Grassus maximus

Nachruf auf den verstorbenen deutschen Autor und Literaturnobelpreisträger Günter Grass.

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Der bildende Künstler Grass war immer ein Realist, auch als alle abstrakt malten. Tiere waren von früh an seine Leidenschaft. Hühner und Kröten, den Butt und die Rättin, den Krebs und natürlich die Schnecke, das Wappentier: Sie alle hat er «in Kupfer, in Stein», mit Feder und Stift zu Papier gebracht. Sie schmücken die Umschläge seiner Romane, etliche Ausstellungen und das Arbeitszimmer so manchen Studienrats. Auch sich selbst hat er gern gezeichnet, mit Hut, Pfeife und wissend melancholischem Blick. Was für ein Tier aber ist er selbst gewesen, «der Grass», Grassus maximus dantzigensis, der jetzt, nach mehr als sechzig Jahren literarisch-politischer Aktivität, von uns gegangen ist, was auch der kaum glauben möchte, der über die alljährliche Publikation, den jeweils neuen Auftritt mehr als einmal gestöhnt hat?

Eins ist klar: Grassus maximus war einzigartig, ein solches Tier hat die Natur nur einmal geschaffen. Ein vitales, vielseitiges, überaus produktives Tier. Kaum ein grosser Dichter unserer Zeit hat vermutlich mehr Kinder in die Welt gesetzt (sechs leibliche von drei Frauen, darunter von der Schweizerin Anna Schwarz, dazu zwei, die seine letzte Gefährtin Ute mit in die Ehe brachte), und wohl kein Vater mehr Bücher. Die erste Werkausgabe erschien vor dreissig Jahren bei Luchterhand, zehn Bände. Die bei Steidl umfasste 18 und ist längst überholt.

Auch die Biografie «Bürger Grass» aus der Feder des Prominentenbiografen Michael Jürgs musste in einem entscheidenden Punkt korrigiert werden. Denn Grass hatte kurz nach deren Publikation seine Erinnerungen an die Jahre zwischen 1939 und 1959 veröffentlicht, und ein Detail, das er dort preisgab, wurde zu einer grossen Sache: 1944 war der noch nicht 17-jährige zur Waffen-SS eingezogen worden, hatte zwar keine Kriegsverbrechen begangen, sondern von wenigen «Feindberührungen», die er im April 1945 erlebte, nach eigenen Worten bloss die Hosen voll, die beiden heiklen Buchstaben dann aber gründlich vergessen, verdrängt, verschwiegen.

Befreiendes Coming-out

Nachdem sie nun wieder in der Welt waren, gab es einen lauten Knall, eine wochenlange Debatte, und viele fanden mit einer gewissen Erleichterung, fortan sei Grass als moralische Instanz erledigt. Die Instanz selbst war beleidigt, dass das publizistisch vorab inszenierte Geständnis den Wirbel auslöste, den es auslösen sollte, und dass man seine Begründung für sein langes Schweigen nicht so einfach akzeptieren wollte. Diese Begründung ging etwa so: Weil er so lange geschwiegen hatte, schämte er sich und musste noch länger schweigen. Und sich noch mehr schämen bis zum befreienden Coming-out.

Die Abfolge von Attacke, Beleidigtsein und verbaler Eskalation bildet ein regelmässig wiederkehrendes Muster in der Laufbahn des Autors. Man könnte fast von einem Balztanz des Grassus maximus sprechen, der um sein Publikum wirbt, indem er es provoziert. Zuletzt zu beobachten war es beim Gedicht «Was gesagt werden musste», in dem er Israel beschuldigte, den Iran mit einem atomaren Erstschlag vernichten zu wollen. Wieder einmal schlugen die Wogen hoch, Grass wurde zum Antisemiten erklärt, was Unsinn war, aber durchaus dem Unsinn entsprach, den er selbst bei jeder Kritik an seinem jeweils jüngsten Werk oder Auftritt von sich gab: Man wolle ihn «mundtot» machen, er lasse sich aber «das Maul nicht verbieten».

