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Grimms Märchen wurzeln in der Westschweiz

«Die Kinder- und Hausmärchen» der Brüder Grimm sind das bekannteste Buch der deutschen Literatur. Weniger bekannt sind die Zuträger der Sammlung. Ein neues Buch gibt ihnen ein Gesicht.

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«Aus dem Westfälischen», «aus dem Hessischen» oder «aus den Maingegenden» – bei den Quellenangaben der Märchen ihrer Sammlung blieben die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm oftmals sehr vage. Während die beiden Germanisten ihre Übernahmen aus anderen Büchern fein säuberlich kennzeichneten, nahmen sie es bei handschriftlichen oder gar mündlichen Quellen nicht so genau. Die meist jungen Zuträger blieben anonym.

Der international angesehene Grimm-Forscher Heinz Rölleke hat seine langjährigen Forschungsergebnisse zusammengefasst und nun in einem reich bebilderten Buch veröffentlicht: «Es war einmal … Die wahren Märchen der Brüder Grimm und wer sie ihnen erzählte» porträtiert auf über 400 Seiten 25 solcher Zuträger. Stellvertretend sollen hier zwei benannt werden: die «Dornröschen»-Erzählerin Marie Hassenpflug und August von Haxthausen, der den Grimms handschriftlich das Märchen der «Bremer Stadtmusikanten» übergab.

Wiederverkörperung der zarten Schönheit

Marie Hassenpflug (1788–1856) war die älteste Tochter einer grossbürgerlichen Familie aus dem hessischen Hanau. Bereits als 20-Jährige kam sie in Kontakt mit Jacob und Wilhelm Grimm. Drei Jahre später führte sie ihre beiden Schwestern in den Kreis ein. «Die Hassenpflugs gehören zu denen, welche am meisten wissen», schrieb Wilhelm Grimm anerkennend in einem Brief. Trotzdem stand als Quelle ihrer Märchen bloss «aus den Maingegenden», sodass Marie Hassenpflug erst 1975 als Zuträgerin entdeckt wurde.

Das wohl bekannteste Märchen aus ihrem Mund ist das «Dornröschen». «Was Wunder, dass Marie Hassenpflug solche Texte sympathisch waren», schreibt Heinz Rölleke. In ihren Jugendbildnissen könne man so etwas wie eine Wiederverkörperung der zarten Schönheit des schlafenden Mädchens erblicken. Und wie Dornröschen hatte sie als Tochter eines bestens situierten und gesellschaftlich hoch angesehenen Vaters eigentlich nichts zu tun, als auf ihren Bräutigam zu warten.

Die Märchen sind den Töchtern Hassenpflug hauptsächlich durch ihre Mutter zugekommen. Als Vierjährige kam die Mutter zu ihrer Grossmutter nach Valangin westlich von Neuchâtel und wuchs dort auf. «Aufgrund dieser Gegebenheit ist festzuhalten, dass die bisher einseitig pauschalisierende These, der französische Einfluss auf Grimms Märchen gehe auf die Dauphiné zurück, unhaltbar ist», schreibt Rölleke. «Eine starke genealogische Linie führt in die französische Schweiz.»

Satire auf Bremer Musikkapelle

August von Haxthausen (1792–1866) stammte aus einem westfälischen Adelsgeschlecht, das sich bis ins Hochmittelalter in dieser Gegend bezeugen lässt. Er war das jüngste von 14 Geschwistern und wuchs auf den väterlichen Gütern bei Höxter auf. Die berühmte Dichterin Annette von Droste-Hülshoff war seine Nichte.

1811 lernte er die Brüder Grimm kennen und war begeistert von den Märchensammlern. Von Haxthausen war ein guter Organisator, der seinen ganzen Verwandten- und Bekanntenkreis zum Märchensammeln anregte. Die meisten Texte gewannen sie von Bediensteten und der Dorfbevölkerung im Paderbörnischen. Von Haxthausen hielt die Märchen handschriftlich fest und übergab sie so den Grimms.

«An der Art, wie Sie aufschreiben, weiss ich nichts auszusetzen», schrieb Wilhelm Grimm 1813 in einem Brief an von Haxthausen. «Es ist treu und einfach, wie ich es wünsche, und wenn Sie so fortfahren, wie Sie mir versprochen haben, so werden Sie keinen kleinen Theil an der Fortsetzung des Buchs haben.» Aus dem Kreis von Haxthausen stammen etwa 80, das heisst mehr als ein Drittel der «Kinder- und Hausmärchen».

Auf ein Märchen war August von Haxthausen besonders stolz, auf die «Bremer Stadtmusikanten». Auch wenn die Grimms in den Märchen sonst keine Orte nannten, machten sie hier eine Ausnahme – und das freute den Adligen besonders, denn er wollte mit der Verortung des tierischen Stoffs eine Satire auf Bremen liefern; die protestantische Hansestadt war dem katholischen Agronomen verhasst.

Und ausgerechnet Bremen wollte eine Musikkapelle gründen, was bisher ein Privileg der Adeligen gewesen war. «Das vor allem wollte er mit der Umpolung des alten Märchens auf die Hansestadt lächerlich machen», schreibt Rölleke. «In einer solchen Musikkapelle könnten auch die kakophonen Tierstimmen Karriere machen.» Doch der Effekt verpuffte: Abgesehen davon, dass Bremen die vier Tiere zu Werbeträgern machte, blieb auch die Quelle der Satire lange unbekannt. Die Grimms schrieben als Nachweis nur: «Nach zwei Erzählungen aus dem Paderbörnischen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.11.2011, 15:47 Uhr

Heinz Rölleke/Albert Schindehütte: «Es war einmal ...», Eichborn-Verlag, ISBN: 978-3-8218-6247-7

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