«Ich bin näher am Volk als mancher SVPler»

Pedro Lenz ist der Schweizer Schriftsteller, der die Arbeitswelt wirklich kennt. Auch am Zürcher Hauptbahnhof hat er gemauert.

«Ich war nie Berufsberner», sagt Pedro Lenz. «Meine Mutter wanderte aus Spanien zu, mein Vater aus Wil.» (Foto: Dominique Meienberg)

«Ich war nie Berufsberner», sagt Pedro Lenz. «Meine Mutter wanderte aus Spanien zu, mein Vater aus Wil.» (Foto: Dominique Meienberg)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In Ihren Geschichten spielen Beizen eine grosse Rolle. Wie kommt das?
Mit 16 kam ich als Langenthaler Maurerstift in die Erwachsenenwelt. In die Beizen. Viel mehr als heute waren sie ein Ort des Austausches. Facebook hatten wir damals nicht. Es gab die Spanische Weinhalle. Den spanischen Club. Die Traube und den Rebstock. Alle Jungen verkehrten dort.

Vom Gymnasiasten bis zum Junkie?
Wenn die Beiz um Mitternacht oder so zumachte, sagte einer von den Junkies: «Ihr könnt zu mir in die Stube kommen, ich habe noch Roten. Und wenn einer noch Geld hat, soll er doch ein paar Flaschen Bier über die Gasse kaufen.»

So lernten Sie die Figuren kennen, die Ihre Geschichten bevölkern?
Wenn ich nachts von Bern mit dem Zug heimfuhr, erlebte ich, wie in Langenthal schon der Zivilfahnder auf den Junkie wartete. Sie waren alte Bekannte. Der Junkie sagte: «Ja nein, Herr Ruch, schon wieder eine Kontrolle, muss das sein?»

Ihr Buch «Der Goalie bin ig» kommt jetzt ins Kino. Hauptfigur ist einer, der aus dem Gefängnis kommt. Ein Typ von unten. Sind Sie der Volksschriftsteller der Schweiz?
Ich finde das eine schöne Bezeichnung. Was mich interessiert, sind Figuren, die ich kenne und begreife. Das heisst nicht, dass ich nicht auch einmal über einen Politiker schreiben könnte oder über einen Lastwagenunternehmer. Aber es muss eine Nähe geben.

«Volksschriftsteller» enthält «Volk», das SVP-Lieblingswort. Problem?
Die SVPler haben die Liebe zum Volk nicht erfunden, die gab es vorher schon. Ich bin vermutlich näher am Volk als mancher von denen.

Was ist das Beste an der Verfilmung?
Meine Sicht der Hauptfigur ist erhalten. Dass man scheitern darf und doch Mensch bleibt. Wir sind heute in einer Zeit, wo man schnell hämisch reagiert und über einen Sportler sagt: «Hey, was ist denn mit dem Janka, der ist ja gar nichts mehr! So eine Flasche!»

Hat die Verlierer-Verachtung zugenommen?
Uns wurde im Religionsunterricht immer wieder gesagt, dass man dem Opfer aufhelfen muss. Wie es der Jesus vormachte. Wenn es damals einer nicht in die Sek schaffte, wusste er, dass er trotzdem eine Lehrstelle finden würde. Heute ist selbst die Sek keine Garantie.Sie waren sieben Jahre Maurer. Waren Sie mit 2,02 Metern nicht zu gross? Das gab sicher Rückenweh.Es war Sturheit von mir, das zu lernen. Damals trugen wir 50 Kilo schwere Zementsäcke. Minibagger gab es nicht, wir hoben Gräben aus, verlegten Rohre, machten Schalungen, verputzten.

Und Sie konnten mithalten?
Ich konnte von der Mutter her Spanisch und lernte schnell Italienisch. Und ich erlebte auf dem Bau Solidarität. Wenn ein alter Büezer sah, dass der Stift nicht mehr konnte, sagte er: «Komm, hock hin.» Sie zeigten mir, wie man die Schaufel übers Knie legt, damit das Bein die Last mitträgt.

