«Ich bin der Mick Jagger der Literatur»

Alice Munro über das Schreiben, ihre Kindheit und die Funktionen von Sex.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Alice Munro schreibt ausschliesslich über die wichtigsten Dinge im Leben:Liebe, Ehe und Familie. Wer eine ihrer Kurzgeschichten liest, wird sie nie mehr vergessen können. Ein Gespräch mit der vermutlich besten Schriftstellerin der Welt.

Die Sonne ist da, die Mennonitenkirche mit ihrem roten Spitzdach, die breite Strasse. Die Felder sind rapsgelb und torfbraun. Das Mädchen in der Tankstelle hat je einen Delfin auf die Schultern tätowiert. Jesus - King of the Kings, steht auf einem Plakat. Vor Tim Horton's Schnellimbiss trifft sich die Dorfjugend. Am Strassenrand liegen tote Waschbären und sehen aus, als schliefen sie.

Im Südwesten von Ontario, Kanada, sind die Dörfer klein und haben europäische Namen, je nachdem, aus welchem Land die ersten Siedler kamen: London, Dresden, Tilsonburg, Shakespeare. Schlichte Farmhäuser stehen neben gotisch anmutenden, an Zuckerwerk erinnernde Wochenendvillen; Zäune dazwischen gibt es nicht. Wolken winziger Mücken schweben über den langen Halmen, der Blick reicht weit über das flache Land und den Lake Huron, einen der Grossen Seen, der endlos aussieht wie das Meer.

Hier, sechs Autostunden westlich von Toronto, spielen die Geschichten von Alice Munro, der vielleicht unbekanntesten Weltliteratin der Gegenwart, und hier ist die heute 75-Jährige auch geboren und aufgewachsen, in einem Kaff namens Wingham. John Updike hat sie mit Tolstoi verglichen, und Jonathan Franzen sieht in ihrem Werk «das Beste, was die zeitgenössische Literatur Nordamerikas zu bieten hat». Die Zeitschrift «Atlantic Monthly» wagte gar die Prognose, Munro sei «diejenige unter allen lebenden Autoren, die in hundert Jahren am ehesten noch gelesen wird». Grosse Worte für eine Schriftstellerin, die ausschliesslich Kurzgeschichten schreibt - Geschichten, die von der Arbeit auf einer Truthahnfarm erzählen, den Kinderspielen am Wawanash-Fluss, den harten Wintern, in denen der lange Weg zur Schule Erfrierungen mit sich bringen kann. Es sind Geschichten aus der Provinz, die für die ganze Welt gelten. Sie sind den Bruchstellen in den Familien und den Verwerfungen der Liebe entlang geschrieben, und immer wieder geht es um die Biografien von Frauen: ihre Versuche, von vorgezeichneten Wegen abzuweichen, ihre Erfolge und ihr Scheitern.

Es ist auch Munros eigene Geschichte, ihr eigenes Leben, in dem sie, begabt zum Ungewöhnlichen, zunächst das Erwartbare tut: Kaum zwanzigjährig heiratet sie und wird Mutter. Mit ihrem Mann und den drei Töchtern zieht sie nach Vancouver, weg vom Land in die Stadt. Nichts am Mutterdasein fürchtet sie so sehr wie die Nachbarinnen, die auf einen Kaffee vorbeikommen, um mit ihr zu plaudern, «darüber, wie man die Windeln weisser oder weicher bekommt oder was auch immer man mit Windeln machen muss». Als ihre ersten Texte erscheinen, sich die ersten Erfolge einstellen, titelt die «Vancouver Sun»: «Hausfrau findet Zeit, Kurzgeschichten zu schreiben». Es ist der Vorabend der women's liberation. Eine Weile noch duckt sich Munro. Dann fängt sie nach dem Vorbild ihrer Töchter an, Miniröcke zu tragen, Joints zu rauchen. Ihren Gatten nennt sie schon mal einen MCP - «male chauvinist pig», ein Chauvi-Schwein. «Das waren die Siebziger, es gab eine Art Massenflucht der Frauen vor den Männern», sagt Munro. Nach 22 Jahren Ehe verlässt sie den Vater ihrer Kinder.

