«Glückliche Menschen sind resistenter»

Die 77-jährige Erfolgsautorin Donna Leon beschäftigt sich als Botschafterin einer grossen europäischen Studie mit dem Altern – und hat dafür ein gutes Rezept.

Donna Leon: «Den Leuten wird nicht ewige Jugend ­versprochen und auch nicht das ewige Leben.» Foto: Andrea Zahler

Donna Leon: «Den Leuten wird nicht ewige Jugend ­versprochen und auch nicht das ewige Leben.» Foto: Andrea Zahler

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Sie sind Botschafterin für eine Altersstudie. Wie kamen Sie dazu?
Ich bin Patientin bei Heike Bischoff-Ferrari. Die Schweizer Geriatrieprofessorin hat einen guten Ruf über ihr Fachgebiet hinaus. Ich hatte von verschiedenen Leuten gehört, dass sie eine Ärztin ist, die einem zuhört.

Erlauben Sie die Frage, welches gesundheitliche Problem Sie hatten?
Ein Arzt diagnostizierte Osteoporose bei mir und sagte, ich müsse mir regelmässig ein Medikament spritzen lassen. Das wollte ich nicht. Beziehungsweise erst, wenn es mir ein Arzt empfehlen würde, dem ich vertraue. Es ist ein sehr starkes Medikament. Ich wusste von Freundinnen, die es nehmen, dass man sich nach der Injektion zwanzig Minuten lang nicht bewegen darf.

Und das können Sie nicht?
Nur wenn es wirklich nötig ist. Ich traute dem Medikament nicht. Also ging ich zu Frau Bischoff, um den Goldstandard einer medizinischen Beratung zu erhalten. Als wir anfingen zu sprechen, fasste ich sofort Vertrauen. Sie sagte, meine Werte seien an der Grenze, und sie glaube, wir könnten es auch ohne die Spritzen hinbekommen. Mit einer gewissen Diät und einem täglichen leichten Kraftprogramm. Und sie hatte recht! Die Knochendichte ist wieder gestiegen.

Worauf achten Sie bei der Ernährung?
Ganz grundsätzlich ist für mich eine Mahlzeit nicht einfach Nahrungsaufnahme, sondern ein Akt von Freundschaft. Wie in Italien. Du sitzt, isst einen Teller Pasta und etwas Gemüse, danach gibts eine Süssigkeit oder Frucht. Du unterhältst dich mit Menschen, die du magst, trinkst ein Glas Wein, entspannst dich. Das alles gibt dir Nahrung, nicht nur das Essen. Und was die Osteoporose betrifft: Dagegen hilft calcium- und proteinreiche Kost.

Sie wirken in der Tat kräftig.
Ich habe Glück, ich bin immer gesund gewesen, war nie im Spital.

Haben Sie gute Gene, oder worauf führen Sie das zurück?
Ich habe eine gute physische Konstitution. Ich bin ein fröhlicher Mensch. Ich bringe gern Leute zum Lachen, und ich lache selber gern. Ich denke, das habe ich von meinen Eltern geerbt. Beide waren so. Ich bin das Kind von glücklichen Menschen. Und ich habe einen glücklichen Bruder. Wir hatten viel Spass. Zum Beispiel wenn meine Mutter zu Halloween den Hund verkleidete. Wir hatten einander gern. Über die Krankheit Depression heisst es, dass sie massgeblich genetisch bedingt sei. Weshalb sollte dasselbe nicht fürs Glücklichsein gelten? Wir haben in unserer Familie auch viel diskutiert, meine Eltern waren sehr belesen, obwohl sie keine akademische Bildung hatten. Sie konnten sich gut ausdrücken, mit der Sprache spielen.

Kommt daher Ihr Gefühl für Sprache?
Sprache fasziniert mich – mehr als Bilder oder Skulpturen. Sprache und Musik sind meine zwei Leidenschaften.

Was denken Sie: Hilft Musik auch, gesund zu bleiben?
Ja, weil Glücklichsein hilft. Ich denke, glückliche Menschen sind resistenter gegen mentale wie auch gegen körperliche Krankheiten. Es muss nicht unbedingt Leidenschaft sein, aber Enthusiasmus für etwas, das einen von der ­Beschäftigung mit sich selber ablenkt. Das kann ein Hund sein oder irgend­etwas, das einem Freude bereitet.

