Interview

«Heroismus erblicken wir nur noch im Islamismus»

Der Dichter Heinrich von Kleist hatte einen alten Ehrbegriff und eine moderne Ausdrucksweise: Der «Zeit»-Redaktor und Kleist-Kenner Adam Soboczynski über Sprache, Splatterfilme und Suizid.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Soboczynski, wir feiern den 200. Todestag eines Selbstmörders. Ist das nicht ein bisschen pietätlos?
Das würde ich nicht sagen. Der Selbstmord ist ja heute nicht mehr so skandalös wie er noch zu Zeiten von Kleist empfunden wurde. Damals sah man im Suizid einen ehrenlosen Akt. Die Presse, die damals über Kleists Tod geschrieben hatte, war entsetzt, dass ein Mensch mit einem derart ruhmreichen Namen sich selber töten konnte.

Hat der Selbstmord die ernsthafte Auseinandersetzung mit Kleists Werk vorerst blockiert?
Da spricht sehr viel dafür. Kleist wurde damals als Melancholiker und krankhafte Person bezeichnet. Das besagte ja auch der ziemlich obskure Obduktionsbericht. Und das hat die Rezeption seiner Werke sicher behindert. Aber auch dadurch, dass er sehr früh – mit 34 Jahren – gestorben ist, konnte er zu Lebzeiten wenig Wirkung entfalten.

Sie haben eben ein Büchlein zu Kleist veröffentlicht mit dem Titel «Vom Glück des Untergangs». Wann begannen Sie sich mit dem Autor zu beschäftigen?
Schon während des Studiums habe ich viele Texte von ihm gelesen. Ich finde seine Texte das Faszinierendste, was zu seiner Zeit veröffentlicht wurde.

Was begeistert Sie so sehr?
Jemand hat die Beobachtung gemacht, dass anonymisierte Texte von Kleists Zeitgenossen wie Goethe und Schiller von den meisten Menschen als Produkte des 18., 19. Jahrhunderts erkannt werden. Gibt man ihnen aber einen Text von Kleist zu lesen, dann scheint die zeitliche Zuordnung schwieriger. Viele tippen dann auf 1900 oder gar 1950. Diese moderne Artistik der Sprache hat mich sehr fasziniert.

Hat sich Ihre Einstellung zum Selbstmord durch die Beschäftigung mit Kleist verändert?
Nein. Beim Selbstmord wird ja sehr schnell von einer feigen Tat gesprochen. Ich habe im Suizid aber schon immer auch den heroischen Akt gesehen.

Wie Kleist.
Ja, es war ja literarisch, was Kleist am Wannsee machte: In seiner Erzählung «Die Verlobung in St. Domingo» schiesst der Protagonist seiner Verlobten zunächst in die Brust und dann sich in den Mund. Genau so beging auch Kleist den Doppelselbstmord. Das muss man schon als ganz grosse Inszenierung begreifen. Es gibt eine Verschmelzung von Leben und Werk.

Im Abschiedsbrief wünschte er seiner Schwester einen «nur halb so an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit» erfüllten Tod wie es der seine war. Ist diese Aussage ernst zu nehmen oder ist das letztlich eine Schutzbehauptung?
Das ist schon ernst zu nehmen. Die schrecklichsten Unglücksgeschichten, in denen alles zertrümmert wurde, verband Kleist durchaus mit Glück. Diese wahnsinnige Heiterkeit ist ein irritierender Moment, den wir ein paar Hundert Jahre später nicht mehr unmittelbar verstehen. Wir haben heute keinen Begriff mehr vom Heroismus – eine Haltung im Leben, bei der der Tod auf einmal nicht mehr so wichtig erscheint. Heute erblicken wir den Heroismus nur noch im Islamismus, etwa bei schrecklichen Ehrenmorden, aber wir begreifen ihn nicht mehr als Kernbestand unseres aristokratischen Erbes.

Darf man davon ausgehen, dass Kleist glücklich gestorben ist?
Ich sehe nichts, was gegen diese Annahme spricht. Bei ihm ist im Leben so viel schiefgelaufen, er hatte keinen Erfolg. Und dann kommt der Moment, in dem man sich einfach fallen lassen kann und all diese Probleme los wird. Das kann schon beglückend sein.