Ihre Herkunft, der sie zu entkommen hoffte, wird ihr Thema. Immer wieder taucht unter dem Tarnnamen «Jubilee» ihre Heimatstadt in ihren Texten auf. «Das Leben der Menschen von Jubilee war dumpf, einfach, wundersam und unbegreiflich - tiefe Höhlen, gepflastert mit Küchenlinoleum», lautet ein oft zitierter Satz. In Ontario weiss man, wer gemeint ist. In Regionalzeitungen erscheinen beleidigte Kommentare und bittere Leserbriefe. In den Sechzigern gibt es lokale Versuche, ihre Texte an Schulen zu verbieten.

Dass sie jemals in diese Gegend zurückkehren würde, hatte Alice Munro lange Zeit selbst nicht gedacht. Zurückgekommen ist sie vor dreissig Jahren, weil die Mutter ihres zweiten Mannes krank war und Hilfe brauchte. Geblieben ist sie aus einem anderen Grund: «Ich bin berauscht von dieser Landschaft», sagt sie. Munro lebt heute in Clinton, einem Städtchen in der Nähe ihres Geburtsortes, so klein, dass es auf kaum einer Karte auftaucht, ein Ort, so fernab des Literaturbetriebs, dass sie den lauter werdenden Lobreden und der drohenden Verpuppung in eine Ikone mit der ebenso ernsten wie überraschenden Feststellung begegnen kann, es falle ihr immer noch schwer, sich als Schriftstellerin zu bezeichnen.

Im schönsten Restaurant des Ortes, dem Baileys, sitzt Alice Munro an einem runden Tisch in der Nähe der Bar, die Hände übereinander gelegt, die weissen Haare fein wie Gaze. Die Kellnerin erzählt, dass der Tisch immer «für Alice» reserviert bliebe, weil das ihr liebster Ort sei, um Freunde zu treffen oder, sehr selten, auch Journalisten, auf deren Fragen sie auch nach ihrem zwölften Buch, «Tricks», das dieser Tage in deutscher Übersetzung erscheint, nur mit einiger Verlegenheit antwortet.

Alice Munro, es ist uns eine grosse Ehre...
Lassen Sie uns zunächst etwas zu essen aussuchen, bevor wir reden. Ich empfehle Ihnen den Kartoffelkuchen mit Lachs, der ist hier hervorragend.

Sie sind oft in diesem Lokal?
Jede Woche. Und immer an diesem Tisch. Ich treffe mich hier regelmässig mit meiner Schriftstellerkollegin Margaret Atwood, wir kennen uns schon sehr lange, sie ist eine gute Freundin. Ich denke, ich werde heute einmal den Salat mit Thai-Crevetten nehmen. Normalerweise nehme ich immer den mit Ziegenkäse. Wein für alle? - Ich muss Ihnen sagen, dass ich nicht sehr gut bin in Interviews. Ich bin immer so nervös und rede mich um den Verstand. Wo genau aus Deutschland kommen Sie eigentlich her?

Wir leben in der Schweiz, in Zürich.
Ach so, aus Zürich. Es gibt hier in der Nähe ein Dorf, das Zurich heisst, es wurde von Deutschschweizer Auswanderern gegründet. Man sagt, dass es adretter und sauberer ist als alle anderen Orte hier in Süd-Ontario, es hat also seinen Schweizer Charakter behauptet. Ausserdem hat Zurich die einzige Kirche weit und breit mit einer Uhr am Kirchturm. Verstehen Sie eigentlich mein Englisch? Ich habe diesen schlimmen Hinterwäldler-Akzent...