Zurück zur Anfangsfrage: Wie sind Sie zu Ihrer Rolle gekommen als Botschafterin für eine Studie, die den Menschen aufzeigen will, wie sie auch im Alter gesund bleiben können?
Ich mochte Frau Bischoff. Sie forscht nicht für Ehre oder für Geld, sondern sie will den Menschen helfen. Sie erzählte mir von ihrer grossen Altersstudie und ihrem Programm. Mir gefiel der Ansatz. Den Leuten wird nicht ewige Jugend ­versprochen und auch nicht das ewige Leben. Sondern es ist wie beim guten alten Familiendoktor, der sagt: Wenn Sie aufhören, dies zu tun, und anfangen, das und das zu tun, dann werden Sie vielleicht gesünder sein, wenn Sie ins Alter kommen. Sie werden weniger umfallen und sich etwas brechen.

Was ist Ihre Aufgabe als Botschafterin?
Frau Bischoff suchte eine Patin für das Programm. Jemanden mit einer gewissen Bekanntheit, eine zivilisierte Person mit Verstand, welche ihre Botschaft kommunizieren kann. Ich sagte, gut, lass mich das machen. Ich liebe es, medizinische Artikel zu lesen oder Bücher über die Geschichte der Medizin. Ich finde es faszinierend, wie sich die Medizin über die Zeit verändert hat. Vor 150 Jahren steckte ein Arzt seine Hände in den Körper einer kranken Person, und dann entband er eine Frau – ohne sich dazwischen die Hände gewaschen zu haben. Die Frau musste sterben, weil noch niemand etwas von Keimen wusste. Heute tragen wir kleine Flaschen mit Händedesinfektionsmittel zum persönlichen Gebrauch mit uns herum. Das ist eine fundamentale Entwicklung.

«In Venedig lief ich sehr viel zu Fuss, um irgendwohin zu gelangen, zwei oder drei Stunden täglich ­waren normal.»

Die Altersstudie zielt darauf, dass die Menschen selber etwas dazu beitragen, gesund zu bleiben.
Ja, indem man sich gut ernährt, Übungen macht, sich bewegt. Jeder und jede kann mitmachen bei dem Programm. Und es wird nicht mit dem Zeigefinger gedroht, sondern mit statistischen wissenschaftlichen Erkenntnissen argumentiert. Ich habe meine Gewohnheiten auch schon geändert.

Inwiefern?
Ich nehme Vitamin D und Omega 3, ­lasse mich regelmässig checken und tue mehr für meine Fitness.

Was machen Sie?
Ich lebte ja viele Jahre in Venedig. Dort lief ich sehr viel zu Fuss, um irgend­wohin zu gelangen, zwei oder drei Stunden täglich waren normal. Jetzt, wo ich im Münstertal lebe, gehe ich ­jeden Tag wandern. In Venedig gings immer geradeaus, im Val Müstair rauf und runter.

Venedig steht derzeitunter Wasser. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Bilder sahen?
Ich habe viele Hochwasser gesehen, aber noch nie ein derart grosses. Ich fiel fast um, als ich im «Gazzettino» davon las – ich lese diese Regionalzeitung ­jeden Tag. Und jetzt sagt die Stadt­regierung, das sei wegen des Klima­wandels. ­Dieselben Leute sagten noch vor drei Monaten, Greta Thunberg sei eine kranke, verwirrte Person. Ich bin die Erste, die den Klimawandel verantwortlich sieht für viele Probleme, die wir haben. Dieses Hochwasser gehört aber nicht dazu.

Nicht?
Die Ursache liegt in dem 6-Milliarden-Projekt Mose, einer riesigen Barrierenanlage, welche die Stadt künftig vor Hochwasser schützen soll. Dafür wurde die Lagune massiv ausgebaggert – sodass jetzt mehr Wasser noch schneller in die Stadt fliessen konnte. Was ebenfalls skandalös ist: Für das Megaprojekt gab es keine Ausschreibung.

Sie wohnen nicht mehr in Venedig – wegen Missständen wie diesen?
Das ist nicht der Grund. Ich ging wegen der Menschenmassen, den vielen ­Touristen. Ich mag Menschen, aber nicht 30 Millionen.

