«Haha! Vergiss es»

Mit Endo Anaconda ging heute das Live-Poesie-Experiment von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zu Ende. Lesen Sie hier Anacondas Short Story!

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(Den Startsatz gab Thomas Meyer vor. Er lautete:)

«Haha! Vergiss es.»

Meinte sie mit einem bitteren Unterton, als ich wie zufällig mit meinem Arm ihre Brust streifte. Dabei wollte ich nur auf den Igel deuten, der am Wegrand dahintrippelte, während wir an ihm vorbeirollten.

Sie sagte das in einem Ton, als ob ich ihr tatsächlich an die Bluse hätte gehen wollen, und als ob sie von mir nichts anderes gewohnt wäre. Dabei hatte ich ja schon alles vergessen. Ich wusste nicht, ob die Geschichte, die sie mir über uns erzählte, wahr ist. Sie war davon überzeugt, dass ich sie vor einigen Jahren in Sardinien kennengerlernt und wir uns danach aus den Augen verloren hätten.

Je mehr sie davon redete, desto weniger wagte ich, ihr zu widersprechen, obwohl sich mich permanent «Renzo» statt «Endo» nannte. Und je länger wir unterwegs waren, desto komplexer und bestimmter wurde die Geschichte, die sie mir über uns erzählte. Um abzulenken, beschleunigte ich, trotz der armen Igel, und hoffte damit, abzulenken. «Weisst Du noch, der letzte Abend im Ristorante Pepe Satan in Santa Teresa di Gallura, Herbst '98, ich war so glücklich und habe nie wieder etwas von Dir gehört.»

Langsam beschlich mich das Gefühl, das ich sie irgendwann einmal verletzt haben muss. Sie sah aus, als ob sie jeden Moment in Tränen ausbrechen würde... «Genau», beschwichtigte ich. «Jetzt erinnere ich mich wieder, Pepe Satan, Santa Teresa... nur weiss ich echt nicht mehr genau, über was wir geredet haben.» Zum Glück erreichten wir das Ferienhaus und ich konnte von der Geschichte unserer Bekannschaft, an die ich mich nicht erinnern konnte, ablenken.

Ausserdem hoffte ich, dass die Flasche Hazelburn Single Malt das übrige dazutun würde, dass sie endlich aufhören würde, weiter in einer ungewissen Vergangenheit herumzustochern, damit ich sie endlich auspacken könnte. Als ich am nächsten Morgen, mit Handschellen ans Bett gefesselt, nackt und mit leerem Kopf aufwachte, konnte ich nicht mehr zweifelsfrei sagen, ob ich diese Frau von früher kannte oder nicht. Ich konnte sie auch nicht fragen, denn sie war weg.

Das Auto, das Geld, der Ordonanzrevolver und die Erinnerung auch.

Erstellt: 28.09.2012, 13:01 Uhr

Info

Anaconda tritt heute mit seiner Band Stiller Has im Jazzclub Moods auf.

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