, eines bekannten Dissidenten, von dem nicht bekannt ist, ob er noch lebt.

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