Buchmesse-Blog

«Haha! Veganer!»

Schriftsteller Thomas Meyer bloggt für Tagesanzeiger.ch/Newsnet von der Buchmesse Leipzig. Im zweiten Beitrag gehts um literarisches Speed-Dating unter dem Eindruck von heimtückischem Milchzucker.

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«Haha! Veganer!», lacht das Salamibrötchen. Käsebrötchen und Schinkenbrötchen stimmen mit ein. «Arschlöcher», denke ich und greife mir das Käsebrötchen.

Zu allem Übel schmeckt das Ding auch noch gut. Ich schaue es genau an. Ach, es ist mit Butter vollgeschmiert. Deshalb ist es so lecker.

Meine vegane Ernährungsweise (besser: mein Versuch einer solchen) ergibt sich zu gleichen Teilen aus Überzeugung und Laktoseintoleranz. Zuhause, wenn ich selbst einkaufe und koche, ist es kein Problem, sie umzusetzen. Restaurantbesuche und Reisen gestalten sich jedoch schwierig, und hier auf der Buchmesse kann man sich die Sache komplett abschminken.

Verzweifelt habe ich tagsüber alle Bananen gegessen, die ich finden konnte zwischen all dem Fleischkäse, der in den Messehallen verkauft wird. Nun befinde ich mich im Backstageraum des Leipziger Schauspielhauses, zusammen mit acht anderen Schweizer Autoren, hungrig und erneut umzingelt von tierischen Produkten.

Das Konzept des heutigen Abends heisst «Literarisches Speed-Dating»: Das Publikum verteilt sich auf neun Tische; pro Tisch ein Autor und vier Gäste, Wechsel nach 15 Minuten Lesung, jeder Gast hört drei Autoren, zwei Runden. Ich lese sechsmal dieselben Stellen, während in meinem Inneren der Milchzucker sein ebenso heimtückisches wie lästiges Werk entfaltet.

Die ominösen Buttons des AdS, des Schweizer Autorenverbandes, sind übrigens doch noch aufgetaucht, und zwar an Stand A209 in Halle 4. Ich trage nun einen am Revers und bekenne mich damit, zu jenen 49,7 Prozent zu gehören, die die Masseneinwanderungs-Initiative abgelehnt haben.

Die bisherigen Reaktionen sind ernüchternd: «Ich möchte nicht wissen, wie das Resultat in Deutschland ausgefallen wäre», sagen die Leute. Ich ehrlichgesagt auch nicht.

Erstellt: 15.03.2014, 20:00 Uhr

Den Veganer kann man sich gleich abschminken: Brötchen an der Buchmesse Leipzig. (Bild: Thomas Meyer)

Meyers Buchmesse-Tagebuch

Der Schweizer Schriftsteller Thomas Meyer (40) schildert die Leipziger Buchmesse für Tagesanzeiger.ch/Newsnet aus Autorenperspektive. Meyer lebt und arbeitet in Zürich. Nach seinem Erfolgsroman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» schreibt er an seinem zweiten Roman, der im Sommer erscheint.

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