Das ist nicht wahr.
Doch! Ich würde ja gerne Deutsch mit Ihnen sprechen, aber ich fürchte, dafür reicht mein Highschool-Deutsch nicht aus. Obwohl ich die Sprache sehr liebe, ich fand sie auch einfacher zu lernen als Französisch. Ich erinnere mich an eine Gedichtzeile von Goethe: «Uber ahlen Giffeln is Ruh, in ahlen Wiffeln spuhrest du...» - wie geht es weiter?

Ich weiss nur das Ende: «Warte nur, balde ruhest du auch.»
Genau! Goethe ist wunderbar. Für mich als Kanadierin war deutsche Lyrik leicht zu erfassen, denn der Rhythmus glich dem von englischen Gedichten. «Du bis wie aine Plume» klingt fast gleich wie «You are like a flower». Kennen Sie dieses Gedicht?

Leider nicht.
Ich glaube, es ist von Heine. «Du bis wie aine Plume / so hold und schon und rain / ik schau dik an und Wehmut / schleikt in mein Herz hinein.» Marvelous!

Sie leben hier schon lange zurückgezogen auf dem Land, wissen Sie eigentlich um die Popularität, die Ihr Werk in Europa seit kurzer Zeit geniesst?
Nun, mein Agent hat mir gesagt, dass meine Verkaufszahlen rasant gestiegen seien. Aber die Vorstellung, dass es in Europa jetzt ein grösseres Publikum gibt, das meinen Namen kennt, finde ich höchst erstaunlich.

Sie sind derzeit neben Raymond Carver das meistgenannte Vorbild junger deutschsprachiger Autorinnen. Die bekannten Schriftstellerinnen Ruth Schweikert und Judith Hermann haben sogar eigens eine Lesetour gemacht, bei der sie Kurzgeschichten von Ihnen vortrugen.
Es freut mich sehr, das zu hören. Gerade, weil es schwierig ist, mit Kurzgeschichten ernst genommen zu werden. Die Literaturkritik betrachtet Kurzgeschichten noch immer als eine Art Übungsform für den Roman, als mindere Disziplin jedenfalls, und ich habe das selber lange geglaubt. Was habe ich mich gequält bei endlosen Versuchen, einen Roman zu schreiben! Bis ich irgendwann realisiert habe, dass die Kurzgeschichte die mir gemässe Form des Schreibens ist.

Woher rührt Ihre Liebe zur kurzen Form?
Als ich zu schreiben begann, in den Fünfzigern, war ich wie alle Frauen damals eine Hausfrau, ich hatte kleine Kinder, mein Mann arbeitete ausser Haus. Ich hatte schlicht zu wenig Zeit für das Schreiben, keine Zeit für grosse Würfe. Zur Kurzgeschichte fand ich also aus sehr praktischen Gründen. Und ich glaube, es ging den meisten schreibenden Frauen meiner Generation so: Sie mussten sich ihre Zeit fürs Schreiben zusammenstehlen.

Wie muss man sich Ihren damaligen Alltag als Hausfrau, die nebenbei Weltliteratur schrieb, konkret vorstellen?
Nun, als die Kinder noch sehr klein waren, mussten sie immer einen Mittagsschlaf halten, und zwar alle zur gleichen Zeit, ob sie wollten oder nicht. Was Nickerchen anging, war ich sehr streng mit ihnen, denn das gab mir eine oder zwei ungestörte Stunden für mein Schreiben. Als sie dann zur Schule gingen, wurde es etwas besser, da hatte ich pro Tag etwa drei Stunden für mich. War ich einmal richtig drin in einer Geschichte, ging im Haushalt alles drunter und drüber. Ich schälte die Kartoffeln, dachte mir dabei die nächsten paar Sätze aus, setzte die Kartoffeln auf, und während diese kochten, rannte ich ins Wohnzimmer und schrieb wieder ein paar Zeilen. Dann schnell wieder in die Küche - mehr als einmal waren die Kartoffeln dann verkocht. Ich hatte damals kein eigenes Arbeitszimmer - und bis heute habe ich keines. Ich schreibe an einem kleinen Sekretär in einer Ecke des Wohnzimmers.

