Grimmiges Genie aus dem Norden

Wie man aus Tran, Matsch und Lava Literatur kocht: Thórbergur Thórdarsons Roman «Islands Adel».

Zu Ehren des Geistesaristokraten: Am Geburtsort des Autoren steht das Thórdarson-Museum.

Zu Ehren des Geistesaristokraten: Am Geburtsort des Autoren steht das Thórdarson-Museum. Bild: Wikipedia

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Island, das alte Nebelreich der Götter, Trolle und rotbärtigen Wikinger, hat mit Björk und Bankenkrisen längst Anschluss an die europäische Moderne gefunden, und das gilt auch für die Literatur. Ein Meilenstein auf dem langen Wege von den Sagas zum Nobelpreisträger Halldór Laxness war Thórbergur Thórdarson (1888–1974). Der rothaarige Bauernsohn aus Hali war Schiffskoch, Philosoph, Sozialist und Esperantist, ein eigenwilliger Autodidakt, der mit seinem grimmigen Humor und seinem Stilempfinden ein moderner Klassiker wurde, unvergessen in seiner ungeliebten Heimat. «Hier ruht Thórbergur», steht auf seinem Grabstein. «Er lebte im Land der Armut. Er starb im Land der Verdummung.»

«Islands Adel», Thórdarsons Roman aus dem Jahre 1938, ist ein Selbstporträt des Dichters als junger glückloser Herumtreiber. Der Sommer 1912 im Norden Islands ist kälter, härter, freudloser als ein Winter in den Metropolen der Dekadenz, und das ist ganz nach dem Geschmack der Generation Weltschmerz, die sich auf der Suche nach Arbeit, Geld und Inspiration in den Heringsfabriken von Akureyri versammelt hat. Schwermut, Schmerz und Todessehnsucht adeln den Dichter. «Frohsinn war ein Zeichen von Dickfelligkeit und eine Beleidigung für alle feinstofflicheren Aspekte des Daseins.»

Akureyri bietet nur Tran, Trübsal und Trockenfisch, dreimal Pumpernickel am Tag und die verschimmelten Strohsäcke des Gasthofs Oddyri. Die Räusche und Ekstasen kommen aus der BrennivinFlasche, aus den Büchern von Nietzsche und selbstdestillierter Poesie. Die jungen Dichter schrubben Heringsfässer und rühren stinkende Lake, aber nach Feierabend feiern sie das Leben mit Saufen und Raufen, lyrischen Seelenaufschwüngen und hitzigen politisch-religiösen Debatten.

Prediger auf dem Heringsfass

Thórdarsons nostalgisch verklärter Rückblick auf seine glorreichen Hungerjahre ist stolpernd atemlos und dann wieder episch ausgreifend erzählt, durchsetzt mit surrealen Träumen und Metaphern. Interessanter als das Schwärmen und Schwadronieren im ersten Teil und das Tagebuch seiner Heimreise im letzten Teil sind die Porträts seiner Freunde und Weggefährten. «Angestachelt von den Skorpionen der Weltillusion», frierend und hungernd, träumen sie zwischen Stockfisch, Blechbuden und Matsch von einer glänzenden Zukunft und predigen vom Heringsfass herunter den Tod Gottes.

Thórdarson ist unter den verkrachten Geistesaristokraten ein König. Seit sein Gedicht «Nacht» in einer Literaturzeitschrift gedruckt wurde, hält der weltfremde Gymnasiast sich für ein Genie. In der Liebe ist er dagegen noch ein Anfänger, der für seine angebetete Hulda nur platonisch zu schwärmen wagt.

Der Träumer kehrt ernüchtert aus Akureyri zurück: Sehnsucht ist ohnmächtiges Selbstmitleid, das Gerede von reiner Liebe weinerliches Dichtergewäsch. Die Weiber, so lernt er, wollen, wenn sie im Dunkeln zittern, keine Gedichte hören, sondern im Nacken gestreichelt oder noch ganz anders angefasst werden. Die Menschen, so eine andere «Erkenntnis universellen Ausmasses», sind wie Schafe, die nach Stand, Hautfarbe, Glauben und Moral in Pferchen sortiert und unbarmherzig geschoren werden. Thórdarson verliert in der Fischfabrik seine Unschuld, seine Illusionen und seinen Hochmut, aber nicht den Glauben an seine Berufung. 1915 erscheint sein erstes Gedicht, und heute wird sein Andenken in Hali in einem schönen Museum gepflegt. Es hat die Form eines Bücherregals und steht so erratisch in der Geröllwüste am Fusse des Vatnajökull wie dieser Brocken erkalteter Lava in der europäischen Literatur.

Erstellt: 06.12.2011, 08:07 Uhr

Thórbergur Thórdarson, «Islands Adel», Fischer 2011. ISBN: 978-3-10-078023-2, ca. 35 Franken.

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