Nein, Selbstzweifel oder auch bloss Augenmass gehörten nicht zur Grundausstattung des Grassus maximus. Der mit einer Millionenleserschaft und allen erdenklichen Preisen vom Büchner- bis zum Nobelpreis versehene Mensch wollte immer auch noch den Ehrenplatz des Aussenseiters einnehmen. Weltgewissen und verfolgte Unschuld in einer Person: ein unmögliches Unterfangen. Nach weniger erfolgreichen Büchern (beziehungsweise unfreundlichen Kritiken) ist der beleidigte Autor immer wieder ein bisschen ins Exil gegangen, nach Portugal, Kalkutta oder auf die dänische Insel Møn, wo er ein Ferienhaus hatte.

Ist er nicht respektlos, dieser Ton gegenüber einem gerade gestorbenen Nobelpreisträger? Nein. Schonung, Bemäntelung, Verbrämung: Das wären eher Haltungen, die er nicht verdient hätte, die seinem Rang nicht entsprächen. Und: Zwar konnte Grass schlecht einstecken; beim Austeilen fackelte er aber nicht lange. Und selbst wenn er sich über eigene Sünden wie die Waffen-SS-Verdrängung ausliess, dann nie ohne eine grosse Portion Sündenstolz – den ja die seelenkundige katholische Kirche nicht ohne Grund von echter Einsicht streng unterscheidet.

Grass war ja katholisch, ist aber wegen der Haltung der Kirche zur Abtreibung ausgetreten (so wie aus der SPD, für die er jahrzehntelang Wahlkämpfer war, wegen der Asylpolitik; so aus dem Schriftstellerverband, den er selbst mitbegründet hatte, und der Akademie der Künste; Grass war ein grosser und lauter Austreter).

So viel über Politik, so wenig über Literatur? Ja – weil die Debatten und Affären das Werk des Autors in der öffentlichen Wahrnehmung überwuchert haben. Jüngere werden, wenn sie nicht «Katz und Maus» in der Schule durchgenommen haben, mit dem Literaturnobelpreisträger nur Folgendes verbinden: einen lauten, manchmal etwas peinlichen älteren Herrn, der immer vom «Dreinreden» sprach, mit Pfeife, Schnauz und groben Cordjacketts.

Der frühe Grass

Halten wir wenigstens im Nachruf etwas dagegen. Literarisch zeigte sich Grassus maximus in mehr als 50 produktiven Jahren von beachtlicher Kontinuität. Der Schriftsteller hat seinen Stil mit dem ersten Gedichtband «Die Vorzüge der Windhühner» (1956) und dem ersten Roman «Die Blechtrommel» (1959) gefunden. Der Grass-Ton ist von Anfang an da, unverkennbar. Erstaunlich ist höchstens das Auf und Ab des Gelingens; dass einige grosse Unternehmen – etwa der Weltuntergangsroman «Die Rättin» oder der Antivereinigungsroman «Ein weites Feld» – auch krachend gescheitert sind, muss hier nicht verschwiegen werden.

Vielleicht hängt dieses gelegentliche Scheitern damit zusammen, dass diese Bücher mit «Absicht» geschrieben waren. Sie sollten etwas beweisen (den unweigerlich bevorstehenden Untergang der Menschheit; die grundsätzlich verfehlte Wiedervereinigung). Und schliesslich kultivierte der «späte», der uns zeitlich nächste Grass seine stilistischen Eigenheiten immer mehr – nicht immer zum Vorteil des Ergebnisses, wie die Häufung von Manierismen zeigt. Aber das sind Geschmacksfragen und als solche selbst zeitgebunden: Vielleicht wird man Grass in 100 Jahren als grossen Manieristen des späten 20. Jahrhunderts rühmen?

