Filmkritik

Glausers Leben als Fiebertraum

«Münsingen links» kannte er von innen – und mit Wachtmeister Studer erschuf er eine Krimi-Ikone. Der Film «Glauser» widmet sich der Biografe des Schriftstellers auf intime und ästhetische Weise.

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Münsingen 1934: Das Berner Psychiatriezentrum bei Nacht, Schreie, lautes Klagen. Und dann aus dem Off die Stimme, die während der nächsten 75 Minuten für den Zuschauer zur Stimme des Schriftstellers Friedrich Glauser wird: Er lässt, vielleicht von der Liege aus, seine Kindheit Revue passieren, in der nach dem Tod der geliebten Mutter der strenge Vater das Ruder übernahm, er entwirft Zukunftspläne und reflektiert Seelenzustände. «Sie sind der Erste, dem ich das erzähle», sagt er vertraulich, vielleicht zum Psychiater, vielleicht zum Zuschauer.

Christoph Kühns Dokumentarfilm über den Schweizer Schriftsteller ist ein fiebriges, assoziatives Mosaik aus Schriftdokumenten Glausers, Fotos, zeitgenössischen Aufnahmen von ehemaligen Aufenthaltsorten, fiktiven Kindheitsszenen, Interviewpassagen von Weggefährten und Sachverständigen. Damit verwoben sind Bilder des Glauser-kundigen Zürcher Zeichners Hannes Binder, der bereits mehrere Kriminalromane des Schriftstellers illustriert hat: Albtraumhafte, mehr schwarze als weisse Bilder sind es, die die Stimmungen des Protagonisten repräsentieren.

Mehr als «Glauser national»

Der Film will das «bewegte Leben des grossen Schriftstellers» darlegen und tut es: Der Bub Glauser kommt zum Zug, der Dadaist, der Fremdenlegionär, der fehldiagnostizierte Psychiatriepatient, der Süchtige, der brillante Schriftsteller, der Reisende zwischen Psychiatrien, dem In- und Ausland. Der Rastlose fand schliesslich 1938, mit 42 Jahren, durch einen Infarkt den Tod. Dass der Film nicht das Schweizer Kulturgut Glauser zeigt, den Herzschrittmacher des Schweizer Kriminalromans, sondern alle seine Facetten, einen sehr privaten, intimen Glauser, ist verdienstvoll. Eine solche Intimität liesse sich sonst wahrscheinlich nur in stundenlanger Recherchierarbeit im Schweizer Literaturarchiv, wo Glausers Nachlass verwaltet wird, herstellen. (Der Bund)

Erstellt: 05.01.2012, 15:17 Uhr

Video (Quelle: Youtube)

Ein Einblick: Der Trailer zum Film.

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Filmpremiere

Heute, 20.30 Uhr, im Berner Kino Kunstmuseum unter Anwesenheit des Regisseurs Christoph Kühn. Zugleich startet im Kino Kunstmuseum die Glauser-Reihe mit «Matto regiert», «Wachtmeister Studer» und «Der Chinese».

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