Und nach der Lehre?
Ich wusste, ich kann die Vorarbeiter-Polier-Schule machen, aber dann habe ich eine Baustelle mit Maschinen und zehn Mann zum Führen. Ich schob das immer wieder hinaus. Manche Leute meinen heute, ich sei schnell ein wenig auf dem Bau gewesen, weil das gut tönt im Lebenslauf. Die Maurerei war mein Leben! In Zürich arbeitete ich Mitte der 80er zwei Jahre auf der unterirdischen Baustelle im Hauptbahnhof. Heute sind das die Geleise 43/44.

Wie ist das, wenn Sie heute dort vorbeikommen?
Manchmal muss ich dort unterwegs zu einem Auftritt umsteigen, etwa wenn es nach Uster geht. Wenn die Musiker dabei sind, sagen sie: «Lenz, halt da unten dann den Latz! Nicht schon wieder die Geschichte, dass unter den Bodenplatten ein Meter Beton liegt und dass dir damals der Beton aus dem Schlauch ins Gesicht gespritzt ist!»

Sie sind einer der wenigen Schweizer Schriftsteller, welche die Arbeitswelt wirklich kennen.
Ich kann aber übrigens nur vom Schreiben leben, weil ich so oft auftrete. Gut 200-mal pro Jahr.

Wie hält man es aus, immer auswärts essen zu müssen?
Ich habe warmes Essen als Bedingung in meinem Vertrag. Es gibt Orte, da kochen die Veranstalter für mich.

Wie wird ein Maurer Schriftsteller?
Es war ein langer Weg. 1986 war ich Maurer, schrieb aber schon. Ich ging mit einem Kollegen an die Solothurner Literaturtage. Wir kannten niemanden. Max Frisch hielt seine Rede vom goldenen Kalb. Mir fiel auf, dass er Jünger hatte. Humoristische Distanz zum Geschehen stellte ich hingegen nicht fest.

Will man Sie heute auch als Welterklärer einspannen?
Manche haben das Gefühl, der Schriftsteller sei eine Instanz wie der Priester. Er sei näher am lieben Gott. Journalisten fragen mich: «Warum sind Sie nicht politisch? Der Frisch war noch politisch!»

Warum sind Sie nicht politisch? Ich bin grundsätzlich kein Frisch. Aber im Ton eines Regierungsrats zu sagen: «Schaut mal, Schweizer, so läuft der Laden, das und das macht ihr falsch!» – das geht heute einfach nicht mehr.

Haben Sie Jünger? Groupies?
Meine Groupies sind nicht 20, sondern dreimal 20. Sie wollen nicht mit mir ins Bett, schreiben mir aber lange Briefe, in denen sie etwas aus meinen Büchern auf sich beziehen.

Sie waren auch katholischer Jugendarbeiter. Wie kam es dazu? Als Maurer gab ich meine Ferien jeweils für Jungwachtlager her. Ich absolvierte Kurse und wurde Leiter. Mir gefiel das. Dann sagte der Pfarrer von Langenthal, er brauche einen wie mich für die Jugendarbeit. So gab ich die Maurerei auf. Daneben machte ich eine theologische Grundausbildung. Die Idee war, anschliessend Theologie zu studieren.

Sie hätten Priester werden können.
Ich wusste, dass ich nicht zölibatär leben wollte. Bei der Kirche war man natürlich enttäuscht, als ich nach vier Jahren ging.

Wie stehen Sie heute zur Kirche?
Ich habe Mühe, wenn ich sehe, wie der Bischof von Chur den Geschiedenen und Schwulen den Tarif durchgibt. Das ist keine christliche Grundhaltung. Es geht auch anders. Ich habe ein herrliches Verhältnis zu den Kapuzinern in Olten.

Sie gehen in den Gottesdienst?
Selten. Am Sonntagabend. Die Kapuziner haben bei ihrem Kloster eine Kirche. Dort ist es schön. Sie sind nicht arrogant. Sie fragen mich nicht, wie ich lebe, ob ich geschieden bin und so weiter.