Warum tun Sie das?
Heute ist es bloss noch eine Marotte, aber es kommt natürlich daher, dass ich in einer Zeit zur Schriftstellerin wurde, als dies für Frauen kein Beruf war. Männer waren Schriftsteller. Und sie waren es mit Leib und Seele, sie fühlten sich berufen, taten nichts anderes. Männer hatten deshalb auch ein Büro zum Schreiben. Frauen nicht. Frauen schrieben nebenbei, heimlich. Ich glaube, dass ich bis heute ganz anders arbeite als ein schreibender Mann.

Nämlich wie?
Noch heute schreibe ich in relativ kurzen Konzentrationsphasen, um dazwischen irgendetwas anderes zu machen im Haus. Nach wie vor trage ich die Verantwortung für den Haushalt. Oder fühle mich zumindest verantwortlich dafür. Verstehen Sie mich nicht falsch, mein zweiter Mann und ich, wir teilen uns die Hausarbeit, er ist ein wunderbarer Koch, aber ich weiss, an welchem Tag der Müll rausmuss, und ich überlege, was wir einkaufen müssen. Bei männlichen Schriftstellern ist das anders. Kürzlich las ich ein Interview mit dem irischen Autor William Trevor, den ich sehr schätze. Das Gespräch findet bei Trevor zu Hause im Wohnzimmer statt, und während er mit dem Journalisten spricht, kommt irgendwann Misses Trevor in den Raum und bringt Sandwiches und Tee. Verstehen Sie: Ich bin gleichzeitig Mister und Misses Trevor; darum mache ich keine Interviews bei mir daheim. Es ist nicht so, dass mein Mann sich weigern würde, Sandwiches zu servieren. Aber ich würde dauernd denken, dass dies eigentlich meine Aufgabe ist.

Als Sie 1968 erstmals den grossen Literaturpreis von Kanada gewannen, hat man Sie in der Laudatio lobend als «schüchterne Hausfrau» bezeichnet. Wie haben Sie darauf reagiert?
Nun, das war noch vor dem Feminismus, da konnte man nichts anderes erwarten. Schreibende Frauen galten in dieser Zeit als Freaks. Als ich begann, Preise zu gewinnen, haben die Leute meinen damaligen Mann gefragt, wie er mit der Tatsache, dass seine Frau schreibe, zurechtkomme. Als hätte man mich beim Ladendiebstahl erwischt! Er erhielt mitleidige Anerkennung dafür, dass er mein Schreiben toleriert. Auf der anderen Seite hatte ich als schreibende Hausfrau auch Vorteile: Ich musste nicht vom Schreiben leben, ich hatte einen Mann, der für mich sorgte. Das war eine Art der existenziellen Freiheit, die schreibenden Männern fehlte. Für die hiess es immer, alles oder nichts.

Sie haben viel erreicht, man vergleicht Sie heute mit Tschechow, Flaubert oder Tolstoi...
Stop it!

Aber Ihrem wohlverdienten Ruhm weichen Sie aus. Sie reisen selten, geben kaum Interviews, meiden den Literaturbetrieb. Warum?
Ich weiss es nicht. Vielleicht liegt es daran, dass Frauen einfach nicht dafür vorbereitet sind, mit Ruhm und Rummel umzugehen. Ich bin sicher, dass Goethe nicht unter Schüchternheit litt. Da fällt mir eine Geschichte ein: Einmal war ich an einem Schriftstellerkongress in New York, und Günter Grass war auch da. Er war mit einer ganzen Entourage von Frauen erschienen und verhielt sich, wie ich fand, sehr eigenartig. Er setzte sich auf eine Couch, und die Frauen setzten sich um ihn herum. Wenn er nun mit jemandem sprechen wollte im Saal, ging er nicht einfach zu ihm hin, sondern schickte eine seiner Frauen, diesen jemand zu holen. Grass ist ein hervorragender Autor, aber ich dachte, wie kann sich jemand bloss wohl fühlen in solch einer Situation? Wie kann jemand glauben, es müsse so sein? Dass ein Mann sich so verhalten kann, liegt daran, dass er von Anfang an andere Erwartungen hat an sein Leben als eine Frau.