Sie leben heute im Münstertal, sind aber auch häufig in Zürich.
Ich habe in Zürich eine Freundin, bei der ich jeweils wohne. Ich habe viele Freunde in der Stadt, gehe oft in die Oper – auch dieses Wochenende wieder, da will ich «Belshazzar» von Händel sehen. Ich reise viel, um Konzerte zu hören. ­Gerade diese Woche war ich deswegen in New York.

Das Münstertal bietet da weniger.
Dafür gibt es anderes. Natur.

Wie haben Sie diesen Ort für sich gefunden?
Ich sah ein Inserat in der Zeitung: Ein altes Haus stand zum Verkauf. ­Weshalb nicht?, dachte ich. Und ich stellte dann auch einen Antrag auf ­Ein­bürgerung.

Sie wollen Schweizerin werden?Weshalb?
Ich realisiere – besonders wenn ich wie jetzt aus den USA zurückkomme –, dass ich Europäerin bin. Mein Denken ist viel mehr europäisch als amerikanisch. Es war sehr schön, hierher heimzukehren.

Haben Sie den roten Pass schon bekommen?
Noch nicht. Es ist ein langer Prozess, und das ist auch richtig so. Ich weiss nicht genau, wo das Verfahren steht. Jedenfalls habe ich den Sprachtest bestanden – in Italienisch.

Wo fühlen Sie sich daheim?
Wenn ich das gefragt werde, zögere ich immer. Denn ich habe keine Antwort. Ich lebe in Zürich, ich lebe in Santa Maria. Und ich bin öfters in Venedig. Ich habe Freunde dort, die ich seit 50 Jahren kenne. Die Mutter einer Freundin ist jetzt 95, sie ist meine zweite Mutter, ich kann sie nicht im Stich lassen. Für mich ist es gut so.

Das Schreiben hält Sie ebenfalls in Bewegung. Sie bringen jedes Jahr einen neuen Brunetti-Krimi heraus, sind also immer dran.
Fast immer. Ich schreibe an vielen Tagen, und zwar meist morgens. So bleibe ich im Kopf fit. Deshalb ist auch das Orchester, das ich fördere, so wundervoll. Es heisst Il pomo d’oro. Alles junge Leute. Ich bin häufig mit ihnen unterwegs, bin dann umgeben von 25 Menschen, die 50 Jahre jünger sind als ich. Das tut extrem gut. Sie denken anders. Ich babysitte die Kinder und bin sogar die Patin eines der Kinder. Ich respektiere die Musikerinnen und Musiker sehr, denn sie haben ein Leben gewählt, bei dem sie nie reich werden und nie Konstanz haben werden.

Hatten Sie selber nie den Wunsch, ein Instrument zu spielen?
Nein. Ich wurde wiederholt gefragt, ob ich nicht einmal ein Opern libretto schreiben wolle. Ich sagte immer Nein. Denn ich weiss, was ich kann, worin ich gut bin. Ich bin gut in einem sehr kleinen Ding, einem kleinen Spaghetti. ­Bitten Sie mich also nicht, ein Theaterstück zu schreiben oder ein Drehbuch – ich kann es nicht. So wie ich auch keinen Tisch schreinern kann.

Erstellt: 15.11.2019, 19:29 Uhr

Krimiautorin und Botschafterin für gesundes Altern

Donna Leon (77) ist bekannt geworden durch ihre Krimis, die in Venedig spielen. Ab 1981 war die US-Amerikanerin dort wohnhaft, seit 1992 ist jedes Jahr ein Roman erschienen, in dem Commissario Brunetti einen neuen Fall löst. Donna Leon lebt heute in der Schweiz, im Münstertal und in Zürich. Gestern ist sie im Schauspielhaus Zürich an einer öffentlichen Veranstaltung zum Thema «Gesundheit im Alter» aufgetreten. Die Schriftstellerin ist Botschafterin einer grossen europäischen Altersstudie (Do-Health), die von der Zürcher Uni-Professorin Heike Bischoff-Ferrari geleitet wird. Die Studie untersuchte an über 2000 älteren Menschen, wie sich bestimmte Massnahmen auf die Gesundheit auswirken. (an)

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