Godo kommt nicht

Estragon und Vladimir am Skilift: Arno Camenisch erzählt in «Der letzte Schnee» vom Verschwinden und vom Übrigbleiben. Wunderbar.

«Es ist aber eher ein Stecknadelkopf, der die Welt auf ganz speziell camenischhafte Weise spiegelt und bricht»: Martin Ebel über Arno Camenischs neustes Werk. Bild: Tagesanzeiger.ch/Newsnet

«Es ist aber eher ein Stecknadelkopf, der die Welt auf ganz speziell camenischhafte Weise spiegelt und bricht»: Martin Ebel über Arno Camenischs neustes Werk. Bild: Tagesanzeiger.ch/Newsnet

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Blendend hellgrau wie ein Gletscher in der Sonne leuchtet das neue Buch des Bündners Arno Camenisch dem Betrachter entgegen, überblendet fast die schneeweisse Titelschrift. «Der letzte Schnee»: Das ist wieder das vertraute Nebeneinander von Erzählung und Gespräch, von Anekdoten und weisen Schlüssen («Was morgen ist, wissen wir erst im Nachhinein»). Von Geschichten aus der näheren Umgebung, die zu Belegen werden für ein ganzes, eigenes ­Weltwissen.

Da ist auch wieder das ruhig dahinfliessende Hochdeutsch mit Mundarteinsprengseln («Cofferteckel», «afängs», «kasch tenka»), etwas diskreter diesmal als auch schon. Camenischs Sound, dieses Selbstvergewisserungsparlando, nimmt sofort gefangen und lässt einen nicht mehr los, bis die 99 Seiten zu Ende sind und man etwas betrübt Abschied nimmt von Paul und Georg, nein, von «dem Paul» und «dem Georg», so viel (Text-)Nähe muss schon sein.

Der Paul und der Georg also, sie betreiben und warten einen Skilift irgendwo im Bündnerland. Keine moderne Sechser- oder Achtergondel, sondern einen unspektakulären «Schlepper», Baujahr 1971, der seinen Dienst seither brav verrichtet und Bügel für Bügel hinauf- und wieder hinunterschafft. Die meisten Bügel bleiben unbesetzt, die Kundschaft bleibt aus, oft tagelang. Wegen des Nebels. Weil noch Vorsaison ist. Weil Montag ist. Vor allem aber: weil der Schnee meist nicht reicht. Der Klimawandel, dieses abstrakte Schlagwort, schlägt dem Paul und dem Georg den Beruf aus der Hand und damit ihr ganzes Leben.

Ein Stecknadelkopf bricht die Welt

Sie werden sich nicht gerade aufhängen wie der Beni, dem ein Anwalt aus dem Unterland seine Beiz und Existenz weggenommen hat. Aber es wird schwer werden für die zwei, deren Tage so gleichmässig ablaufen wie das Rattern des «Schleppi»: Hüttli aufsperren, Tee kochen, die Billette sortieren (grüne für die Kinder, blaue für die Erwachsenen, rosarote für die Pensionäre), Kunden zählen, wenn welche da sind, ins «Schurnal» schreiben, auf die Uhr schauen, das Wetter betrachten. «Wir sind am Nabel der Welt», sagte einer einmal. Es ist aber eher ein Stecknadelkopf, der die Welt auf ganz speziell camenischhafte Weise spiegelt und bricht.

Am Skilift ist die Zeit stehen geblieben. «Godo kommt nicht», sagt der Paul einmal in eigenwilliger Orthografie (oder ist es der Georg?). Dumm sind sie nicht, diese Vladimir und Estragon am Skilift. Sie kennen ihren Beckett, und sei es als Zitat, und auch die Kunde vom «Strohkopf mit den gelben Haaren» aus «La Merica» ist zu ihnen gedrungen.

Um sie herum aber tobt der Furor des Verschwindens. Die Bäckerei mit den leckeren «Cremeschnitta» ist weg. Benis Beiz. Das Lädeli. Die Post und das Postauto. Die Jungen. Und dann wird auch ihnen der Strom abgestellt. Und das Tal verschwindet im Nebel. Hat man sie vergessen? Wir Leser jedenfalls werden sie nicht vergessen. Wieder einmal ist es der Literatur gelungen, das Verschwinden aufzuhalten, indem man es aufhebt in einem wunderbaren Text. «Das grosse Reservoir, was einem bleibt, ist, zu erzählen, wie es mal war», sagt der Paul. Oder der Georg.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.01.2018, 19:25 Uhr

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Arno Camenisch


Der letzte Schnee Engeler, Basel 2018. 99 S., ca. 28 Fr. Buchpremiere: 10. 1., um 20 Uhr im Kosmos, Zürich.

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