(In diesem Moment tritt ein älterer Herr an den Tisch, schweigend und lächelnd blickt er in die Runde.)

Ach, schon wieder dieser Typ, ich kenne ihn nicht, aber immer, wenn ich hier sitze, kommt er an meinen Tisch und stört.

(Wir starren für einen Augenblick peinlich berührt auf den Stalker.)

Darf ich vorstellen, Gerry, mein Mann. Setz dich doch, Darling! Du kommst wohl, um zu schauen, dass ich keine Dummheiten erzähle.
Gerry: Das tust du doch nie! Aber reden Sie weiter, worum gings denn gerade?

Wir sprachen vom Umgang mit Ruhm. Seit einigen Jahren werden Sie als Anwärterin für den Nobelpreis gehandelt.
Erinnern Sie mich nicht daran! Es ist schrecklich. Vor zwei Jahren hat mir mein Verleger eingeredet, dass ich grosse Chancen hätte, den Preis zu bekommen. Und ich war sehr gespannt, ich konnte mich nicht dagegen wehren, obwohl ich es nicht für möglich hielt. An dem Tag, als die Wahl bekannt gegeben werden sollte, sass ich morgens um fünf vor dem Telefon. Und ich wusste, wenn ich gewinne, wäre ich für eine halbe Stunde wahnsinnig glücklich, und danach würde ich denken: Was für eine Qual.

Wegen der Strapazen, die damit auf Sie zukämen?
Das auch. Aber vor allem, weil ich damit zum Bestandteil einer Zeremonie würde, die ich nicht kontrollieren kann, weil ich plötzlich als Symbol betrachtet würde für bestimmte kulturelle Werte, weil man mich zum Klassiker machen würde. Und weil viele der Leute, die bei diesem Geschäft mitwirken, überhaupt keine Bücher lesen. Ich war also gar nicht unglücklich, dass dann diese Schweizerin den Preis bekommen hat, wie hiess sie noch gleich?

Elfriede Jelinek, aber sie ist Österreiherin. Kennen Sie ihr Werk?
Leider nein, ich habe damals das erste Mal von ihr gehört.

Sie sagten einmal, Sie hätten eine gewaltige Angst davor, überschätzt zu werden. Warum?
Nun, das liegt einfach an meiner Erziehung und an meiner Herkunft. Ich stamme aus einer Sippe schottischer Calvinisten, Immigranten, die vor nur zwei Generationen aus der Alten Welt nach Kanada aufgebrochen sind. Der Calvinismus sagt, dass man jedes bisschen Glück, das einem zukommt, anzweifeln muss, vor allem auch das Lob, das man vielleicht erhält. Denn wahrscheinlich wird man zu Unrecht gelobt, wahrscheinlich ist man in Wahrheit ein Sünder. Hatte ich als Schülerin 95 von 100 Punkten in einem Test, gab ich zu Hause nicht damit an, sondern schämte mich für die fünf fehlenden Punkte. Demut, Gottvertrauen, ehrliche Arbeit - das waren die Werte, mit denen ich aufwuchs. Ich bin eigentlich im 19. Jahrhundert aufgewachsen.

Sie sind eine Pionierin.
Meine Vorfahren waren Pioniere. Aber ich?

Weil Sie sich einen Weg bahnen mussten aus dem 19. Jahrhundert heraus in die Gegenwart. Weil Sie sich aus eigener Kraft von der Haus-und-Herd-Frauenrolle lösen mussten. Sie sind den Weg der Emanzipation gegangen, bevor es die Emanzipation gab.
In diesem Sinne ja, vielleicht bin ich eine Pionierin. Ich habe einfach immer das getan, was ich wollte, und ich wollte zwei Dinge: einen Mann heiraten, den ich liebe und Schriftstellerin sein. Und dann habe ich mich nicht aufhalten lassen durch den Umstand, dass diese beiden Ziele nicht miteinander vereinbar waren.