Wie sehen Sie den Papst?
Er hat die Nähe zu den Menschen nicht verlernt, er setzt Zeichen, etwa wenn er sich als Fussballfan outet. Er kann nicht von heute auf morgen alles über den Haufen werfen. Aber er macht einen Unterschied.

Sie leben als Berner in Olten, also im Solothurnischen. Wie geht das?
Ich war nie ein Berufsberner. Meine Mutter wanderte aus Spanien zu, mein Vater aus Wil, St. Gallen.

Das wäre lustig: Pedro Lenz tritt auf die Bühne und sankt-gallert wild. Leider kann ich es nicht gut. Aber ich trete manchmal mit Michael Stauffer auf, einem Thurgauer. Haben wir in Bern das Gefühl, die Leute seien auf dem Mani-Matter-Trip, sage ich: «Stauffer, begrüss du!» Und er thurgauert los. Es gibt Leute, die das ärgert.

Berner Dialektchauvinismus.
Warum soll die Thurgauer Mundart wüst sein und meine schön? Ich sage solchen Bernern: «Hören Sie einem Stahlberger zu, was der mit seiner Sprache macht! Oder einem Rittmeyer! Oder einem Gnädinger! Der ist mit seinem Schaffhauser Dialekt eine Ohrenweide.»

Bundesrat Schneider-Ammann ist Langenthaler Ehrenbürger. Wollen Sie das auch werden?
Ich habe ein gutes Verhältnis zu den Langenthalern, das reicht mir.

Was ist der Unterschied zwischen Langenthal und Olten?
In Langenthal gibt es Ureinwohner, denen es darauf ankommt, ob man seit Generationen im Ort wohnt. In der Eisenbahnerstadt Olten hingegen kommen alle von irgendwo. Oltner ist man nach einem Jahr oder so.

Das heisst: Sie sind jetzt Oltner.
Die Stadt hat eine grosse Assimilierungsfähigkeit. Ich kenne den Bruder des Fussballers Gökhan Inler, er arbeitet beim Werkhof und hält die Stadt sauber. Die Inlers sind Oltner, Trimbacher genau genommen. Sie sind richtig von hier, haben die Schule hier besucht und sind mit allen verhängt, gute Leute. Wenn einer einem Inler das Schweizersein abspricht, weil die Eltern aus der Türkei gekommen sind, macht mich das hässig.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.01.2014, 09:05 Uhr

Artikel zum Thema

Unentschieden für Züri West

Wenn die Verfilmung von Pedro Lenz' «Dr Goalie bin ig» ins Kino kommt, sind auch Kuno Lauener und Züri West mit von der Partie – sie steuern den Titelsong bei. Das Musikvideo. Mehr...

So sieht «Der Goalie» aus

Exklusiv Im Februar 2014 kommt der Film «Der Goalie bin ig» nach der Vorlage von Pedro Lenz in die Deutschschweizer Kinos. Der Trailer zum Film. Mehr...

Der Goalie bin ig – Trailer

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Pedro Lenz
Demnächst im Kino zu sehen

Das Interview mit Pedro Lenz findet im Restaurant Flügelrad in Olten statt. Der 48-jährige Berner ist Mitbesitzer des Restaurants (sowie der nahen Galicia Musik Bar) und wohnt im Haus gleich beim Bahnhof.
Lenz, in Langenthal geboren als Sohn eines Schweizers und einer Spanierin, lernte ursprünglich Maurer, holte die Matura nach, wurde schliesslich Schriftsteller. Er schreibt auf Berndeutsch und ist auch ein viel beachteter Poetry-Slammer.
Am 6. Februar kommt der Film zu seinem erfolgreichen Roman «Der Goalie bin ig» ins Kino. Der Autor arbeitete am Drehbuch mit und hat einen kurzen Gastauftritt. (tow)

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Blogs

Tingler Aufklärung und Fadenlifting

Geldblog Wertschriften brauchen Sitzfleisch

Die Welt in Bildern

Keine ruhige Fahrt: Möwen fliegen über einen Mann, der am frühen Morgen in Neu Dehli mit seinem Boot über den Fluss gleitet. (21. November 2018)
(Bild: Anushree Fadnavis) Mehr...