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Der frühe Grass, der Provokateur, der an Einfällen und Geschichten, an Bildern und Formulierungen überreiche Saft- und Kraftkerl der Nachkriegsjahre bleibt der beste. Und «Die Blechtrommel» bleibt sein Meisterwerk, mit einer gewagten Erzählanlage («Zugegeben, ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt» lautet der berühmte erste Satz), einer unerhörten Zentralfigur (dem bösen Zwerg Oskar Matzerath mit der Gestalt eines Dreijährigen und der gläserzersingenden Stimme), mit Figuren und Szenen, die sich mehreren Generationen von Lesern unauslöschlich eingeprägt haben, noch bevor sie auf die Kinoleinwand kamen.

So weit liegt das Erscheinen zurück, dass man sich die Entrüstung eines biederen Publikums über den «Schweinkram» kaum mehr vorstellen kann. Grass galt als «Bürgerschreck», den Bremer Literaturpreis bekam er deshalb nicht. So lang liegt 1959 andererseits auch zurück, dass die Literaturgeschichte gesprochen hat: Es gibt wohl keinen besseren Roman der deutschen Literatur nach 1945 als «Die Blechtrommel».

Danach kamen immerhin «Katz und Maus», «Das Treffen in Telgte», starke Teile des «Butts», dann «Beim Häuten der Zwiebel», die streckenweise grossartige Autobiografie: Das ist nicht wenig. Nicht zu vergessen die Gelegenheitsgedichte, in denen der an seiner eigenen Rolle schwer tragende Grass manchmal zu unerwartet leichten und selbstironischen Tönen findet.

Reden und Essays

Seine literarische Autorität hat der «Bürger Grass» auch im politischen Streit benutzt, hat mit ihr gewuchert und gefuchtelt, was nicht nur dann störte, wenn er sich krachend irrte. Das tat er übrigens selten, am meisten wohl mit seinem Widerstand gegen die deutsche Einheit, die die Deutschen wegen Auschwitz nicht verdient hätten (wenn das keine Moralkeule war!). Wenn er auch da nervte, wo er recht hatte, so lag es am Präzeptoralen, an der Selbstgerechtigkeit.

Andererseits: Grass ist sich wirklich für nichts zu schade gewesen im politischen Geschäft. Er hatte, nachdem sein jugendlich-nazistisches Weltbild zusammengebrochen war, ein für alle Mal begriffen, dass Demokratie nicht einfach da ist, sondern von der Beteiligung der Demokraten abhängt und aus täglicher, mühsamer und wenig vergnüglicher Arbeit ent- und besteht. «Demokratischen Kleinkram betreiben. Kompromisse anstreben»: So hat er es auf den Punkt gebracht und danach gehandelt in offenen Briefen und Arbeitsgruppen, Manifesten, Satzungen und Sitzungen.

Blättert man in alten Reden und Essays, so klingt vieles grau und vergilbt, aber da ist nichts, was dem Autor heute peinlich sein müsste. Der stolze und mutige Auftritt etwa beim Schriftstellerkongress in Ostberlin 1961, als Grass nicht nur abstrakt Meinungs- und Publikationsfreiheit fordert, sondern im Angesicht der Funktionäre Namen nennt, deren Publikation er verlangt: Das ist Geschichte, weil der SED-Staat und seine literarischen Funktionäre verschwunden sind. Den ostdeutschen Kommunisten war kaum jemand so verhasst wie dieser notorische Sozialdemokrat, der den Westen scharf kritisierte, aber nie verhehlte, dass die Diktaturen des Ostblocks indiskutabel waren. Was für ein Tier also war dieser Grass, Grassus maximus? Einzigartig sicherlich. Vielleicht am ehesten den Vögeln zuzuordnen als eine Art Pfauenhahn mit farblich bedenklichem, aber üppigem und immer angestrengt Rad schlagenden Gefieder, über den Misthaufen der Gegenwart stolzierend mit der Gewissheit: Wenn ich meine Stimme erhebe, tönt sie lauter und durchdringender als die jedes anderen Vogels. Das letzte Wort hat er immer haben wollen. Das haben nun die Nachrufe. Und mehr noch die Leser: Die können prüfen, was von seinem Werk sich gehalten hat und den Lebenden und Kommenden noch etwas zu sagen hat. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.04.2015, 11:14 Uhr

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