Sie heirateten sehr jung, bekamen schnell Kinder und verliessen Ihren Mann nach 22 Jahren Ehe.
Alle haben zu meiner Zeit mit zwanzig geheiratet. So war es eben. Aber dann, als ich mich scheiden liess, gingen überall um mich herum die Ehen in die Brüche. Es war eine grosse Irritation zwischen den Geschlechtern.

Dieses Muster - junge Frau bricht aus ihrer traditionellen Rolle aus und wählt die Freiheit - findet sich in Ihren Geschichten immer wieder.
Natürlich. Weil es meine eigene Geschichte ist.

Verstehen Sie sich als feministische Autorin?
Ich bin keine feministische Autorin, aber ich bin eine Feministin. Obwohl, ich würde niemals mit Transparenten auf die Strasse gehen oder mich politisch engagieren. Es interessiert mich nicht im Mindesten, Politik in meine Literatur einzubringen. Ich bin eine Feministin, weil ich mich für die Geschichten von Frauen interessiere. Etwa für die Geschichte der «albanischen Jungfrauen», von denen einer meiner frühen Texte handelt. Wissen Sie, was eine «albanische Jungfrau» ist?

Nein.
Der Begriff kommt aus dem Albanien des frühen 20. Jahrhunderts. Es gab dort diese Clans, deren Männer gegeneinander kämpften. Die albanischen Männer hatten ein tolles Leben, sie sassen herum, erzählten sich ihre Heldengeschichten und polierten ihre Pistolen, um sich auf den nächsten Kampf vorzubereiten, während die Frauen alle Arbeit machten. Nicht nur die Hausarbeit und die Erziehung waren Aufgabe der Frauen, sondern auch die Arbeit auf dem Feld und im Stall. Jedoch hatte eine Frau die Möglichkeit, zur männlichen Kriegerkaste aufzusteigen, indem sie den Schwur tat, niemals zu heiraten. Tat sie das, so wurde sie darauf wie ein Mann behandelt, sie durfte Männerkleidung tragen und mit den Männern essen, wurde von den anderen Frauen bedient. Eine solche Frau, die durch die Verleugnung ihres Geschlechts sozial zu einem Mann wurde, nannte man eine «albanische Jungfrau». Ich fand das ungeheuer faszinierend.

Eine wichtige Rolle in Ihrem Schreiben spielt das Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern. Und immer geht es dabei um Hassliebe.
Ja, nicht wahr? Weil es zwischen Töchtern und Müttern ein Leben lang darum geht, Liebe und Hass, Nachahmung und Loslösung. Die Literaturgeschichte ist voll von Büchern über Väter und Söhne, es gibt sogar ein eigenes Wort dafür, «Bildungsroman», ein deutsches Wort, das auch im Englischen benutzt wird. Das sind Geschichten von Söhnen und ihrem Verhältnis zu der Kultur ihrer Väter, der Kultur, in die sie hineingeboren werden. Vielleicht habe ich «Bildungsromane» über Töchter geschrieben, Geschichten über deren Abschied von ihren Müttern.

Sie sagten einmal, Sie fühlten sich schuldig Ihrer eigenen Mutter gegenüber.
Ja, das tue ich, es vergeht kein Tag in meinem Leben ohne diesen Gedanken. Meine Mutter wurde krank, als ich ein Teenager war, und ihre Krankheit, die sich später als Parkinson erwies, verängstigte mich damals so sehr, dass ich mich ihr nicht mehr nähern konnte. Ich musste sehr schnell erwachsen werden, ich musste sehr schnell eine eigene Person werden. Heute wünschte ich, ich wäre meiner Mutter gegenüber liebevoller gewesen, aber Teenager sind leider oft nicht sehr liebevoll - gegenüber niemandem. Während der letzten beiden Jahre ihrer langen Krankheit, vor ihrem Tod, habe ich sie nicht mehr besucht, das werfe ich mir heute vor. Jeden Tag.

