Helen Schnee, ein geflügeltes Wesen der Literatur

Eleonore Freys Roman «Aus der Luft gegriffen» ist leicht, klug und verspielt.

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Wo kommen eigentlich die Romanfiguren her, deren Geschichten wir uns so erzählen lassen, wie wenn sie richtige Menschen wären? Eleonore Frey sucht nach möglichen Antworten – in einem Roman. Bereits der Titel liest sich als Hinweis: Romanfiguren fallen vom Himmel, werden aus der Luft gegriffen oder im Hirn der Autorin ausgebrütet. So oder so, sie wachsen aus der Sprache heraus.

Kluges Buch

Helen Schnee, so nennt die Icherzählerin (in ihrer ironischen Selbstbeschreibung unschwer als ein Double von Eleonore Frey zu erkennen) ihre Figur, ist so geflügelt wie die Redewendungen im Roman. «Jemandem ins Haus schneien» oder «in die Luft gehen». Die Autorin nimmt solche Formulierungen beim Wort, lässt ihre Heldin sanft aus den Wolken fallen und landen, schickt sie ins Leben hinaus, um sich einen Job, eine Wohnung, einen Mann zu suchen – und lässt ihre Tochter der Luft am Ende wieder entschweben. Denn Helen Schnee ist ein Möglichkeitswesen. Sie steht für die absolute Offenheit angesichts des weissen Blattes, vor dem die Autorin sitzt und fantasiert.

Ein kluges Buch über das Schreiben, das Erfinden, über die Beziehung zwischen Autorin und Figur. Und nicht nur das: Spätestens als Helen Schnee auf dem Polizeiposten nach den «Fakten» ihrer Identität gefragt wird, wird klar: Dies ist auch ein politisches Buch. Denn in einer Welt, in der ausgeschafft wird, wer nicht über eine ordnungsgemässe Identität verfügt, hat auch die Literatur, die das Fremde, das Unbekannte so sehr braucht, keinen Platz mehr.

Kleiner, wichtiger Unterschied

Die Redewendungen, metaphorisch und handfest zugleich, sind die Dreh- und Angelpunkte, vermitteln zwischen Erdenschwere und poetischer Freiheit. Sie machen die fast unheimliche Leichtigkeit des Erzählens möglich, die doch immer am Leben mit seinen Verbindlichkeiten – Job, Wohnung, Mann und Kind – angebunden bleiben muss. Und weil «Aus der Luft gegriffen» ein Roman ist, der immer über alles nachdenkt, was er tut, erklärt Eleonore Frey uns den Unterschied zwischen märchenhaft-fantastischem Erzählen und poetischer Prosa: «Und ich will gleich jetzt schon zugeben, bevor es mir jemand vorwirft, dass es bei dieser beispiellosen Überwindung der Erdenschwere wieder einmal nicht mit rechten Dingen zuging, sondern eben wie immer wieder in einer Erzählung, die wirklich eine ist, mit Wörtern und Sätzen: mit sprichwörtlich geflügelten Wesen also, die können, was ein rechtschaffen rechtes Ding nicht kann . . .»

Erstellt: 27.04.2011, 16:22 Uhr

Eleonore Frey (Bild: PD)

Buch

Eleonore Frey: Aus der Luft gegriffen. Droschl Verlag, Graz 2011. ISBN-10 3854207778.

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