Sie schreiben, dass man von Kleist «Grundsätzliches über den Umgang mit Erfolglosigkeit» erfahren kann. Was haben Sie erfahren?
Wenn etwas im Leben von Kleist schieflief, dann war eine seiner Strategien, das ins wahnsinnig Existentielle zu drehen. In solchen Momenten ist es sehr wichtig, sich selbst zu erheben, so wie die Marquise von O. aus seiner gleichnamigen Erzählung, die sich am eigenen Schopf aus dem grössten Unglück herauszieht.

Hatte Kleist eine Vorstellung von einer besseren Welt nach dem Tod?
Es gibt in Kleists Texten religiöse Motive, aber das war eher eine ästhetische Auseinandersetzung mit den Romantikern. Er machte sich darin lustig über sie. Religion im engeren Sinn hat ihn aber nicht stark beschäftigt.

So gesehen war er eine Art Vorläufer der Existentialisten – mit dem Tod ist alles zu Ende.
Diese Ebene gibt es bei Kleist ganz gewiss, aber mehr im Sinn einer Geworfenheit in die Welt und nicht im Sinn einer dialektischen Auseinandersetzung wie etwa beim existentialistischen Philosophen Sartre.

Dass er gewaltsam aus der Welt schied, hat das mit seinen Erfahrungen als Teenager im Militär zu tun? Er war ja mit 14 Jahren gleichsam ein Kindersoldat.
Das war damals nicht ungewöhnlich. Aber er hatte unmittelbare Kriegserfahrung: Es sind ein paar Schlachten dokumentiert, an denen er beteiligt war und in Kampfhandlungen verwickelt wurde. Die Gewaltbeschreibungen in seinem Werk deuten auf eine Kriegstraumatisierung hin. Die Gehirnmasse, die ab und an in seinem Werk herumspritzt, lässt sich ohne diese Erfahrungen nicht denken.

Hätte Kleist an heutigen Splatterfilmen Freude gehabt?
Einzelne Erzählungen kommen dem schon nah. Ich glaube nur, dass es ihm trotzdem sehr auf eine Handlung angekommen wäre. Ihn interessierten die Bedingungen, die zu Gewalt führten. Sie ist bei ihm nie nur Selbstzweck.

Muss man sich Kleist als gewalttätigen Menschen vorstellen?
Er hat aufgrund seines Standesbewusstseins sehr gerne Leute zum Duell aufgefordert. Es kam dann allerdings nie dazu. Er konnte verletzend und gereizt sein, so dass er seine Mitmenschen immer hoffnungslos überforderte.

Ein unangenehmer Zeitgenosse.
Natürlich war er auch sehr faszinierend und wahnsinnig intelligent. Er war in allen Bereichen unmässig.

Erstellt: 08.11.2011, 14:07 Uhr

Adam Sobocynski (36) kam im polnischen Torun zur Welt und übersiedelte 1981 mit der Familie in die BRD. Er studierte Literaturwissenschaften in Bonn, Berkeley und St. Andrews und promovierte über Heinrich von Kleist. Soboczynski ist stellvertretender Leiter des Feuilletons bei der «Zeit» und lebt in Berlin.

Adam Soboczynski: «Kleist», Luchterhand-Verlag, ISBN: 978-3-630-87363-3

Artikel zum Thema

Heiter in den Tod

Essay Erst erschoss er seine Freundin, dann sich selber: Doch der Doppelselbstmord des Dichters Heinrich von Kleist vor 200 Jahren war kein Beziehungsdelikt. Mehr...

Der Dichter und das Berner Mädeli

Auf Erden war ihm nicht zu helfen – Heinrich von Kleist erschoss sich vor 200 Jahren. In der Schweiz wollte er 1802 Bauer werden. Wie nahe kam er auf der idyllischen Thuner Aare-Insel dem Traum vom irdischen Glück? Mehr...

Heinrich von Kleist geht online

Vor 199 Jahren nahm sich Heinrich von Kleist das Leben. Deutschland lässt seinen Dichter ab Montag wieder aufleben und lanciert zum Gedenkjahr 2011 ein Heinrich-von-Kleist-Portal im Internet. Mehr...

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Helle Freude!

Mamablog Vom Dammriss meiner Schwiegermutter

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...