Auch Ihrer eigenen Tochter, Sheila, fiel der Abschied nicht leicht. Sie schrieb ein Buch über ihre berühmte Mutter, in dem es heisst: «Es ist so unverhältnismässig, die Tochter von Alice Munro zu sein. Meine Mutter ist eine Ikone. Und was kann man mit einer Ikone anderes tun, als zu ihr zu beten oder sie zu ignorieren oder sie in Stücke zu schlagen?»
Ja, und sie hat Recht damit. Kinder wollen ihre Eltern für sich alleine haben. Und gerade Sheila, die mein erstes Kind war, hat vielleicht nicht das Allerbeste von mir bekommen, ich gebe es zu. Ich habe mich nie danach gesehnt, Kinder zu haben. Ich war nie von ganzem Herzen Mutter. Es geschah einfach. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe meine Töchter über alles, aber dieses existenzielle Aufgehen in der Mutterrolle, das habe ich nicht gespürt damals. Ich war wohl zu sehr mit meinem Freiheitskampf beschäftigt. Erst heute, als Grossmutter, erlebe ich, dass ich gar nicht genug bekommen kann von kleinen Kindern. Ich bin verrückt nach ihnen.

Hat sich dieser Freiheitskampf gelohnt? Leben Frauen heute sehr viel anders als in den Fünfzigern und Sechzigern?
Sicher. Obwohl - natürlich müssen moderne Mütter heute erkennen, dass die Freiheit kein Zuckerschlecken ist. Sie haben Jobs und führen nebenbei noch den Haushalt. Ich höre heute junge Frauen sagen, dass sie gerne für eine Weile zu Hause bei ihren Kindern bleiben würden, aber dass sie es sich schlicht nicht leisten können. An solche Probleme hat damals keiner gedacht. Es war reiner Idealismus, alle dachten, wenn die Frauen Karriere machen wollen, bleiben halt die Männer eine Weile zu Hause. Aber es kam anders. An die Stelle der Ideale trat bei dieser Generation der Ehrgeiz und das Geld. Das hat niemand vorhergesehen.

Ein Verrat an der Freiheit?
Nein. Es hat sich einfach gezeigt, dass Freiheit nicht für alles die beste Lösung ist. In den Siebzigern glaubten alle, dass die Freiheit des Einzelnen mehr Glück für alle bedeutet. Wer in einer schlechten oder auch nur halbwegs unglücklichen Ehe lebte, löste sie auf, immer im Glauben, dies sei für alle das Beste, die Kinder eingeschlossen. Aber natürlich stimmte das nicht, besonders für die Kinder nicht. Das Glück ist viel komplizierter. Glück ist harte Arbeit.

In Ihren Geschichten aber erzählen Sie oft von Menschen, die sich für die Liebe und gegen das moralisch Richtige entscheiden. Steht für Sie die Liebe jenseits der Moral?
Ich stelle einfach fest, die Menschen handeln so. In der gesamten Literaturgeschichte ist die Liebe die überwältigende Kraft, die den Plot vorantreibt, und sie ist es auch im wirklichen Leben.

Ein junger Kollege und Bewunderer von Ihnen, Jonathan Franzen, schrieb einmal, Ihre Erzählungen glichen klassischen Tragödien in Prosaform, weil sie stets um Momente schicksalhafter Aktion kreisen.
Ich finde, das stimmt nur teilweise. Denn es ist nicht das Schicksal, das entscheidet, meine Figuren treffen ihre Entscheidungen selbst. Und sie sind auch keine tragischen Helden, die scheitern müssen, weil sie sich gegen ihr Schicksal auflehnen. In meiner Erzählung «Die Kinder bleiben hier» zum Beispiel verlässt eine junge Mutter ihren Mann und ihre beiden Kinder wegen eines anderen. Doch es ist keineswegs so, dass dieser andere Mann für sie bestimmt wäre. Er ist nicht ihr Schicksal, sie bleibt nicht bei ihm. Trotzdem bereut sie nicht, was sie getan hat. Sie hat eine Entscheidung getroffen.

Die eine Entscheidung des Körpers war? In Ihren Texten führt die sexuelle Anziehung bisweilen Menschen völlig unterschiedlicher Herkunft zusammen. Und Sie verurteilen das nie, meistens lassen Sie diese Lieben sogar gelingen.
Ja, diese Macht des Sex, alles andere wegzuwischen, was zwei Menschen voneinander trennt, hat mich immer interessiert. Soziale Klasse, Bildung, Lebensstil, alles spielt keine Rolle mehr. Zwei einander völlig fremde Menschen können sich in einem einzigen Augenblick körperlich ineinander verlieben. Darin liegt etwas zutiefst Verstörendes für eine moderne und geordnete Gesellschaft. Wobei es Männern ja oft möglich war, Familie und Geliebte oder zumindest kurze Affären zu haben. Frauen hatten es da schwieriger. Oder aber sie bezahlten einen so schrecklichen Preis dafür wie die arme Anna Karenina.

Ist der Sex in Ihrem Schreiben auch ein Mittel gegen die Vergänglichkeit?
Guter Gedanke. Kann sein. Wie kommen Sie darauf?

In einem Ihrer Texte, «Eine schwimmende Brücke», kommt eine vierzigjährige Frau vom Arzt, sie ist todkrank. Dann lernt sie einen sehr jungen Mann kennen, auf einem Spaziergang küssen sie sich. In diesem Kuss liegt ein existenzieller Trost, die Frau verliert die Angst vor dem Tod. Ich bin froh, dass Sie diese Geschichte erwähnen. Es ist eine meiner liebsten. Und, ja, das ist tatsächlich eine der Funktionen von Sex: der Sterblichkeit zu entkommen. Für kurze Zeit, zumindest. Der Umgang mit der Vergänglichkeit, die Fluchtwege, die man wählt, das ist auch in meinem jüngsten Buch «Runaway» ein wichtiges Thema. Es ist in vielerlei Hinsicht mein düsterstes Buch.

Sie sagten irgendwo, es sei auch Ihr letztes Buch.
Das war eine Lüge! Ich sage schon lange bei jedem neuen Buch, es sei das letzte.

Wie die Rolling Stones. Die sagen auch immer, sie seien definitiv auf der letzten Tour.
Genau. Ich bin der Mick Jagger der Literatur. Ich schreibe einfach immer weiter.

(Das Interview erschien 2006 im «Magazin»).

Erstellt: 10.10.2013, 14:13 Uhr

Munro, Alice, «Zu viel Glück», Fischer Taschenbuch, 362 Seiten, ISBN 978-3-596-18686-0, CHF 16.90.

Zu viel Glück

Interview mit Munro (2009)

Interview mit Munro (1979)

Artikel zum Thema

Literaturnobelpreis geht an Alice Munro

Die Kanadierin gewinnt die wichtigste literarische Auszeichnung. Sie sei eine «Meisterin der Kurzgeschichte», begründete die Jury. Mehr...

Frau Tschechow

«Zu viel Glück» heissen Alice Munros meisterhafte Erzählungen. Sie sorgen weit über die Lektüre hinaus für Bewegung und Unruhe – und glückliche Leser. Mehr...

Gespür für das Unausgesprochene

Blick zurück auf die Anfänge einer grossartigen Autorin: Der Erstling der Kanadierin Alice Munro ist endlich auf Deutsch erschienen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Zum Wiehern: Ein Pferd scheint sich in Feldberg im Schwarzwald über die weisse Pracht zu freuen. (18. November 2019)
(Bild: Patrick Seeger) Mehr...